Geschichte

„Lichter in der Finsternis“ des Widerstandes

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Am Niederrhein. 167 Widerständler der Brotfabrik „Germania“ in Hamborn wurden heute vor 75 Jahren im „Brotfahrer-Prozess“ zu hohen Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt. Die Männer aus Duisburg und Moers leisteten 1934/35 aktiv Widerstand gegen das NS-Regime.

„Sie waren Lichter in der Finsternis, Vorbilder für uns Heutige, und es waren gerade diese Männer, die nach 1945 wieder den Karren aus dem Dreck gezogen haben“, sagt Dr. Bernhard Schmidt, Stadthistoriker von Moers. Mutige Männer aus Duisburg und Moers, Sozialdemokraten und Kommunisten, die 1934/35 aktiv Widerstand gegen das NS-Regime leisteten, unter Einsatz ihres Lebens. Dafür zahlten sie einen hohen Preis: So verurteilte das Oberlandesgericht Hamm, ein Sondergericht für „politische Straftäter“, heute vor 75 Jahren, am 22. Juli 1936, die sozialdemokratische Widerstandsgruppe der Brotfabrik „Germania“ in Duisburg-Hamborn zu hohen Gefängnis- und Zuchthausstrafen.

Sie lieferten Brot -
und Widerstandszeitungen

Es gab eben nicht nur die berühmten Widerständler, die studentische „Weiße Rose“ um die Geschwister Scholl und die Männer des 20. Juli 1940 um den Hitler-Attentäter Graf Schenk von Stauffenberg. Es gab auch zahlreiche Männer und Frauen, die im Verborgenen geheime Netzwerke bildeten und couragiert gegen die Hitler-Diktatur kämpften, meist Gewerkschafter, Sozialdemokraten und Kommunisten.

Das Zentrum des sozialdemokratischen Widerstands am Niederrhein und im Rheinland befand sich bis Sommer 1935 in der damaligen Brotfabrik „Germania“, auch „Großbäckerei Kordahs“ genannt, in Duisburg-Hamborn, Ortsteil Obermarxloh, Im Holtkamp 4, hinter dem Hamborner Hauptbahnhof. August Kordahs, Sozialdemokrat und Mitglied des „Arbeiter-Turn- und Sportvereins Hamborn“, hatte die heruntergewirtschaftete Brotfabrik im Herbst 1933 gekauft und wieder aufgebaut. Der Genosse stellte zahlreiche arbeitslos gewordene Sozialdemokraten und Gewerkschaftssekretäre aus Duisburg, Moers, Oberhausen und Dinslaken ein.

Mehr als ein Jahr lang verteilten die Brotfahrer der Fabrik täglich nicht nur Brot und Zwieback an ihre ebenfalls sozialdemokratischen Abnehmer in Duisburg, Moers, Dinslaken, Kamp-Lintfort und anderen Städten des Niederrheins und Rheinlands. Bei ihren Lieferungen verteilten die Brotfahrer auch tausende Exemplare der „Sozialistischen Aktion“, des Zentralorgans der nach Prag emigrierten Exil-SPD (SOPADE). Durch die massenhafte Verbreitung dieser Zeitung wollte die Exil-SPD den Aufbau illegaler Gruppen verstärken und deren Zusammenhalt fördern.

Lieferungen von Moers bis nach Düsseldorf und Essen

Die Ruhrorter Lehrerin Hanna Niederhellmann, ebenfalls Sozialdemokratin, schlug Unternehmer August Kordahs 1934 vor, seine Fabrik und deren Brotfahrer für den Vertrieb der „Sozialistischen Aktion“ zu nutzen. Zwei neueingestellte Parteifunktionäre, Hermann Runge aus Moers-Meerbeck und Sebastian Dani aus Duisburg, übernahmen die Organisation des Vertriebs. Der Kreis vergrößerte sich rasch. Die Lieferungen gingen jetzt nicht nur nach Moers, Dinslaken oder Kamp-Lintfort, sondern u.a. auch nach Neuss, Düsseldorf, Aachen, Mülheim oder Essen.

