NRZ-Bankgeheimnis

Kolumne: Ein Eidgenosse, Schubert und die Gänsehautstücke

Professor Till Engel sprach mit NRZ-Kolumnist Matthias Maruhn über sein Leben für die Musik

Professor Till Engel sprach mit NRZ-Kolumnist Matthias Maruhn über sein Leben für die Musik

Foto: Privat

An Rhein und Ruhr.  NRZ-Kolumnist Matthias Maruhn trifft den Musikprofessor und Pianisten Till Engel. Er führt ein Leben für die Musik, liebt aber auch das Wandern.

Der Tag, der meine Musikerkarriere brutal beendete, liegt nun auch schon über 50 Jahre zurück. Meine Mutter bat mich und meinen kleinen Bruder zu sich und stellte uns eine Kollegin aus dem Theater vor. Paula Dohmstreich-Röhrig hieß wirklich so und war eine in der Region bekannte Klavierspielerin. Ich sagte brav Guten Tag, machte einen Diener und sollte dann auch gleich in den Nebenraum gehen und gut zuhören. Frau Dohmstreich-Röhrig griff in die Tasten, und es drang die Frage um die Ecke: Dur oder Moll? Moll, sagte ich vorwitzig, der spielt doch bei Eintracht Braunschweig. Schweigen hinter der Wand. Mein kleiner Bruder antwortete mit größerem Ernst und nach zehn Minuten standen wir zur Verkündung des Urteils vor Paula und Muttern: „Der Kleine ist talentiert, beim Großen sind Hopfen und Malz verloren.“ Der Große war ich.

Das war’s. Ich bin wirklich unmusikalisch und deshalb Paula nicht gram, dennoch habe ich mir oft die Frage gestellt, wie das wohl ist, sein Leben so ganz der Musik zu widmen. Also habe ich für eine Antwort Till getroffen, Professor Engel, Konzertpianist und Dekan an der Folkwang Musikschule, wir sind seit Jahren befreundet, seit einer NRZ-Wanderserie, bei der Till und seine Frau Anne mich auf die Höhen über der Ruhr geführt haben.

„Mein Weg war vorgezeichnet“

Till wurde 1951 in der Schweiz geboren und ist bis heute Eidgenosse. „Als ich sechs war, zogen wir nach Hannover, mein Vater war auch Pianist und lehrte dort an der Hochschule. So war mein Weg vorgezeichnet. Allerdings wollte ich das auch immer. Ich habe Musik über alles geliebt.“ Aber er musste für die Liebe leiden. „In der Schule war es hart. Die Klassenkameraden haben mich verspottet und auf dem Heimweg verprügelt. Warum? Weil ich anders war. Klavier fanden sie blöd. ‘Mozart‘ war mein Spitzname, aber als Schimpfwort gemeint.“

Natürlich macht er dennoch weiter. Studiert in London, bewirbt sich mit 24 auf eine Professur an der Folkwang-Schule in Essen, wird genommen. Lernt Anne kennen, eine Pianistin, bestimmt beim Konzert, oder? „Nein richtig erst in einer Studentenkneipe. Die hatten ein Klavier, ich hab gespielt und Anne hat „House of the Rising Sun“ gesungen.“

„Es gibt so Gänsehaut-Stücke“

Seit 44 Jahren lehrt er jetzt, hat einige seiner gut 100 Schüler auf Weltniveau geführt, hat selbst viele Konzerte gegeben, gibt es da ein herausragendes Erlebnis? Till antwortet sofort: „Als ich zum ersten Mal die letzte Sonate von Schubert gespielt habe, ein unendlich trauriger langsamer Satz, da habe ich es gespürt, ganz tief in mir, genau dafür bin ich auf dieser Welt. Ich habe Gänsehaut bekommen. Es gibt so Gänsehaut-Stücke. Wenn ich die spiele und keine Gänsehaut bekomme, weiß ich, ich spiele nicht gut.“

Du wirst jetzt 68. Was kommt noch? „Die Studenten, die ich jetzt übernehme, sind die letzten. Spielen werde ich natürlich weiterhin.“ Gibt es da ein Stück, das wartet?

„Ja, die Diabelli-Variationen von Beethoven. Um die in den Griff zu kriegen, muss ich schon zwei Monate ununterbrochen üben. Acht Stunden am Tag. Da braucht man ein gutes Zeitmanagement. Denn ich will dann ja auch mehr Zeit für andere Dinge haben, Schach und Wandern. Das Wandern ist das schöne Gegenstück zum Klavier und zum Schach. Während dort alle Sinne auf einen Punkt fixiert sind, entfalten sie beim Wandern ihre ganze Breite.“ Ach ja, wir sollten mal wieder die Stiefel schnüren. Und Till erzählt dann von seinem Leben, einem Leben mit Musik.

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