Die Festungsstadt Wesel

Warum nur sind die Nischen im Tor der Zitadelle leer?

So sieht das Hauptportal der Zitadelle Wesel heute aus.

So sieht das Hauptportal der Zitadelle Wesel heute aus.

Foto: (C) Jos Saris / Wesel Marketing

Wesel.  Wesel war einst eine mächtige und bedeutsame Festungsstadt. Seltsam nur, dass ausgerechnet die Nischen im Haupttor der Zitadelle leer sind...

Wer sich dem Eingang der Zitadelle Wesel von der Stadtseite her nähert und die Holzbrücke passiert, steht vor einem mächtigen barocken Tor aus rotem Sandstein. Links und rechts des Zugangs, der von Halbsäulen begrenzt wird, öffnen sich Nischen, die in der symbolverliebten Entstehungszeit dieses Portals zur Aufnahme von Göttergestalten gedacht waren. Aber weder Mars noch Minerva, noch andere Vertreter des barocken Götterhimmels ließen sich je hier nieder.

Dabei hätte der militärische und symbolische Stellenwert der Zitadelle, die als „cittadella“, eben als „kleine Stadt“, das Kernwerk der Festung bildete, eigentlich ein entsprechendes Figurenprogramm erfordert. Verkörperte die Zitadelle doch auf symbolischer Ebene den König und seine Familie.

Die fünf Bastionen

So führten ihre fünf Bastionen die Namen: König, Königin, Kronprinz, Kronprinzessin und Prinz von Oranien – so der Titel des ältesten Sohnes des Kronprinzen --, während die Bastionen der Stadtbefestigung meist nach den Provinzen des preußischen Staates benannt waren. Die Botschaft war klar: So wie die Zitadelle den Kern der Festung bildete, so sollte die Dynastie Dreh- und Angelpunkt des Staates sein. Warum also blieben diese Nischen leer?

Die Nichtvollendung des Tores verweist auf einen grundlegenden Stil – und Herrschaftswandel im alten Preußen, der auch für den Lebensweg des Architekten, der das Tor 1718 errichtete, eine einschneidende Zäsur bedeuten sollte.

Wesel war einst die größte und modernste Festung Brandenburg-Preußens

Sein Urheber, Jean de Bodt (1670-1745), setzte die Reihe der bauleitenden Hugenotten-Offiziere und - Ingenieure seit Beginn des Zitadellenbaus (1687) fort, die Wesel nach 1700 zur modernsten und größten Festung Brandenburg-Preußens machten.

Die zur Abwehr des expansionsfreudigen französischen Königs Ludwigs XIV. errichtete starke Feste wurde so von hochmotivierten französischen Fachleuten errichtet und verteidigt. Galt es doch ihren Lebensraum und ihre Glaubensfreiheit gerade gegen den Monarchen zu schützen, der sie zuvor aus ihrer Heimat vertrieben hatte.

Einer von ihnen war Jean de Bodt. 1670 in Paris geboren, fand er 1686 Aufnahme in einer niederländischen Kadettenkompanie und wechselte danach in das Garderegiment des Prinzen von Oranien. Später nahm er Dienste bei Wilhelm III. von Oranien, der 1689 den englischen Thron bestieg, und kämpfte in den 1690er Jahren als Artilleriespezialist im englischen „Artillery Train“ auf den Schlachtfeldern Flanderns.

Dann wird er Hofarchitekt

1699 tritt er als Kapitän in das Offizierskorps eines kunstsinnigen Monarchen ein: Friedrichs III., Kurfürst von Brandenburg, und seit 1701 als Friedrich I. erster König in Preußen.

Sein neuer Landesherr weiß bald, dass die Fähigkeiten des jungen Offiziers dessen militärische Aufgaben weit übersteigen. 1700 macht er ihn zum Hofarchitekten und überträgt ihm die Aufsicht über die Potsdamer Schlösser und Gärten, 1710 schließlich die Bauleitung des Berliner Zeughauses: des nach dem königlichem Schloss bedeutendsten Barockbaus in der preußischen Hauptresidenz. Zügig steigt de Bodt die Karriereleiter empor. 1706 ist er Oberst und Direktor aller preußischen Kriegsingenieure.

Militärischer Ruhm

Ab 1711 leitet er die Weseler Festungsarbeiten. 1712 ernennt ihn der König zum Brigadier (die unterste Stufe der preußischen Generalität), 1715 zum Generalmajor und 1719 zum Kommandanten der Festungsstadt Wesel. Militärischen Ruhm erntet er 1703 bei der von ihm arrangierten Beschießung Gelderns im Spanischen Erbfolgekrieg.

https://niederrheinmuseum-wesel.lvr.de/de/index.html

Aber auch in Wesel regiert nicht nur Kriegsgott Mars den weitgespannten Aufgabenkreis des Offiziers, sondern sprechen auch die Musen mit. Hier trifft er ganz den Nerv seines freigiebigen Königs Friedrichs, der die „gloire“ der Majestät durch künstlerisch bedeutende Bauten verkünden wollte. So entwirft de Bodt für Wesel – Preußens stärker Bastion im Westen – ein umfangreiches Torprogramm mit figurativen Gestaltungen, die im Klever Tor (um 1700) und Berliner Tor (1718-22) umgesetzt werden.

„nit continuiren, kein Geldt“

Auch wenn der Nachfolger Friedrichs seit 1713, der spartanische Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., die

enorme Summe von 70.000 Talern im letzteren Fall noch genehmigte, so schob er doch ähnlichen finanziellen Eskapaden in Zukunft einen Riegel vor. Beim schwerblütigen Monarchen, der Staatsdiener und Untertanen einer rigiden Dienst- und Arbeitsverpflichtung unterwarf, verfestigte sich die Ansicht, de Bodt würde unnötig Energie und Geld an „colifichés“ (Flitterkram) verschwenden. 1727 schränkte er dessen Kompetenzen in Wesel empfindlich ein und stoppte den Fortgang der bildhauerischen Arbeiten mit den Worten: „nit continuiren, kein Geldt“.

Im neuen Preußen hielt es Jean de Bodt nicht lange

In diesem neuen Preußen hielt es Jean de Bodt nun nicht länger: einem Land von ausgeglichenem Haushalt und wachsenden Rücklagen, was freilich nicht wenig wiegt, aber eben auch von sinkendem Kunstniveau. Er hatte Glück: In Dresden waren 1728 die Stellen des Chefs des Ingenieurkorps und des Indendanten des sächsischen Bauwesens zu besetzen. De Bodt konnte beide Funktionen übernehmen und reiste mit seiner Frau Madeleine und den fünf Kindern an den Hof Augusts des Starken, der ihn mit offenen Armen und weit geöffnetem Geldbeutel empfing.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben