Profanierung

So vielfältig werden Kirchen am Niederrhein umgenutzt

Pfarrerin Kirsten-Luisa Wegmann in der Dinslakener Lutherkirche.

Pfarrerin Kirsten-Luisa Wegmann in der Dinslakener Lutherkirche.

Foto: Erwin Pottgiesser / FUNKE Foto Services

Am Niederrhein.  Kolumbarium bis Gastronomie: Kirchenumnutzungen am Niederrhein sind unterschiedlich. In einer Düsseldorfer Kirche feiern nun Kopten Gottesdienst.

Die Backsteinfassade der Duisburger Rheinkirch e zeigt sich verwunschen. Vor dem Spitzportal sprießen Gräser, im verlassenen Inneren hängen feine Spinnenweben am Zierrat der Kanzel. Wohin es mit den langen Holzbänken und anderen Einrichtungsgegenständen geht, das kann Architekt Kay Fromm noch nicht genau sagen. Sicher ist aber: Die Orgel bleibt, Gottesdienste wird es hingegen nicht mehr geben.

Die Düsseldorfer Firma „Küss den Frosch“ des Architekten-Duos Andreas Knapp und Kay Fromm kaufte Grundstück und Gebäude im vergangenen Jahr, um ein Kolumbarium einzurichten. Noch läuft das Genehmigungsverfahren. So muss die Kirche warten, um von dem Architektenduo „wachgeküsst“ zu werden. Das Projekt sei „ein Stück weit Experiment“ und erfordere einigen Aufwand, denn es gebe erheblichen Sanierungsbedarf, etwa beim Dachstuhl. „Aber das kriegen wir hin.“

Denkmäler erhalten

Es ist nicht die erste Herausforderung, die Firma habe sich auf „ungewöhnliche Immobilien“, etwa ein Kloster oder Bunker und „Hinterhofgeschichten“ spezialisiert. „Weil es uns einfach Spaß macht. Wir sind nicht fürs schnelle Geld dabei“. Sondern, um außergewöhnliche Gebäude zu erhalten. So die Rheinkirche, die unter Denkmalschutz steht. „Sie ist außergewöhnlich schön, ein tolles Gebäude.“

An dem hingen auch die Gemeindemitglieder. „Wir kommen zwar nicht aus der Kirche, aber man muss natürlich eine angemessene Nutzung finden“, sagt Fromm. „Das Gebäude ist sehr sakral gestaltet. Ich sehe hier keine Bücherei oder Kita.“ Zudem: Gegen Gastronomiebetrieb oder Wohnraum spreche die Standortlage. Es sei eine Lösung gesucht worden, die in der Gemeinde ankommen würde. „Interessant, wie viele Menschen mit Bezug zur Kirche sich bei uns gemeldet haben. Es ist ein sehr emotionales Thema: Was passiert mit unserer Kirche?“

Für Menschen – gegen Steine

Diese Frage bewegt auch Pfarrerin Kirsten Luisa-Wegmann aus Dinslaken. Die Glocken der entwidmeten Lutherkirche im Stadtteil Lohberg sind seit Pfingsten verstummt. Grubenlampe und Altarbibel finden sich in der benachbarten Erlöserkirche, in der die Gemeinde bereits seit 2016 ihre Gottesdienste feiert. Seit Jahren sei absehbar: „Wir schrumpfen“. Da könnten nicht alle Gebäude gehalten werden. „Wir müssen nicht verkaufen, aber wir wollen“, sagt Wegmann – um den kommenden Generationen „die Entscheidung nicht zuzumuten“. Die Reaktionen aus der Gemeinde seien geteilt, auch der Pfarrerin fiel der Abschied schwer. 1952 wurde der Grundstein des Gebäudes gelegt, es sollte ein Zeichen „protestantischen Selbstbewusstseins“ im Bergbaustadtteil sein. „Die Erinnerung daran ist noch lebendig.“ Doch „das eine sind die Emotionen, das andere die Ratio.“ Wegmann würde sich „immer für die Menschen und gegen die Steine entscheiden.“

