Spendenaktion

NRZ-Leser helfen jesidischer Familie mit ihren Spenden

Das Foto zeigt jesidische Flüchtlinge im Januar 2015. Sie haben sich vor den marodierenden Truppen des sogenannten Islamischen Staates in Sicherheit gebracht.

Das Foto zeigt jesidische Flüchtlinge im Januar 2015. Sie haben sich vor den marodierenden Truppen des sogenannten Islamischen Staates in Sicherheit gebracht.

Foto: SAFIN HAMED / AFP

Khana Sor.  Nach der Flucht vor dem Islamischen Staates, kann eine jesidische Familie endlich in ihr Dorf zurück. Die Spenden von NRZ-Lesern haben geholfen.

Khadir Elias Murat kann sich noch ganz genau an diesen grauenhaften Tag vor sechs Jahren erinnern. In der Nacht hatte er noch zusammen mit kurdischen Peschmerga an dem Checkpoint vor seiner Heimatstadt Khana Sor nahe der syrischen Grenze gestanden, dann hörten sie den Gefechtslärm näherkommen. Die schwarzgewandeten Krieger waren da, die Männer, die Jesiden wie Khadir Elias Murat abschlachten und versklaven wollten. Es blieb nur eines. Die Flucht. Sechs Jahre später gibt es Hoffnung für Khadir Elias Murat. Die Jesiden kehren langsam in ihre Heimat zurück.

Es ist glühend heiß an diesem 3. August 2014, so wie es Tage in dieser Jahreszeit immer sind in der Shingal-Region im Nordwesten des Irak. Sechs Wochen zuvor haben die Fanatiker des sogenannten Islamischen Staates die Millionen-Metropole Mossul weiter südlich eingenommen. Erst stürmen sie weiter Richtung Süden, Richtung Bagdad, stoßen dort aber auf erbitterten Widerstand. Dann wenden sie sich einem einfacheren Ziel zu. Den Angehörigen der christlichen und der jesidischen Minderheit.

Die Jesiden, Angehörige einer uralten, geheimnisvollen Religion, sind in den Augen der sunnitisch-islamistischen Extremisten Teufelsanbeter. Wie ausgeprägt der Hass ist, wurde schon am 14. August 2007 deutlich. Damals ermordeten Terroristen der Al Kaida in der Sindschar-Region bei einem Doppelanschlag fast 800 Jesiden. Es war der verhängnisvollste Anschlag in der irakischen Geschichte.

Noch brutaler und noch unerbittlicher

Der „Islamische Staat“ ist wie Al Kaida auf Crystal Meth. Noch brutaler, noch unerbittlicher, noch irrer. Khadir Elias Murat, Jahrgang 1970, hat gehört, welches Grauen die Fanatiker in den Süden getragen haben. Er kennt die Videos, in denen sie Menschen schlachten. Khadir Elias Murat ist Bauer, er hat 14 Kinder. Er lebt in diesem Sommer 2014 nahe Khana Sor, einer Stadt mit rund 30.000 Einwohnern. Anfang August wird klar: Sie werden in die Shingal-Region kommen.

„Ich habe in der Nacht kein Auge zugemacht. Dann haben wir die Einschläge und die Schüsse gehört.“ Panisch flieht er mit seiner Familie und 60 Nachbarn, die sie auf einem Lastwagen zusammenpferchen, so wie Hunderttausende andere Jesiden. Sie haben Glück, können sich auf die andere Seite der Grenze retten. In Kodscha, einem Ort nicht weit von Khana Sor, massakrieren die Terroristen über 600 Männer und verschleppen mehr als 1000 Frauen und Kinder in die Sklaverei.

Aus Syrien kehren Khadir Elias Murat und seine Familie alsbald in den Irak zurück, in die autonome Region Kurdistan, die über zwei Millionen Flüchtlinge aufnimmt. Dort leben sie anfangs in einem Rohbau, dann für fünf Jahre in einem Zelt in einem Camp. „Im Sommer war es unerträglich heiß, im Winter eiskalt, im Herbst stand unser Zelt manchmal unter Wasser.“ Nach Beginn der Corona-Krise mussten die Flüchtlinge zwischen März und Mai zwei Monate im Zelt verbringen.

Obwohl die Shingal-Region Ende 2015 befreit und das Terror-Kalifat 2017 besiegt wird, bleiben die Flüchtlinge in Kurdistan. Ihre Heimat liegt in Trümmern, ist vielerorts vermint, verschiedene Milizen streiten um die Kontrolle, immer wieder bombardiert die türkische Luftwaffe, weil sie in der Region Kämpfer der kurdischen PKK vermutet. Die Jesiden haben Angst.

In den vergangenen Wochen hat sich etwas verändert. Rund 20.000 Jesiden sind zurückgekehrt, zwar nur ein Bruchteil der 400.000, die früher in der Shingal-Region lebten, aber es ist ein Anfang. Erstmals zeigt die irakische Regierung Anstrengungen, die Rückkehrer zu unterstützen. Auch Khadir Elias Murat ist Mitte Juni nach Hause gefahren. „Wir konnten es nicht mehr im Camp aushalten. Wir wollen lieber in unserer Heimat sterben als im Camp.“

Ein Gewächshaus, Schafe und Hühner

Bei der Entscheidung geholfen haben die Leserinnen und Leser der NRZ. Mit dem Geld, das sie bei der Weihnachtsaktion gespendet haben, konnte die Caritas Flüchtlingshilfe Essen der Familie Murat und drei anderen Familien jeweils ein Gewächshaus, Schafe und Hühner kaufen. „Wir sind für eure Hilfe sehr dankbar“, sagt der 50-Jährige, „das war für uns die Grundlage dafür, dass wir zurückkehren.“ Er baut jetzt Gurken an. Für sich und seine Familie hat er eine kleine Hütte neben das Gewächshaus gebaut, um es jederzeit im Blick zu haben.

In Khana Sor ist ein Drittel der Häuser noch immer zerstört. Für die medizinische Versorgung und für die wichtigsten Einkäufe müssen Murat und seine Familienangehörigen in die Nachbarstadt Zanune fahren. Strom gibt es nur wenige Stunden am Tag, das Wasser wird mit einem Lastwagen angeliefert. Knapp 500 der früher einmal 30.000 Einwohner sind zurückgekehrt. Murat will bleiben. „Das ist meine Heimat“, sagt er am Telefon.

Um den Frieden in der Region zu wahren, sei es unerlässlich, Shingal wieder aufzubauen, die Rückkehr der Flüchtlinge zu ermöglichen, den Genozid juristisch aufzuarbeiten und die Jesiden am politischen Leben im Irak gleichberechtigt teilhaben zu lassen, so Ortac: „Das wäre der Weg der Versöhnung zwischen den Völkern und den Religionen in der Region.“

Die Caritas Flüchtlingshilfe Essen ruft weiter zu Spenden zur Unterstützung der Jesiden im Nordirak auf. Bank im Bistum Essen, IBAN: DE 4536 0602 9500 0010 2628, Stichwort: Nordirak

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