Kolumne: Geschenkt

Unser täglich Brot...

So manches Brötchen vom Fast Food-Bäcker ist nur als Vogelfutter zu gebrauchen.

So manches Brötchen vom Fast Food-Bäcker ist nur als Vogelfutter zu gebrauchen.

Foto: dpa

Die meisten Bäckereien sind ja heute gut getarnte Fast Food-Läden. Allmählich bröselt das Image vom legendären deutschen Handwerk.

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Als deutsches Brot von der Unesco zum „Weltkulturerbe“ geadelt wurde, fand ich das übertrieben. Klar, Sauerteig ist Kunsthandwerk. Trotzdem reichte mir blasser britischer Toast zum Frühstück. Bis ich diese Bäckerei im Nachbarort entdeckte.

Viele Bäckereien sind ja getarnte Fast Food-Läden. Man nehme Holzvertäfelungen mit künstlichen Astlöchern, verknete sie mit Rotweißkariertem und garniere alles mit Schnörkelschrift auf Schiefertafeln. Schon wähnt man sich im Familienbetrieb, vierte Generation. Das Image bröselt, wenn man die Ware kauft, schlimmer noch – isst: „Dat Brötchen is schon Paniermehl, wennet ausser Tüte kommt“, sagt meine Freundin K. über Bäckerei-Ketten.

Vor Jahren sah ich den kleinen Laden am Niederrhein, trat ein und landete in den 70er Jahren. Damals kauften wir bei Frau Urbi, der weißhaarigen Bäckerin in der Duisburger Einschornstein-Siedlung. Die Bäckerei war düster, aber sie duftete nach Rosinen und Hefe. So stellt man sich als Kind den Himmel vor. Jedes Jahr Ostern denke ich, es ist kein Zufall, dass der Papst seinen Segen „Urbi et orbi“ widmet. Für meine Freundin Petra und mich waren es Festtage, wenn wir die acht Groschen für Schokostreuselkuchen von Frau Urbi zusammen hatten. Heute riechen Bäckereien nach der Luft im Brötchen.

An der Theke im Nachbarort fiel es mir wieder ein, Kuchen war mal eine Belohnung und nicht Kontrollverlust im Diät-Plan. Trotzdem probierte ich erst das Dinkelbrot – und konvertierte zum alten Glauben an das deutsche Handwerk. Ich kaute eindeutig auf Weltkulturerbe.

Meine Familie freute sich über die feinen Brote. Bald entwickelte sich Futterneid. Die Bäckerei ist sechs Kilometer entfernt, Nachschub kostet Sprit. Und Qualität spricht sich rum. Oft sind die Brote vergriffen. Also friere ich fleißig ein. Und taue abgezählte Scheiben auf, damit nichts verdirbt. Kaum schaue ich weg, findet eine wundersame Brotverminderung statt. Der Korb ist leer, die Familie schluckt, keiner war’s.

Hole ich ein komplettes Brot aus der Truhe, essen plötzlich alle Pizza. Tage später schimmelt Kulturerbe. Deshalb musste ich die Logistik ändern. Die Kinder behaupten, ich verstecke das Brot. Ich nenne es, „kostbare Scheiben würdig lagern“. Zum Beispiel im Hochschrank, hinter den Cornflakes.

Das sei Mundraub beharren Sohn und Tochter. Ich verweise auf jede Menge Nachschub in der Tiefkühltruhe. Aber der Weg in den Keller ist weit, deshalb meutern die beiden lieber gegen eine Mutter, die ihrer Brut kein Brot gibt. Na und?, erwidere ich hoheitsvoll, sollen sie doch Kuchen essen. Ich kenne da eine sagenhafte Bäckerei...

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