So wurde die „Germania“ zur zentralen Verteilerzentrale für verbotene Zeitschriften, Flugblätter und Literatur, die die Lügen der Nazis und deren Verbrechen aufdeckten.

Kuriere, getarnt als Touristen, brachten illegale Zeitungen im Kleinformat oder als Broschüren mit dem Schiff oder mit dem Zug nach Duisburg. Das Material wurde in Zwischendepots, die sich zum Teil mitten in Duisburg befanden, gelagert und von Brotfahrern und deren Kontaktleuten verteilt. Mit Brotkutschen, Seifenkisten, Fahrrädern oder Motorrädern transportierten die Brotfahrer die Zeitschriften und Broschüren, versteckt in Zwiebacktüten oder Keksdosen.

Hermann Runge schildert, wie er das „Material“ über den Rhein in die Homberger Zechensiedlung Meerbeck brachte: „Oft haben wir die Schriften bei Kordahs in die Brand-Zwiebackpackungen gelegt. Ich musste meine Waren in Hamborn holen und dann in Homberg über die Rheinbrücke. Ein paar Mal bin ich von den Nazis kontrolliert worden. Aber die sind nie auf den Gedanken gekommen, in den Zwiebackpackungen nachzusehen. So kam das Material dann zu den Parteigenossen.“

Als Versteck für die verbotenen Schriften dienten Ziegenställe, Taubenverschläge oder Kohlenkeller in den Zechenhäusern. Auch die geheimen Treffen waren gut getarnt. Runge und seine Mitstreiter bauten einen großen Widerstandskreis auf, der von der niederländischen Grenze bis Westfalen reichte.

Bis Mai 1935 konnte sich die geheime Organisation halten. Aber Anfang Juni rollten die ersten Verhaftungswellen an. Die Gruppe wurde zerschlagen. Den Anstoß für die Enttarnung gab der Moerser NSDAP-Ortsgruppenleiter und Polizeidezernent Otto Suhr.

Insgesamt wurden rund 600 Personen auf „einen Schlag“ verhaftet. Dazu gehörten Hermann Runge, den man nach Dortmund auf die berüchtigte „Steinwache“ brachte und dort folterte. Verhaftet wurden auch Sebastian Dani, Hanna Niederhellmann, August Kordahs und viele mehr. Im Duisburger Polizeigefängnis starben die Bergmänner, Reinhold Büttner, Alexander Nöthen und Gustav Großmann aus Moers und Alfred Hitz aus Rheinhausen. Die Gestapo log und sprach von Selbstmord. Tatsächlich aber starben die Genossen an den Folgen der Nazi-Folter.

„Vorbereitung
zum Hochverrat“

Am Ende machten die Faschisten insgesamt 167 Brotfahrern und ihren Kunden, fast alle sozialdemokratische Arbeiter und Bergmänner, in drei getrennten Verfahren den Prozess, vor dem Oberlandesgericht Hamm (OLG). Das OLG tagte in Duisburg, weil hier die meisten Angeklagten in Untersuchungshaft saßen. Fast alle wurden wegen so genannter „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu hohen Gefängnis- und Zuchthausstrafen zwischen ein und neun Jahren verurteilt.

Unter den im zweiten Verfahren am 22. Juli 1936 Verurteilten befanden sich u. a. die späteren Nachkriegsbürgermeister Wilhelm Müller (Moers), Johann Steegmann und Walter Ulrich (Repelen-Baerl/Rheinkamp), Robert Schmelzing (Kamp-Lintfort) sowie Walter Leese und Bernhard Jung, die DGB-Nachkriegsgründer im Kreis Moers. Auch der erste Alterspräsident des NRW-Landtags, Peter Zimmer, gehörte dazu. Das Urteil gegen Hermann Runge erging vor 75 Jahren, erst am 11. Dezember 1936. Runge, nach dem Krieg einer der „Väter“ des Grundgesetzes und SPD-Bundestagsabgeordneter, erhielt neun Jahre Zuchthaus.

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