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Hinter verschlossenen Türen – viele Jobs nur für Männer

Lesedauer: 6 Minuten
Diskriminierung bei der Jobvergabe. Kai Mitrowan, Gründer von Jobfem erzählt: „Hinter verschlossenen Türen wurde oft gesagt, ich soll nur männliche Kandidaten für die Vakanzen raussuchen. Eine diskrete, aber harte Aussage.“

Diskriminierung bei der Jobvergabe. Kai Mitrowan, Gründer von Jobfem erzählt: „Hinter verschlossenen Türen wurde oft gesagt, ich soll nur männliche Kandidaten für die Vakanzen raussuchen. Eine diskrete, aber harte Aussage.“

Foto: fizkes / Getty Images/iStockphoto

Düsseldorf/Duisburg.  Geklüngel in der Chefetage macht Frauen den Aufstieg schwer. Ein Düsseldorfer hat ein Jobportal für Frauen gegründet, warum das notwendig ist...

Eine Jobportal für Frauen, braucht es das? Ja, findet Kai Mitrowan, Gründer und Geschäftsführer des Düsseldorfer Unternehmens Jobfem. In der Jobvermittlung ist er nicht unerfahren, hat jahrelang mit seiner eigener Personalagentur passende Kandidatinnen und Kandidaten für Unternehmen rausgesucht und auch schon ein erstes Stellenportal aufgebaut. Doch warum jetzt Jobfem? „Hinter verschlossenen Türen wurde oft gesagt, ich soll nur männliche Kandidaten für die Vakanzen raussuchen. Eine diskrete, aber harte Aussage.“

Gerade bei großen Unternehmen spiele noch immer die Sorge vor Einschränkungen durch Kinder und Ehe bei Frauen eine Rolle. „Headhunter werden da vorher gezielt auf Männer angesetzt und öffentlich heißt es dann, es gebe nicht genügend qualifizierte Frauen in dem Bereich. Beratende Positionen gelten zum Beispiel als typischer Männerberuf.“ Bemerkt habe Mitrowan die Diskriminierung nicht nur in Führungspositionen: „Das gibt es auch schon bei Einstiegsberufen, bei Traineestellen.“ Während seiner Zeit als Jobvermittler habe er die Erfahrung gemacht, dass bei zehn bis 15 Prozent der Ausschreibungen so verfahren wird.

Wer inserieren will muss Haltung zeigen

Er sei selbst Ehemann und Vater, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie liege ihm für alle Geschlechter am Herzen. Frauen sollen sich bei der Jobsuche sicher sein können, dass sie in Unternehmen dieselben Chancen haben wie männliche Kollegen. Um bei Jobfem inserieren zu können, müssen Unternehmen belegen, dass sie Frauen und Männern gleichberechtigte Chancen bieten und familienfreundlich agieren. Nachweisen können sie dies aktuell mit einem Siegel von „Beruf und Familie“ und „Total E-Quality“. Firmen bewerben sich dort, werden von Mitarbeitenden geprüft, nehmen eventuelle Veränderungen in puncto Gleichberechtigung vor und erhalten das Siegel. Dafür zahlen sie jedoch auch Geld für die Prüfung.

„Um es auch kleinen Firmen, ohne große finanzielle Mittel zu ermöglichen bei uns mitzumachen, können sie sich auch den ‚women empowerment principles‘ verschreiben.“ Dabei handelt es sich um eine Reihe von Grundsätzen, die von den Vereinten Nationen gegründet wurden und zu denen sich Firmen öffentlich bekennen können.

