Kolumne: Geschenkt

Herbst und Horror: Wie ich beinahe eine Tarantel besiegte

 Maike Maibaum betreut das Ressort “Familie und Irrsinn“.

 Maike Maibaum betreut das Ressort “Familie und Irrsinn“.

Foto: Funkemedien

Aufräumen ist nichts für Feiglinge. Vergessene Gefäße im herbstlichen Garten bergen manchmal Geheimnisse. Und im Laub kichert Stephen King.

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Jeden Tag eine gute Tat... ist eine schöne Idee, aber im Alltag schwierig. Gestern ist es mir gelungen, versehentlich. Ich bin vor unserer Haustür beinahe über eine Vase gestolpert – und plötzlich war ein sehr zartes Leben gerettet.

Was sollte denn die grüne Vase auf der Treppe? Man darf Männern keine filigranen Aufgaben wie „Terrasse aufräumen“ überlassen. Wasserkästen schleppen, Rinder grillen, Kriege anzetteln, okay. Doch „Aufräumen“ erfordert die Bereitschaft, sich mit Details und ihrem Platz im Dasein zu beschäftigen. „Grüne Vase“ kann man nicht essen, deshalb stellte mein Mann sie an seinen Lieblingsplatz für Lästiges: irgendwohin. Unten auf der Treppe stand sie ungünstig, weil ich den Tag ungern lang hinschlagend beginne. Schimpfend hob ich das Keramikgefäß … und stellte es hysterisch kreischend wieder ab. In der Vase bewegte sich was! Etwas Großes!

Gut, nicht allzu groß. Die Vase hat den Umfang einer Colaflasche, durch die Öffnung würde so eben ein Zwei-Euro-Stück passen. Oder eine schlanke Tarantel! Leider neigt mein Hirn dazu, fragwürdige Situationen nach Stephen-King-Art zu interpretieren. Den ich nie lese, weil der Alltag gruselig genug ist. Wo sonst wird man von einer Vase quasi angegriffen? Stellen Sie sich das vor wie Aladdins Wunderlampe im Animationsfilm. Die Vase wackelte, wankte, hüpfte. Es musste ein schweres Insekt darin lauern. Eine exotische Hornisse?

Angriff der Baby-Kobra

Oder eine Schlange? Mit sehr spitzen Fingern (erstaunlich, wie lang ein ängstlicher Arm werden kann) legte ich die Vase hin, sprang rückwärts, um vor einer herausschießenden Baby-Kobra sicher zu sein… und fixierte die dunkle Öffnung, als wäre sie der Lauf eines auf mich gerichteten Gewehrs.

Erst passierte nichts, dann erschien etwas Helles, Spitzes. Könnte der Stachel eines Skorpions sein, wirkte aber freundlicher, irgendwie... regional. Jetzt wurde das Spitze größer. Ein Schnabel! Ein winziger Kopf, Gefieder, mehr Gefieder: Eine Mini-Meise!... konnte ich noch denken – bevor ich Zeugin eines Weltrekords wurde. Meisen sind immer flott, doch diese überholte auf der Flucht ins Gebüsch einen Sonnenstrahl. Ich hörte ein seliges Piiiiiep! In Wahrheit war es eine komprimierte Oper über Furcht und Freiheit. Eigentlich gruseliger als die Tarantel: Wie lange hatte die Meise in der dunklen Flasche geklemmt, den unerreichbaren Ausweg über dem Kopf…

Gerettet! Es wurde ein schöner Tag, an dem ich mir mehrfach einen völlig unverdienten Tapferkeitsorden verlieh. Und meinem Mann zum planlosen Aufräumen gratulierte. Manchmal hängt Schusseln und Schicksal zusammen, sagt meine Meise.

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