Luftfahrtgipfel

Gewerkschaft warnt: Flugpassagieren droht neuer Chaos-Sommer

Im vergangenen Sommer kam es in ganz Deutschland zu Tausenden Flugausfällen. Das könnte sich 2019 wiederholen, weil die Deutsche Flugsicherung zu wenig Fluglotsen hat.

Im vergangenen Sommer kam es in ganz Deutschland zu Tausenden Flugausfällen. Das könnte sich 2019 wiederholen, weil die Deutsche Flugsicherung zu wenig Fluglotsen hat.

Foto: Christian Charisius

Frankfurt.   Die Gewerkschaft der Flugsicherung rechnet in diesem Jahr mit doppelt so vielen Verspätungsminuten wie 2018. Besserung ist nicht in Sicht.

Hunderte Flugverspätungen und Flugausfälle pro Tag, knapp 30.000 Flugausfälle am Ende des Jahres – die Luftfahrtbranche blickt eher ungern zurück auf das Jahr 2018. Seit dem Luftfahrtgipfel Ende März dürfte klar sein, dass der Rückblick auf das Jahr 2019 am Ende noch schlechter ausfallen wird.

Das hat viele Gründe: Zum einen ist das Flugaufkommen in den letzten Jahren stärker gestiegen, als es von Experten prognostiziert wurde. Fluggesellschaften kamen kaum hinterher, der Nachfrage gerecht zu werden. Durch die Air-Berlin-Pleite hatte zum Beispiel die Lufthansa-Tochter Eurowings deutlich mit Wachstumsschmerzen zu kämpfen. Zum anderen gab es an den Einlasskontrollen an Flughäfen immer wieder Probleme und Streiks, wodurch sich Flüge verzögerten.

Für die größten Probleme ist aber ein anderes Puzzleteil verantwortlich: die Deutsche Flugsicherung (DFS). Das erklärt zumindest die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF). „Sollte sich der Verspätungsanteil der DFS in diesem Jahr nicht mehr als verdoppeln, so könnte man das schon als einen Erfolg bezeichnen – allerdings erscheint diese Erwartung unrealistisch“, hatte deren Bundesvorsitzender Matthias Maas bereits im Vorfeld des Luftfahrtgipfels verlauten lassen. Getrieben durch eine extreme Sparpolitik sei es in den letzten Jahren bei der DFS zu großen Personalsorgen gekommen, Fluglotsen fehlten heute an allen Ecken und Enden. Und der Luftverkehr hätte unter diesen Problem extrem zu leiden.

Allein in Karlsruhe fehlen laut GdF 140 Fluglotsen

Welche Auswirkungen der Personalmangel auf den Flugverkehr hat, zeigen Prognosen der Europäischen Organisation zur Sicherung der Luftfahrt, kurz Eurocontrol. Gerade im Luftraum über Karlsruhe, in dem sich europaweit die meisten Flugzeuge sammeln, herrscht laut GdF seit Jahren eine chronische Überbelastung. Der Grund ist vor allem ein erheblicher Lotsenmangel am Standort selbst, denn insgesamt fehlen in Karlsruhe laut Gewerkschaft knapp 140 Lotsen.

Die daraus resultierenden Probleme werden anhand von Zahlen deutlich. Verzeichnete Eurocontrol im vergangenen Jahr noch eine durchschnittliche Verspätungszeit von knapp zwei Minuten über dem Karlsruher Luftraum, geht die Organisation in diesem Jahr von drei Minuten aus – „wenn denn von der Abfertigung, über das Wetter bis zum Personal bei der Flugsicherung alles klappt“, betont GdF-Sprecher Jan Janocha. Im schlechtesten Fall rechnet Eurocontrol nämlich sogar mit acht Minuten Verspätungszeit pro Flug.

Deutlich mehr Verspätungsminuten als 2018

„Für den europäischen Luftraum geht Eurocontrol in diesem Jahr von einer durchschnittlichen Verspätungszeit von vier Minuten aus. Die DFS wird über diesem Schnitt liegen“, warnt Janocha. Ähnlich schätzt Bundesvorstand Matthias Maas die Entwicklungen ein. „Bei drei bis vier Minuten wäre ich glücklich.“ Nimmt man diese beiden Zahlen als Grundlage, wird deutlich, dass das Jahr 2019 für die Luftfahrt noch einmal deutlich schlimmer als das Problemjahr 2018 werden könnte.

