Neue Statistik

Was alte und was junge Menschen in die Schulden treibt

Eine Frau bei einer Schuldnerberatung: Krisenhilfe - etwa wenn eine Stromsperre oder ein Rausschmiss aus der Wohnung drohen - gibt es in der Regel sofort. Bis zum Beginn einer nachhaltigen Schuldenregulierung vergehen aber mitunter Monate.

Eine Frau bei einer Schuldnerberatung: Krisenhilfe - etwa wenn eine Stromsperre oder ein Rausschmiss aus der Wohnung drohen - gibt es in der Regel sofort. Bis zum Beginn einer nachhaltigen Schuldenregulierung vergehen aber mitunter Monate.

Foto: dpa

An Rhein und Ruhr.   Bundesamt legt Überschuldungsstatistik 2018 vor. In NRW drängen Fachleute und SPD wie Grüne auf einen Ausbau der derzeit 208 Schuldnerberatungen.

Krankheit, Sucht, ein Unfall, Scheidung oder Tod des Partners: Bei älteren Personen ab 65 Jahren führen oft ein Schicksalsschlag oder eine Lebenskrise in die Überschuldung (fast 30% der Fälle). Bei knapp einem Viertel der Menschen bis 25 Jahren hingegen ist „unwirtschaftliche Haushaltsführung“ der Auslöser dafür, dass sie die Kontrolle über ihre Finanzen verloren haben – viele junge Leute haben schlicht nicht gelernt, mit Geld umzugehen.

Das geht aus der neuen „Überschuldungsstatistik“ hervor, die das Statistische Bundesamt an diesem Dienstag (28. Mai 2019) veröffentlicht hat. „Die Angaben zeigen sehr deutlich die Bandbreite unserer Arbeit in den Schuldnerberatungen“, sagt Georg Eickel, Experte beim Wohlfahrtsverband Der Paritätische NRW, gegenüber der Redaktion.

Im Schnitt 1573 Euro Telekom-Schulden

Die Angaben deuten aber auch an, wieviel Arbeit bei Beratungen anfällt – und wieviel eigentlich darüber hinaus noch zu tun wäre. Gerade Schuldner in einer Lebenskrise gelten als besonders beratungsintensiv. Und der hohe Anteil der jungen Leute mit „unwirtschaftlicher Haushaltsführung“ zeigt aus Sicht von Eickel, wieviel mehr Präventionsarbeit zum Beispiel noch nötig wäre.

Handy und Internet sind der Statistik zufolge die häufigste Kostenfalle für junge Leute: Knapp zwei Drittel (64,9 %) der unter 25-Jährigen, die im Jahr 2018 eine Schuldnerberatungsstelle aufsuchten, wiesen offene Verbindlichkeiten bei Telekom-Firmen auf – und zwar im Schnitt 1573 Euro. Dies entsprach gut einem Sechstel der gesamten durchschnittlichen Schuldenhöhe dieser jungen Leute von 8 849 Euro. Gegenüber stand ein durchschnittliches monatliches Netto-Einkommen von 777 Euro.

Trotz Arbeit reicht das Geld nicht

Anders ist die Lage bei den Schuldnern im Seniorenalter. Die durchschnittliche Schuldenhöhe lag da bei 43.740 Euro bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 1051 Euro pro Person. Die meisten Schulden hatten die Über-65-Jährigen nicht bei Telekom-Firmen (25,3%), sondern bei Banken (62,9%). Daraus und aus einer längeren Wirtschaftsaktivität resultieren die höheren Schulden.

Quer durch alle Altersgruppen lag der durchschnittliche Schuldenstand im Schnitt bei 29.008 Euro. Auffällig: 8,3% der beratenden Personen machten ein längerfristiges Niedrigeinkommen für ihre Überschuldung verantwortlich, bei jungen und bei älteren Schuldnern liegt der Anteil sogar noch etwas höher (jeweils 11,7%). Trotz Arbeit reicht das Geld nicht. „Das ist wirklich ein Problem“, bestätigt Fachmann Eickel. Vor 15 Jahren habe es das in dieser Ausprägung noch nicht gegeben.

Mehr Beratungsstellen auf dem Land

In NRW ist ein weiterer Ausbau der Schuldnerberatung nötig, meint Georg Eickels vom Wohlfahrtsverband Der Paritätische. Im größten Bundesland gelten laut jüngsten Zahlen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform rund 1,74 Millionen Menschen als überschuldet. Die höchsten Überschuldungsquoten gibt es in Duisburg, Dortmund und Essen.

Auf eine Krisenberatung bei einer der nrw-weit 208 Beratungsstellen müssen Betroffene nicht warten, auf eine nachhaltige Schuldenregulierung mitunter schon: „Das kann schon mal einige Monate bis zum ersten Termin dauern“, so Eickel. 451 Vollzeitberatungskräfte sind tätig. Laut Eickel könnten es gerade in den Ballungszentren - etwa im Ruhrgebiet - noch einige Fachberater mehr sein. Im ländlichen Raum fehlten weitere Beratungsstellen. Nur eine Beratung allein in der Kreisstadt reiche nicht aus.

Finanziert wird die Schuldnerberatung in NRW vom Land, den Kommunen und aus einem Sparkassenfonds. SPD und Grüne im Düsseldorfer Landtag machen sich ganz aktuell für einen Ausbau der Beratungsstruktur stark. „Viele Menschen müssen bis zu sechs Monate auf eine Schudnerberatung warten - das ist zu lange“, sagte SPD-Abgeordnete Inge Blask aus dem Märkischen Kreis gegenüber der Redaktion. Termine sollten binnen vier Wochen möglich sein.

Qualitätsstandards sollen erarbeitet werden

In einem gemeinsamen Antrag fordern die beiden Fraktionen, „allen Überschuldeten einen möglichst flächendeckenden, schnellen und bedarfsgerechten Zugang zur Beratung zu ermöglichen“. Sie wollen, dass mit Wohlfahrtsverbänden und Kommunen Qualitätsstandards erarbeitet werden. Wichtig sei auch, dass die private Insolvenzberatung mit der Schuldnerberatung zusammengeführt werden.

>>> HINTERGRUND

Für das Zahlenwerk zur Überschuldung haben die Statistiker des Bundesamtes Angaben von 559 der insgesamt rund 1 450 Schuldnerberatungsstellen in Deutschland ausgewertet. Diese hatten anonymisierte Daten von rund 136 000 beratenen Personen mit deren Einverständnis bereitgestellt.

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