Tierärzte

Der Notdienst beim Tierarzt wird deutlich teurer

Ein Tierarzt nimmt in einer Tierklinik eine Computertomographie bei einem Airedale-Terrier vor.

Ein Tierarzt nimmt in einer Tierklinik eine Computertomographie bei einem Airedale-Terrier vor.

Foto: foto: dpa / picture alliance / dpa

An Rhein und Ruhr.  Wer mit seinem kranken Tier nachts oder sonntags zum Notarzt muss, muss demnächst mehr für die Behandlung bezahlen. Das hat mehrere Gründe.

Wer mit seinem verletzten oder kranken Tier dringend zum Notdienst in eine Tierklinik muss, muss sich in naher Zukunft auf zum Teil sehr viel höhere Kosten einstellen. Grund dafür ist die neue Notdienst-Gebührenordnung für Tierärzte, die der Bund Ende 2019 beschlossen hat und die in Kraft tritt, sobald sie im Bundesgesetzblatt veröffentlicht wird.

Nach der neuen Gebührenordnung müssen Tierbesitzer nun grundsätzlich eine Pauschalgebühr von 50 Euro bezahlen. Dazu kommen die Behandlungskosten, die steigen werden. Bislang konnten die Ärzte im Notdienst maximal den dreifachen Behandlungssatz nehmen, nun können sie den vierfachen berechnen.

Dr. Karl-Heinz Schulte, Vorsitzender des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte in Nordrhein, nennt ein Beispiel: Eine allgemeine Untersuchung eines Hundes mit Beratung kostet 13,47 Euro. Würde ein Arzt im Notdienst den dreifachen Satz berechnen, wären es 40,20 Euro. Nach der neuen Gebührenordnung dürften nun indes 53,88 Euro verlangt werden. Rechnet man die 50 Euro Grundgebühr dazu, macht das 103,88 Euro.

Einsatz einer zusätzlichen Stelle kostet 60.000 Euro

Der Tierärzteverband begrüßt die Anhebung der Gebühren, sieht sie sogar als längst überfällig an. „Wir hinken der allgemeinen Einkommensentwicklung hinterher“, sagt Dr. Karl-Heinz Schulte zur NRZ. Gleichzeitig sorgen die finanziellen Probleme und der Personalmangel im Notdienst zunehmend für Probleme. Wer einen 24-Stunden Notdienst anbietet, muss zusätzliches Personal stellen. Für den Einsatz einer zusätzlichen Stelle, so hätten es Berechnungen des Bundesverbandes ergeben, müsste eine Praxis 60.000 Euro pro Monat zusätzlich erwirtschaften.

Die Erhöhung der Notdiensttarife soll dabei helfen. Tierkliniken dürfen sich nur Tierkliniken nennen, wenn sie einen 24-Stunden-Dienst gewährleisten. Können sie das nicht, müssen sie ihren Status als Klinik zurückgeben. So ist es in den vergangenen beiden Jahren in zwei Kliniken, unter anderem in Duisburg, passiert. Nach Auskunft der Tierärztekammer Westfalen-Lippe haben von Ende 2018 bis heute zwei tierärztliche Kliniken für Kleintiere ihren Status aufgegeben. Die Zahl der tierärztlichen Kliniken für Pferde hingegen sei in den vergangenen zwei Jahren konstant geblieben.

Oft ist ein Notfall gar kein Notfall

Die neuen Gebühren, so erklärt Schulte offen, könnten auch eine abschreckende Wirkung haben. Viele Tierbesitzer kämen in die Notfallsprechstunde einer Praxis oder Klinik, obwohl es sich nicht um einen Notfall handele. Ein Flohbefall oder ein lahmes Bein müssten nicht unmittelbar in der Nacht behandelt werden. Eine ähnliche Problematik beklagten zuletzt auch immer wieder humanmedizinische Krankenhäuser.

Immer weniger Mitarbeiter seien bereit, Nacht- und Wochenenddienste zu machen. Die Work-Life-Balance – und dadurch auch die Teilzeit-Arbeit – gewinne immer mehr an Bedeutung. Das sei ein großer organisatorischer Aufwand, so Schulte.

Prinzipiell gebe es einen Tierarztmangel. In einer Fachzeitschrift für Tierärzte hätten in einem Monat 300 Stellenangebote nur 15 Stellengesuchen gegenübergestanden.

Es fehlen Tierärzte an Rhein und Ruhr

Ein Problem: Viele würden Tiermedizin studieren, ohne eine richtige Vorstellung von den Anforderungen des Berufes zu haben. Die Folge: Viele Absolventen arbeiten nach ihrem Examen gar nicht als Tierarzt. Schulte fordert daher Praktika bereits vor oder zum Beginn des Studiums. Gleichzeitig seien fast 90 Prozent der Studierenden Frauen, die oftmals im Laufe des Lebens die Arbeitszeit reduzieren, um sich um die Familie zu kümmern.

Doch das Hauptproblem sind nach Ansichten des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte die rechtlichen Vorgaben des Arbeitszeitgesetzes. Die Verlängerung der Arbeitszeit von acht auf zehn Stunden darf demnach nur unter bestimmten Voraussetzungen erfolgen. Und die Ruhezeit muss ebenfalls eingehalten werden. Die Aufsichtsämter würden das inzwischen sehr strikt kontrollieren – und auch Bußgelder verhängen, erläutert Schulte.

Er würde sich eine Gesetzesänderung wünschen, in dem die Arbeitszeit flexibler geregelt werden könnte. Sprich: Statt einer Tagesarbeitszeit wäre eine wöchentliche Arbeitszeit hilfreicher, die 48 Stunden sollten flexibler verteilt werden können. Wer also vier Tage Überstunden lang ableistet, könnte beispielsweise an drei Tagen frei machen. Das könnte ein Anreiz für den Not- oder Wochenenddienst sein, meint Schulte. In der Humanmedizin sind flexible Arbeitszeitregelungen möglich, weil diese zwischen den jeweiligen Tarifpartnern vereinbart werden können. Nur: In der Tiermedizin gibt es zurzeit keine solche Tarifpartner, die einen entsprechenden Vertrag miteinander aushandeln könnten.

Notdienst-App soll Ärzten und Patienten helfen

Ein wenig Hilfe verspricht sich der Bundesverband praktizierender Tierärzte von einer tierärztlichen Notdienst-App, die derzeit getestet wird und in diesem Jahr auf den Markt gebracht werden soll. Darin können Ärzte ihre Verfügbarkeit eintragen. Wenn jemand nur zwei Stunden Notdienst übernehmen kann, kann er auf diesem Weg einen Arzt suchen, der die übrigen Stunden abdecken würde. Auf der anderen Seite könnten Tierbesitzer auf dieser App sehen, welcher Tierarzt einen Notdienst anbietet. Und: Die Tierhalter können einen Notdienst-Check machen, in dem sie feststellen, ob es sich tatsächlich um einen Notfall handelt. Das könnte den Tierhaltern unnötige Kosten ersparen.

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