Bier

Sommelière weiß: Bierbrauen war früher immer Frauensache

Die Biersommelière Anja Kober-Stegmann testet regelmäßig neue Bierkreationen.

Die Biersommelière Anja Kober-Stegmann testet regelmäßig neue Bierkreationen.

Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

Düsseldorf.  Bier und Frauen gehören zusammen. Das verrät ein Blick in die Vergangenheit, aber auch in die Zukunft – weiß Biersommelière Anja Kober-Stegemann.

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Sanft das bauchige Glas schwenken, so dass kleine Bläschen in der goldgelben Flüssigkeit aufsteigen und sich die Aromen voll entfalten können. Erst in der Nase, dann im Mund. Und wenn es beim ersten Schluck noch nicht so richtig lecker schmeckt, dann einfach noch mal probieren. „Bier ist komplex, deshalb sollte man ihm immer zwei bis drei Schlucke geben“, erklärt Anja Kober-Stegemann. Als Biersommelière muss sie es wissen.

Dass Anja Kober-Stegemann Expertin für das noch immer eher den Männern zugeschriebene Getränk geworden ist, überrascht sie heute selbst manchmal noch. „Bis 2016 habe ich nie Bier getrunken“, erzählt sie und lacht. Doch als ein Freund sie auf den veränderten Biermarkt aufmerksam machte, war ihre Neugier geweckt. Denn bis zu diesem Tage hatte sie eigentlich nur Pils, Alt und Kölsch gekannt. „Ich wurde so sozialisiert, wie die meisten anderen Deutschen. Bier ist für viele einfach nur eine Getränkekategorie.“

Die Vielfalt der Biere überrascht

Als Anja Kober-Stegemann sich jedoch durch ihre ersten zwanzig verschiedenen Craftbiere probierte, öffnete sich plötzlich die Tür zu einer ihr bisher vollkommen unbekannten Geschmackswelt. „Ich hatte endlich meine Passion gefunden“, erzählt sie und noch immer funkeln ihre Augen bei der Erinnerung. Kurz darauf kündigte sie ihren Job in einem großen Unternehmen, legte sich eine Brauanlage zu und probierte gemeinsam mit drei Freunden verschiedene Rezepte aus.

„Mein erstes Bier schmeckte erstaunlich gut, aber ich habe am Anfang noch regelmäßig Fehlsud produziert“, so Anja Kober-Stegemann. Denn obwohl sie schon immer gerne in der Küche stand, ist das Kochen mit Hopfen, Malz und Hefe noch wesentlich komplexer als die alltägliche Essenszubereitung. „Einen Tag muss man immer einplanen“, betont sie. „Und dann kommt noch das ganze Putzen am Ende hinzu.“ Doch die viele Arbeit lohnt sich. „Letztens erst habe ich ein zwei Jahre altes Weihnachtsbier von mir im Keller gefunden und es hat noch besser als kurz nach der Herstellung geschmeckt.“

In Belgien gab’s die erste Braumeisterin

Dass vor allem dunkle, malzige Biere über die Jahre reifen können und so noch einmal ganz andere Aromen freigesetzt werden, hat Anja Kober-Stegemann neben ihren praktischen Erfahrungen mit eigenem Bier auch während ihrer Ausbildung zur Biersommelière gelernt. „Helle, eher hopfige Biere schmecken dagegen frisch am besten“, weiß sie. Und mit der Zeit hat sie sich noch andere spannende Dinge angeeignet, die sie in einem Gespräch fast beiläufig einfließen lässt.

„Liefman“ steht auf einem Glas, aus dem Anja Kober-Stegemann Wasser trinkt und so ihren Geschmacksnerven kleine Erholungspausen bietet. Bei dem Anblick des Schriftzuges beginnt sie zu lächeln: „Liefman ist eine belgische Brauerei, in der es mit Rosa Merckx erstmals eine Frau als Braumeisterin gab. Dabei war sie ursprünglich Sekretärin. Doch als ihr Chef in den Urlaub ging, übertrug er ihr die Führung.“ Sie blieb allerdings auch bei dem Job, als ihr Chef wiederkam und übernahm später sogar die Leitung. „Sie leistete echte Pionierarbeit in Belgien.“ Und schuf so ein Bewusstsein für etwas, das die Biersommelière weiter schärfen möchte.

Brauen war früher Frauensache

„Bierbrauen war früher eigentlich immer Frauensache“, betont Anja Kober-Stegemann. Kein Wunder, immerhin zählte das flüssige Brot als ganz normales Nahrungsmittel. Und für deren Zubereitung waren eben Frauen zuständig. „Im Mittelalter gab es deshalb als Mitgift auch keine schön bestickte Decke, sondern einen Sudkessel.“ Als jedoch in Zeiten der Industrialisierung größere Mengen gebraut wurden, die Arbeit also schwerer wurde und es plötzlich ums Geldverdienen ging, wurde die Frauen- zur Männersache.

Bis heute. Und nicht nur das Bierbrauen selbst ist häufig noch den Männern vorbehalten, selbst das Biertrinken verbinden viele kaum mit Frauen. Anja Kober-Stegemann weiß auch wieso: „Bierwerbung ist fast nur auf Männer zugeschnitten. Frauen dagegen tauchen eher in Sekt- oder Prosecco-Werbung auf.“ Ein fataler Fehler, wie sie selbst sagt. Denn bei ihren Tastings kommt so gut wie jede Frau auf den Geschmack von Bier, das auf keinen Fall immer die süße Fruchtvariante sein muss. „Es gibt nicht das eine Frauenbier, genauso wenig wie es die eine Frau gibt.“

Frieden kann auch süffig schmecken

Damit sie ihren Kunden und Kundinnen immer wieder neue, außergewöhnliche Biere für wirklich jeden und jede präsentieren kann, schaut Anja Kober-Stegemann regelmäßig im Düsseldorfer Holy Craft Beer Shop vorbei und testet dort selbst die neusten Kreationen. So wie an diesem Tag das Dölsch, eine rheinische Friedenserklärung zwischen dem Düsseldorfer Alt und Kölner Kölsch. Nach einem prüfenden Blick auf die Farbe schwenkt sie das Glas, schnuppert und nimmt einen Schluck. Dann noch einen. Damit die Geschmacksnerven auch wirklich jedes Aroma der goldgelben Flüssigkeit erfassen können.

>>> Die erste Weltmeisterin der Biersommeliers

  • Bei der sechsten Weltmeisterschaft der Biersommeliers in diesem Jahr hat erstmals eine Frau gewonnen. Die 28-jährige Elisa Raus ist Pressesprecherin der Störtebecker Braumanufaktur und hat sich gegen 79 Biersommeliers aus insgesamt 19 Ländern durchgesetzt.
  • Bei der Meisterschaft mussten die Teilnehmer ihr Wissen und ihre sensorischen Fähigkeiten rund um das Bier beweisen. Die besten Fünf präsentierten im Finale jeweils ein ihnen unbekanntes Bier vor einer Jury.
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