Kunst

De Stijl in Leiden: Künstler Theo van Doesburg auf der Spur

Blick auf die Lakenhal. Hier gibt’s Kunst und mehr. 

Blick auf die Lakenhal. Hier gibt’s Kunst und mehr. 

Foto: Karin Borghouts / Presse Museum Lakenhal

Aus den Niederlanden.  Theo van Doesburgs De Stijl-Kunst zieht Touristen nach Südholland. Auf Entdeckungsreise durch Leiden und das wiedereröffnete Museum De Lakenhal.

Rote, gelbe, blaue oder weiße Quadrate, schwarze Vertikalen und Horizontalen – die Ästhetik des De Stijl ist weltberühmt. Touristen touren in die Niederlande, um die abstrakten Motive der Avantgarde um Theo van Doesburg und Piet Mondrian zu besichtigen. In Leiden nahm die Strömung ihren Anfang – mit van Doesburg, der zunächst der Liebe wegen in die Universitätsstadt zog. 1917 gründete er die Künstlergruppe, die unter dem Stichwort De Stijl etwa Piet Mondrian oder Gerrit Rietveld zu ihren Mitgliedern zählte. Höchste Zeit, einmal die Grenze zu überqueren und dem Ursprung der bekannten Kunstströmung nachzugehen.

Dabei ist das Stadtbild Leidens mit seinen Kanälen und typisch holländischen Backstein- und Giebelfassaden nicht auf den ersten Blick durch De Stijl geprägt. Wohl, weil die Richtung stark polarisierte. Hinter der klassizistischen Fassade des Theaters „Leidse Schouwburg“ etwa richtete Theo van Doesburg mit Kurt Schwitters 1923 den „Grote Dada avond“ aus, eine Dadaistische Veranstaltung, die für laute Proteste der Einwohner sorgte. Und im einstigen Kunsthandel Sala in der Breestraat wurden De Stijl-Werke bewusst nicht angeboten.

Das wohl einzige Haus mit offensichtlicher De Stijl-Fassade – Hausnummer 54 – reiht sich in die Häuserzeile der Breestraat nahe des Rathauses ein. Der Kontrast zu den sonst so pittoresken Giebeln lässt erahnen, wie sehr die neue Stilrichtung Teilen der Gesellschaft ein Dorn im Auge war und sich deshalb architektonisch kaum ausbreiten konnte. Ein Rundgang durch die Stadt zum Thema bietet sich für Interessierte dennoch an. Wasser, Wind und Wolken am stahlblauen Himmel: Darauf sollten Reisende sich allerdings einstellen – es sind nur 12 Kilometer bis zur Küste. Am Wasser kann aber auch in der Stadt gesessen und getrunken werden, etwa am zum Kanal gewordenen Rhein.

De Stijl in alter Tuchhalle

Zwischendrin lassen sich immer wieder Stopps zum Thema De Stijl einbauen, etwa an der alten Mehlmühle und einem Kanal voll Seerosen vorbei zum grafisch gelb, rot und blau gestalteten Achmea-Bürogebäude nahe des Hauptbahnhofes – einem Tribut an De Stijl. Hinter dem Portikus der Fassade des Museum Lakenhal warten – auch wenn es die Architektur von 1640 mit weißen Säulen und Dreiecksgiebel nicht vermuten lässt – bunte Motive Theo van Doesburgs und seiner De Stijl-Kollegen.

Seit 1874 wird die ehemalige Tuchhalle in der einstigen Textilhochburg Leiden als Museum genutzt, das im Juni nach seiner Restaurierung von König Willem-Alexander wiedereröffnet wurde. Hier finden sich neben einer Sammlung des 16. Jahrhunderts mit zwei Rembrandt-Gemälden eben auch Gemälde, Möbel und Glaskunst van Doesburgs und einiger Zeitgenossen, die Kontakt zu Futuristen, Dadaisten und dem Bauhaus unterhielten, die alle eine mehr oder minder utopische Gesellschaft und Ästhetik anstrebten.

Bis zur völligen Abstraktion

Eine Auswahl an neoimpressionistischen Gemälden veranschaulicht, welchen Kunstgeschmack van Doesburg zunächst in Leiden vorfand. Dabei probierte sich der Künstler auf dem Weg zu De Stijl selbst durch verschiedene Stile, wie ein expressives Selbstporträt nahelegt. Doch wollte van Doesburg dem Ornamentalen des Jugendstils – das sich an vielen Ecken in Leiden offenbart – eine nüchterne und reduzierte Ästhetik entgegensetzten, die bis in die völlige Abstraktion abglitt. Mit dem Ziel unter den Schlagworten „abstrakt, konkret“ das Leben „auf gerade Linien herunter zu brechen“ und auf „essenzielle Formen“ zu reduzieren, wie Kurator Rob Wolthoorn erklärt.

Das lässt sich an einem Stadtpanorama ablesen, an dem sich van Doesburgs Entwicklung vom Gegenständlichen ins rein Abstrakte nachvollziehen lässt. Dem Motiv in expressivem Gestus hängt eine abstraktere, eher geometrisch angelegte Version der Stadtansicht gegenüber. Über beiden Gemälden dann bunte Glasfenster aus reinen Rastern, die auf beide Stadtvisionen zurückgehen sollen. Das Panorama hat van Doesburg wohl vom Fenster seines Wohnhauses, Kort Galgewater 3, gemalt. Vor dem Gebäude erinnert heute das in die Straße eingelassene De Stijl-Cover an den Künstler.

Kunstpfade durch die Niederlande

So eignet sich Leiden als Etappe auf den Spuren des Vermächtnis der De Stijl-Künstler. Wer hier Lust auf mehr bekommen hat, fährt einfach weiter, etwa zur Villa Allegonda in Katwijk aan Zee bei Leiden. Oder etwas weiter bis nach Den Haag. Im Gemeentemuseum hängt die weltweit größte Sammlung an Werken von Piet Mondrian, van Doesburgs einstigem Weggefährten und späterem „Rivalen“, mit dem sich der Künstler wohl über den Einsatz von Vertikalen in der Malerei zerstritt. In Utrecht zeigt das Rietveld Schröder Haus die architektonischen Blüten der Bewegung, und das einstige Geburtshaus Mondrians in Amersfoort ist inzwischen zum Museum geworden.

Unsere Redaktion war auf Einladung des Niederländischen Büros für Tourismus und Convention (NBTC) in Leiden.

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