Wurden bei 3,4 Millionen Flugbewegungen über dem deutschen Luftraum am Ende des vergangenen Jahres 5.605.928 Verspätungsminuten verzeichnen, könnten es am Ende diesen Jahres 10.200.000 bis 13.600.000 Verspätungsminuten sein. Deutlich mehr als doppelt so viele Verspätungsminuten als 2018. Darin eingerechnet wäre nicht einmal eine Steigerung der Luftbewegungen über dem deutschen Luftraum. Die soll bei bis zu vier Prozent liegen.

Lotsenmangel: Keine Besserung in Sicht

Und Besserung ist für die nächsten Jahre nicht in Sicht, denn die Ausbildung eines Fluglotsen dauert in der Regel drei bis vier Jahre. Die Flugsicherung hat nach Auskunft von Unternehmenssprecherin Ute Otterbein bereits reagiert und die Ausbildungszahlen von 120 noch einmal auf 146 Neueinstellungen im kommenden Jahr erhöht – mehr sei derzeit nicht möglich. Außerdem sei man auf der Suche nach fertig ausgebildeten Fluglotsen aus dem Ausland. Aber: „Einen echten Arbeitsmarkt für Lotsen gibt es nicht, dafür ist das Berufsbild einfach zu speziell, und der Markt ist leergefegt. Das Problem des Lotsenmangels teilen wir europaweit mit allen anderen Flugsicherungsorganisationen.“

Flugsicherung gibt der EU eine Teilschuld

Die Flugsicherung gibt unter anderem der Europäischen Union eine Mitschuld. Denn die bestimmt, wie viel Geld die Flugsicherungen für ihr Personal ausgeben dürfen. Von 2012 bis 2014 sei die EU-Prognose noch viel zu hoch gewesen. „Für den eingetretenen geringeren Verkehr hatten wir dann zu viele Lotsen und damit zu hohe operative Kosten“, erklärt Otterbein.

Von 2015 bis 2019 ging die EU dann von einem deutlich zu geringen Wachstum aus. „Nach den Erfahrungen der ersten Periode („zu viele Lotsen“) haben wir defensiver geplant. Nun, in der zweiten Periode („zu wenige Lotsen“), wirkt sich das vernünftige Haushalten zu unserem Nachteil aus.“

Die GdF wiederum kritisiert, dass viel zu spät reagiert wurde. Nun müsse man einige Jahre warten, bis die Auszubildenden fertig seien. Die Flugsicherung habe sich schon lange vorher verkalkuliert, kritisiert GdF-Sprecher Janocha: „Die EU-Vorgaben können für die DFS keine Ausrede sein. Mit den Ausbildungszahlen hätte man nicht einmal die Altersabgänge auffangen können.“

„Der Luftraum hat nun seine Grenzen erreicht“

Auch Rebecca Tackenberg vom Verbraucherportal EUClaim geht von anhaltenden Problemen aus: „Es wird in diesem Jahr wieder ein großes Chaos. Wir rechnen vor allem in den Sommermonaten wieder mit einigen Flugausfällen und Verspätungen.“ Nachdem im vergangenen Jahr insgesamt knapp 30.000 Flüge ausgefallen sind, rechnet sie in diesem Jahr mit ähnlich vielen Ausfällen. Vor allem werden aber deutlich mehr Verspätungen von unter drei Stunden erwartet, die das Verbraucherportal nicht mit in die Statistik aufnimmt. Große Folgen hätte das laut Tackenberg trotzdem, denn dadurch würden viele Anschlussflüge verpasst werden.

„Auf der Straße gehören Staus zum Alltag. Der Luftraum hat nun ebenfalls seine Grenzen erreicht, denn auch ein dreidimensionaler Luftraum kann nicht unbegrenzt Verkehrsströme aufnehmen, wenn Reisende ihren Urlaub zur gleichen Zeit an den gleichen Zielen verbringen möchten“, macht DFS-Sprecherin Otterbein deutlich. Das werden Fluggäste in den kommenden Monaten wohl wieder hautnah zu spüren bekommen.

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