Kirchenumnutzung

Wie profanierte Gotteshäuser umgenutzt werden können

Die Lukaskirche wurde zum Lukas-K-Haus – mit Kindertagesstätte, Wohnungen und Praxen.

Die Lukaskirche wurde zum Lukas-K-Haus – mit Kindertagesstätte, Wohnungen und Praxen.

Foto: Olaf Fuhrmann / Funke Foto Services GmbH

An Rhein und Ruhr.  Die Zahl der Kirchenaustritte steigt, viele Gotteshäuser rentieren sich nicht mehr. So finden profanierte Kirchen an Rhein und Ruhr neue Nutzung.

Der Kirchturm aus Beton ragt immer noch in den Himmel, aus der Fassade der ehemaligen evangelischen Lukaskirche in Essen-Holsterhausen ragen inzwischen Balkone. Statt Kirchgängern gehen Kita-Besucher, Patienten und Mieter durch die rote Haustür ins Innere des einstigen Gotteshauses. Mit seinen Glasfenstern im 60er-Jahre-Stil und den darunter liegenden Klingelschildern sieht das profanierte „Lukas-K-Haus“ der Gelsenkirchener Wohnungsverwaltung Vewo ganz nach einem Paradebeispiel der Kirchenumnutzung aus.

Und die braucht es: Die Zahl der Kirchenaustritte ist im vergangenen Jahr stark gestiegen, wie die jüngsten Veröffentlichungen der Evangelischen Kirche Deutschland und Deutschen Bischofskonferenz zeigen. Die sinkenden Mitgliederzahlen sorgen dafür, dass beide Kirchen Lösungen für ihre wirtschaftlich unrentable Gotteshäusern finden müssen – und dafür auch Gebäude für eine Umnutzung entwidmen. 2005 bis 2009 habe es eine „erste Welle“ an Umnutzungen im Bistum Essen gegeben, sagt Sprecher Ulrich Lota. „Wir sind jetzt unter 800.000 Katholiken im Bistum“, so Lota. Da stehe fest, dass noch weitere Kirchengebäude aufgegeben werden müssten. Derzeit gebe es 109 Gebäude, „von denen wir uns verabschieden“ – nicht alle von ihnen sind schon profaniert.

Multifunktionale Weiternutzung favorisiert

Das Bistum Münster – in dem 206.248 Katholiken im Kreisdekanat Wesel und 187.954 Katholiken im Kreisdekanat Kleve leben – listet bislang 64 entwidmete Kirchen, am Niederrhein betrifft das Gebäude in den Städten Geldern, Goch, Kleve, Dinslaken, Voerde, Kamp Lintford, Moers, Duisburg und Rheinberg. Insgesamt gibt es im nordrhein-westfälischen Teil des Bistums 695 Pfarrkirchen, Kirchen, Filialkirchen und Kapellen, die als Gotteshäuser genutzt werden, so Sprecherin Anke Lucht. „Das Bistum plant derzeit über die schon feststehenden hinaus keine weiteren Profanierungen.“ Allerdings könnten sich Pfarreien dafür aussprechen, eine Kirche profanieren zu lassen. Dann würde das weitere Vorgehen in jedem Einzelfall abgestimmt.

Auch protestantische Kirchen in der Region werden umgenutzt. Die Evangelische Kirche Westfalen zählt bei 2,2 Millionen Mitgliedern laut Pressesprecher Andreas Duderstedt derzeit 843 Kirchen und Kapellen. Seit 2001 wurden 78 Kirchen und 61 weitere Gottesdienststätten entwidmet. Bei 18 Gebäuden ist die weitere Nutzung noch offen. Die Evangelische Kirche im Rheinland, die rund 2,5 Millionen Mitglieder hat, verzeichnete im vergangenen Jahr 17 Entwidmungen im gesamten Gebiet, so Kirchensprecher Jens Peter Iven.

Die Infrastruktur sei „einst für rund vier Millionen“ Mitglieder angelegt worden. 2039 Predigtstätten waren im Jahr 2018 noch in ursprünglicher Benutzung,1196 davon „klassische Kirchengebäude“. Für Gemeinden, die ein Gebäude entwidmen wollen, bietet die Evangelische Kirche eine Bauberatung an, die „das Optimum für eine Gemeinde rausholen“ möchte. Deshalb laufe die Beratung eher in die Richtung, dass Gemeinden ihre Gemeindehäuser statt der Kirchen aufgebe und diese multifunktional weiternutzen. Denn: Abgesehen von der „quantitativen Betrachtung“ nehme es jede Gemeinde mit, ein Gotteshaus aufgeben müsse. „Da hängen Erinnerungen dran.“

Regeln für die Folgenutzung

Was wird nun aus einem profanierten Gotteshaus? Es gebe generelle Vorgaben, „was geht und was nicht geht“, so Kirchensprecher Iven. Es sei etwa möglich, Kirchen an eine andere Gemeinde zu vermieten, auch an jüdische. Eine Weitergabe an muslimische Gemeinden lehnen beide Kirchen ab. Prinzipiell sei auch eine gewerbliche Nutzung der Räumlichkeiten denkbar, solange sie dem Bild der Kirche nicht zuwiderlaufe. Ein Supermarkt scheide jedoch aus, ein Bordell sei keinesfalls denkbar. Je näher eine geplante Folgenutzung am ursprünglichen Zweck der Kirche liege, erklärt Iven, umso eher sei mit einer Genehmigung zu rechnen – beispielsweise bei Kitas, Altenpflege, Kultur- und Begegnungsstätten.

So zeigt das Essener Lukas-K-Haus nicht nur architektonisch Spuren seiner Ursprungsnutzung. „Es zieht Menschen hier her, die mit der Lukaskirche etwas verbinden“, sagt Ute Trapp. Eine Mieterin sei über Jahre in der Gemeinde aktiv gewesen, nun wird sie in einer Praxis auf den ehemaligen Altarstufen behandelt. Kirchen strahlten noch immer „positive Identifikationskraft aus“, findet Ute Trapp. Ein Architekt hatte sie auf Möglichkeit aufmerksam gemacht, das Grundstück samt profanierter Kirche zu erwerben. „Insgesamt sind Baugrundstücke knapp“, sagt Trapp zur Entscheidung, das Gebäude 2010 zur Umnutzung zu übernehmen. Sie habe immer wieder Mietanfragen bekommen, die sie nicht bedienen konnte. So auch von der Kindertagesstätte, die inzwischen im ersten Stock ansässig ist.

Übernommen wurde die Lukaskirche im möblierten Zustand, nach einer Bauphase von eineinhalb Jahren zog im März 2013 zuerst der Kindergarten ein. Die hohen Kirchenfenster, Kugellampen und einzelne Elemente blieben, genauso wie einige Kirchenbänke und Stühle im heutigen Gemeinschaftsraum. Die Kreuze allerdings mussten gehen. Der Turm steht noch, dient bislang aber nur als „Abstellfläche“. Der Abbruch sei eine Herausforderung gewesen, mit einer Spange musste das Kerngebäude von außen gesichert, der Neubau von Innen eingesetzt werden, erinnert sich Trapp. Ob sie sich wieder an eine Kirchenumnutzung wagen würde? „Da müssen die Rahmenbedingungen stimmen. So etwas kann man nicht als Geschäftsmodell machen.“

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