Aktuell steckt das Start-up von Kai Mitrowan noch in den Kinderschuhen, die ersten Inserate sind erst Mitte April online gegangen. Doch auch bei der Akquise habe er bemerkt: „Wenn wir uns mit dem Konzept an Männer gewendet haben, war die Resonanz schlechter als bei Frauen.“

„Der Jobeinstieg gelingt Frauen meist sehr gut, aber der Aufstieg wird schwierig

Diskriminierungen im Arbeitsumfeld sind auch Prof. Dr. Ute Klammer geläufig. Sie ist geschäftsführende Direktorin des Instituts Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen und hat als Vorsitzende am ersten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung mitgearbeitet. Mit geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Arbeitswelt kennt sie sich also aus. Ihre Erfahrung: „Der Jobeinstieg gelingt Frauen meist sehr gut, aber der Aufstieg wird schwierig. Gute Frauen kommen nicht durch“, erklärt die Expertin.

Solche extreme Fälle wie von dem Personaler beschrieben, lassen sich nur durch eine temporäre Quote regeln, deren Nichteinhaltung effektiv sanktioniert wird, sagt Klammer. Schon in den, im Jahr 2017, veröffentlichten Gleichstellungsberichten, forderten Klammer und ihre Mitstreitenden eine Quote, um Frauen in Führungspositionen zu unterstützen.

„Old Boys Network“ macht Frauen die Karriere schwer

Schuld daran, dass es zu Beginn eine Quote brauche, seien viele Faktoren, darunter das „Old Boys Network“. Personen in höheren Positionen ziehen gerne Menschen nach oben, die sie schon besser kennen. Und Menschen tendieren dazu, Leute besser zu finden und als passender zu bewerten, die ihnen persönlich näherstehen, ähnlicher sind. Männerdominierte Strukturen ziehen daher eher Männer nach oben. Dieses Phänomen sei in Deutschland besonders stark, erklärt Klammer.

Um solche Mechanismen zu brechen, müsste es mehr Frauen in höheren Positionen geben. Denn erst ab einer Quote von 30 Prozent etabliere sich eine neue Kultur, die eine eigene Dynamik schaffen könne. Eine gesetzliche Quote bräuchte es dann nicht mehr.

Frauen erhalten seltener Weiterbildungen als Männer

Doch es gibt noch weitere Faktoren, warum Frauen seltener in Führungspositionen landen. „Bei Frauen wird angenommen, dass sie für die Familie lange aus dem Beruf ausscheiden. Es wird daher oft weniger in sie investiert. Sie erhalten zum Beispiel seltener Weiterbildungen als Männer.“ Wenn Frauen dann nach einer Schwangerschaft in den Beruf zurückkehren wollen, „landen sie oft auf dem Abstellgleis. Sie erhalten dann vielleicht das gleiche Gehalt wie vorher, aber Karriere ist für sie nicht mehr vorgesehen.“

Die Probleme liegen aber nicht ausschließlich auf Seiten der Unternehmen, ist sich Klammer sicher. Sondern auch im Privaten: „In Paarbeziehungen kann man heute am Anfang oft von einer Gleichberechtigung der Lebensweise sprechen, doch mit der Zeit und nach Gründung einer Familie lässt sich eine Retraditionalisierung der Rollen beobachten.“ Gründe dafür sind unter anderem der Gender Pay Gap, also das Lohngefälle zwischen den Geschlechtern, mangelnde Kinderbetreuung, die den Jobeinstieg erschwert sowie die Steuerklasse fünf, die das geringere Einkommen einer Ehe stärker versteuern als das höhere. „Manche Unternehmen nehmen das vorweg, indem sie Frauen für manche Jobs nicht in Betracht ziehen. Natürlich nicht offiziell, denn nach dem Gesetz sind Männer und Frauen gleichberechtigt.“

Klammer: Frauen brauchen mehr Selbstbewusstsein im Job

Klammer beobachte aber auch bei vielen Frauen Potential für Entwicklungen. „Frauen verkaufen sich oft unter Wert. Männer haben tendenziell mehr Selbstbewusstsein und ergreifen ihre Chancen. Wenn ein Job fünf Anforderungen hat und sie erfüllen vier, bewerben sie sich auf diese Stelle. Frauen wollen alle fünf Kriterien erfüllen und versuchen es seltener.“

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