Einen Käufer für die Lutherkirche hat die Gemeinde in Dinslaken noch nicht gefunden. Die zunächst angedachte Weiternutzung als Kolumbarium habe sich als nicht wirtschaftlich erwiesen, so Wegmann. „Die Kirche ist schon eine Landmarke“, denkmalgeschützt allerdings nicht – möglicherweise ein Vorteil beim Verkauf. In jedem Fall müssen Glocke und Orgel zur Folgenutzung aus dem Gebäude, auch Taufbecken und Altar können nicht bleiben. Derzeit steht die Gemeinde in Verhandlungen mit einem Künstler. Der Bürotrakt und das Pfarrhaus sind bereits abgerissen, das Grundstück auf dem sie standen, verkauft. Hier kann nun altengerecht gewohnt werden. Kirsten Luisa-Wegmann hofft, auch für das profanierte Gotteshaus einen Käufer zu finden. Ein völliger Abriss des Kirchgebäudes drohe aber nur „im schlimmsten Fall.“

Gottesdienste und „Erlebnisse“

Die Bernardus Kapelle in Oberhausen konnte dem Abriss entgehen. Stattdessen heißen weiß gedeckte Tische, Servietten, Rosenblätter und Kerzen Hochzeitsgäste willkommen – und das „so gut wie jedes Wochenende“, sagt Gastronom Tobias Fleckner. Denn unter dem Stichwort „Erlebniskirche“ können in St. Bernardus seit 2007 Tagungen, Hochzeiten, Jubiläen und andere Festlichkeiten abgehalten werden. Nur keine „weltlichen Trauungen“, sagt Fleckner, der dafür oft Anfragen erhält. Die Kirche wurde zur Hälfte entweiht, erklärt Hubertus Wennemar, Verwaltungsleiter der Gemeinde. Ein Glasportal trennt den Altarraum mit Bestuhlung von der profanierten Eingangsbereich der Kirche, der mit Bar, Küche, Licht- und Musikanlage den Feierlichkeiten Raum gewährt. Hier kann auch getanzt werden.

Beide Teile der Kirche lassen sich gemeinsam nutzen. Mitglieder erneuerten hier sogar ihr Gelübde, zur silbernen, goldenen, sogar diamantenen Hochzeit, sagt Fleckner. „Sie sind froh, dass die Kirche nicht abgerissen, sondern erhalten bleibt.“ Dass in die Kapelle eine Gastronomie, auch für „weltliche“ Veranstaltungen, eingezogen ist, sei zwar ungewöhnlich, wissen Fleckner und Wennemar. Kritik bekämen sie dafür aber nicht. Aber es gebe Einschränkungen für die Festlichkeiten, so Wennmar. „Keine fremdenfeindlichen Veranstaltungen.“ Und keine nackten Frauen aus Geburtstagstorten. Pietà und Kreuz bleiben vom Gastronomiebereich durch die Glastüren sichtbar.

Vielfältige Umnutzung am Niederrhein

Bei der Johanneskirche in Moers war es ein „Match“: Das Gebäude passte perfekt auf ein Gesuch der Evangelischen Landeskirche, die ein neues Archivmagazin suchte – „erstens wegen ihres klaren Grundrisses und zweitens, weil sie nicht unterkellert ist“, so Landesarchivdirektor Stefan Flesch. Seit 2017 fasst das Gebäude 48.000 Kartons bei 8.000 Regalen. Rund 1,4 Millionen Euro kostete der Umbau. „Nach außen hat das Gebäude aber seinen sakralen Eindruck beibehalten.“

Weil die Franziskuskirche in Wesel ihrer Gemeinde zu groß geworden war, entsteht auch hier ein Kolumbarium mit bis zu 2000 Kammern. Im vergangenen Jahr nahm die Gemeinde mit einem Gottesdienst Abschied. Noch sei der Innenraum eine große Baustelle, sagt Anette Mücke, Leiterin des städtische Betrieb Abfall, Straßen, Grünflächen (ASG), die den Bau betreuen. Auch der Eröffnungstermin stehe noch nicht fest.

In der Düsseldorfer Bunkerkirche feiert die koptische Gemeinde inzwischen ihre Gottesdienste. Das Grundstück habe die koptische Gemeinde in Erbpacht von der katholischen Kirche erhalten, so Gemeindesprecher Christian Gerges. Das Gebäude sei eine Schenkung, die in diesem Jahr vom Koptischen Papst geweiht wurde. Beim Umbau habe die Gemeinde versucht, so viel wie möglich beizubehalten. So sei etwa die Ikonostase – eine Holzwand mit Ikonen – der halbkreisförmigen Architektur des Altarraums angepasst. Auch der koptische Altar wurde um den originalen herum gebaut. „Der Gottesdienst findet praktisch auf beiden Altären gleichzeitig statt.“

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