NRZ-Bankgeheimnis

Pandemie im 21. Jahrhundert mit sechs Buchstaben

Abstand halten: NRZ-Kolumnist Matthias Maruhn kann wegen Corona nur noch alleine auf seiner Bank sitzen.

Abstand halten: NRZ-Kolumnist Matthias Maruhn kann wegen Corona nur noch alleine auf seiner Bank sitzen.

Foto: Matthias Maruhn

An Rhein und Ruhr.  NRZ-Kolumnist Matthias Maruhn muss wegen des Coronavirus alleine auf seiner Bank Platz nehmen. Auch sein Alltag wird von der Pandemie bestimmt.

Am Freitag bin ich noch schnell zu meiner Mutter ins Altenheim. Sie ist 93. Schmuck ab, Hände einseifen, keine Berührung. Hallo Mama. Ich darf dich nicht umarmen. Da grassiert so eine neue Grippe. Sie nickt. Wir sitzen uns am Tisch gegenüber, schweigen und essen ein Stück Schokolade, der Champagner der Hochbetagten.Dann muss ich wieder los.Ich weiß nicht,wann ich meine Mutter wiedersehen werde. Es ist ein Trost, dass die Zeit in ihrem Leben keine Rolle mehr spielt; aber dieser Abschied sitzt wie ein Dorn im Gewissen, dem schlechten.

Gute Nachricht zu Hause. Wir hatten am Morgen mit Nachbarn eine „Einkaufshilfe“ für Alte undKranke ins Leben gerufen, Zettel verteilt, viele Nachbarn wollen in die WhatsApp-Gruppe. Noch ist nicht viel zu tun, überall ist die Familie am Start. Aber schön zu wissen: eine „gute Nachbarschaft“ kann wohl einrosten, aber sie ist auch schnell wieder geschmiert. Wie bei Ela damals, dem Pfingststurm.

Der vorerst letzte Besuch bei den Enkeln

Das Wochenende dann ist hart.Vorerst letzter Besuch bei den beiden Enkeln. Besser so. Sicherer. Bis man mehr weiß. Wir spielen. Dann fahren wir nach Hause. „Bis bald. Oma und Opa haben euch lieb.“ Die Kinder stehen vor derTür und winken. Meine Frau spricht nicht auf der Rückfahrt.

Montag. Eine Hummel im Wintergarten. So früh schon. Ich liebe Hummeln,aber sie sind doof. Meine hier fliegt immer wieder gegen die Scheibe. Mir gelingt es, sie mit der gerollten Zeitung sanft zur Tür zu bugsieren. Ich schaue ihr nach. Der Himmel ist herrlich. Blau. Ohne Graffiti. Die Flieger bleiben am Boden. Zuletzt vor zehn Jahren, Ausbruch des Eyjafjallajökull. Meine Frau trinkt neben mirTee. Sie ist nicht zur Arbeit. Alle Termine für ihr Kindertheater sind abgesagt. Auf Wochen. Das ist Mist. Und ich bin froh, dass ich noch kein Rentner bin. Sonst würde es jetzt eng und Schmalhans Küchenmeister. Eine Mail bimmelt. Doppelkopf fällt am Mittwoch aus. Vernünftig.

Vernunft statt Hamsterkauf

Am Montag beim Einkauf. Einige wenige Lücken in den Regalen. Nur noch drei Schlangengurken. Ob ich vielleicht... Aber da sperren der liebe Verstand und die gute Erziehung den kleinen Hamster in mir gleich wieder in sein Rad. Ich kaufe nur eine. Meine jüngere Tochterruft an, sie arbeitet in einem Hotel an der Nordsee. „Wir machen übermorgen dicht. Kurzarbeit.“ Sie hat’s nicht so dicke, neue Sorgen.

Ich fahre zurück und suche in meiner inneren Cloud nach Vergleichbarem. Der April 86 meldet sich. Die Kleine war damals zwei Monate alt und schlief im Garten, als die Wolke kam. Tschernobyl. Da hatte ich mehr Angst, viel mehrAngst. Aberdie verflog auch schneller. Es wurde stetig heller, jetzt wird’s mit jedem Tag diffuser.

Beifall für Retter, Helfer und Pfleger

Dienstag. Ich löse das Kreuzworträtsel in der NRZ. Epidemie im 14.Jahrhundert. Vier Buchstaben. Die Pest. Ob irgendwann nach einer Pandemie mit sechs Buchstaben gefragt wird? Auf komische Gedanken komm ich. Am Abend gehe ich um 21 Uhr kurz vor die Tür. Beifall für die Retter, Helfer und Pfleger sollen wir klatschen. Nix zu hören. Ich klatsche. Ganz kurz nur. Allein. Albern. Da ist noch Luft nach oben.

Gestern. Wie der schlecht geschlafen. Murks geträumt. Zum Glück vergessen. Der aggressive Ton einiger Politiker nervt ein wenig. Wir sind keine kleinen Kinder. Wir müssen uns erst eingewöhnen ins Leben mit beschnittener Freiheit. Die meisten geben sich alle Mühe. Egal jetzt.Natürlich müssen alle mitmachen. Diskutieren können wir später. Müssen wir dann aber auch mal.

Ich geh in den Garten und setz mich unter die Buche, die im letztenSommer verdurstet und ausgetrocknet ist. Ich hatte die Kettensäge schon in der Hand, aber mein Nachbar hatte abgewunken. Gib ihr nocheine Chance. Ich schau hoch in die Krone. Gibt’s doch garnicht. Knospen. Der Baum lebt. AchMensch, ich versteh‘ das mal als Omen.

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