NRZ-Bankgeheimnis

Kalle, das Knie und der geschredderte Bundesliga-Traum

ONLINE VERSION Serie Bankgeheimnis 66

ONLINE VERSION Serie Bankgeheimnis 66

Foto: Miriam Fischer / funkegrafik nrw

An Rhein und Ruhr.  NRZ-Kolumnist Matthias Maruhn sitzt mit Karl-Heinz Pöhling auf der Bank. Er erzählt wie er vor 50 Jahren fast gegen die Bayern gespielt hätte.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die Stimme des Radioreporters vibriert leicht: Maruhn kommt über rechts, Schwarzenbeck rutscht ins Leere, Maruhn zieht nach innen, herrliche Körpertäuschung, Beckenbauer irrt durch den Strafraum, Maruhn müsste schießen… Er zieht ab. Tor! Was für ein Tor, was für ein Teufelskerl. Und jetzt zurück in die angeschlossenen Funkhäuser… Ich habe damals vor gut 50 Jahren nicht allein Radio Phantasia gehört. Ganz viele Jungs träumten davon, nur einmal in der Bundesliga zu spielen. Kam dann meist anders. Auch bei Karl-Heinz Pöhling, der heute die Bank drückt. Er aber war näher dran als jeder andere.

Die Geschichte ganz von Anfang an. Kalle wächst als Bäckerssohn im Essener Norden auf, die Eltern lassen sich scheiden, als er neun ist, das Leben wird rauer, er muss mit ran, verdient schon mit 12 etwas Kohle dazu. Mit 14 beginnt er eine Schlosserlehre auf der Zeche Zollverein in Katernberg, für die Sportfreunde dort tritt er schon mit Kindesbeinen gegen den Ball. Und trifft bemerkenswert oft ins Tor. Er wächst auf 1,90 heran, nutzt den sich so bietenden Luftraum für zahlreiche Kopfballtore, kann es aber auch mit beiden Füßen, wird in die Kreisauswahl berufen („mit den Kremers-Zwillingen“), dann in die Niederrheinauswahl, Schalke will ihn haben, er entscheidet sich aber für Rot-Weiss Essen. „Anfangsgehalt so etwa 800 Mark, zuzüglich Prämien.“

Sein schönstes Tor machte er gegen Fortuna Köln

RWE spielt 1968 in der Regionalliga West, damals die zweithöchste Klasse, Kalle ballert sich mit herrlichen Toren in die Mannschaft. Welches war das schönste?, frage ich ihn. Und Kalle springt sofort auf – er auch mit 71 beneidenswert rank und schlank – und performt das Tor: „Das war gegen Fortuna Köln. Ein Flugkopfball. Unhaltbar.“ Karl-Heinz ist ehrgeizig. Er spielt in der Bundeswehr-Auswahl, wechselt sich mit Klaus Fischer als Mittelstürmer ab. Mit RWE steigt er in die Bundesliga auf. Die Zukunft rollt den allergrünsten Rasen vor ihm aus. Bis zum 11. August 1969. „Fünf Tage vor dem Saisonstart. Erstes Spiel gegen Bayern München, die gerade Meister geworden waren. „Nur noch dieses Freundschaftsspiel gegen Kupferdreh. Ich sag zu Herbert Burdenski: „Trainer, ich will am Samstag den Beckenbauer tunneln, da kann ich heute nicht kicken.“ Der Trainer bleibt hart: Du spielst. „Ich war jung. Ich hab mich gefügt.“

Mitte der ersten Halbzeit geschieht, was nicht nur Unken ahnen „Hermann Roß, unser Torwart, wirft ab. Ich geh dem Ball entgegen, da kommt von hinten der Verteidiger angerauscht und haut mich weg.“ Der Leidensweg ist schmerzhaft und lang, hier die ganz kurze Fassung: Nach vier Knieoperationen in zwei Jahren erklären die Ärzte ihn zum Sportinvaliden. Der Traum ist geschreddert. Aber Kalle reagiert erwachsen. Er kauft sich von der recht üppigen Versicherungssumme keinen Ferrari, er versäuft die Knete auch nicht. Er kauft Immobilien und verkauft sie später mit Gewinn, er macht in Versicherungen und Energieberatung und lebt, wie es scheint und wie er auch sagt, ein prima Leben. Heute ist er mit Rita zusammen, besitzt ein Ferienhaus auf Mallorca, macht gerne Urlaub in Ritas Heimat Brasilien und trifft mitunter andere Haudegen von damals wie Willi Lippens und Werner Kik. Er hat seinen Frieden mit der zertrümmerten Karriere gemacht. „Auch wenn das Knie immer noch zwickt, ich musste sogar mit Golf aufhören, aber ich habe das alles nie bereut. Der Fußball hat mir so viel gegeben.“ Und ihre Träume verraten Jungs auch im Alter nicht.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben