Jasis Woche

Verloren in der Sofalandschaft

Wenn Ihnen beim Anblick von Regalsystemen, Einbauküchen und Schrankwänden flau wird, dann leiden Sie womöglich auch unter einer Möbelhausallergie.

Neulich waren wir im Möbelhaus. Es war das dritte in einer Woche. Mit wurde übel. Ich bin sicher, dass es sich um eine schwere Allergie handelte: ich konnte keine Möbel mehr sehen, sie verursachten in mir Beklemmungen. Das ist schlecht. Möbelhausallergien kann ich mir im Moment nicht leisten, wir ziehen um. Seit Monaten. Unser Umzug ist der mutmaßlich längste aller Zeiten. Und jetzt wird mir auch noch flau von diesen ganzen Regalsystemen, diesen Schwebetürenschränken, diesen Monsterpolstergarnituren.

Überhaupt: diese Sofas.

Wenn bei uns zu Hause früher Gäste zu Besuch kamen, nahmen sie auf einem der drei Zweiersofas Platz, die sich um einen Tisch gruppierten. Die Gäste saßen immer separat von meinen Eltern, schön auf ihrer eigenen Seite, dazwischen diente der Couchtisch nicht nur als Abstellmöglichkeit, sondern auch als ganz natürlicher Sicherheitsabstand. Heute fläzen sich alle distanzlos in überdimensionierten Ecksofas, mit denen man auch in einer Fabrikhalle wohnen könnte (tun angeblich auch manche, die Halle heißt dann Loft). Ich selbst kenne niemanden, der so lebt. Die meisten haben völlig normale Wohnzimmer - neuerdings aber mit Sofalandschaften, die so weitläufig sind, dass man in ihnen vollständig die Orientierung verliert.

Seine Haltung übrigens auch. Weil man in diesen Ungetümen nicht sitzen kann, sondern nur liegen, oder besser: halb liegen - falls man mit den Gastgebern noch nicht ganz so vertraut ist. Man möchte bei halbfremden Leuten ja nicht so aussehen wie abends halbschlafend beim Fernsehengucken. Beim letzten Mal, als ich versuchte, die Konversation in einem dieser Stoffuniversen mit einem Mindestmaß an Würde zu überstehen, den Rücken ans Polster drückte, mich vorbildlich gerade hielt, stellte ich fest, dass die Länge meiner Beine im umgekehrten Verhältnis zur Sitztiefe stand. Irgendwie erreichten meine Kniekehlen nicht den Rand des Polsters. Ich sah aus wie eine Vierjährige auf dem Sofa ihrer Eltern, bei der die Füßchen soeben über die Sitzfläche hinausragen. Das Bild ließ mich nicht mehr los.

Wir haben dann kein Sofa gekauft. Sondern einen Schrank. Er wird irgendwann im Laufe des Frühjahrs bei uns eintreffen. Vielleicht so um Ostern herum. Heutzutage muss man ja seine Möbel schon bestellen, bevor man überhaupt daran denkt, dass man irgendwann mal umziehen möchte. Vielleicht sollte man sich einfach alle paar Jahre auf gut Glück einen neuen Kleiderschrank oder eine Regalwand kaufen - bis die geliefert sind, hat man ganz bestimmt eine neue Wohnung.

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