Interview

Warum ist es denn am Niederrhein so schön, Frau Heidenreich?

Rheinromantik anno 2019. Der Fluss bei Emmerich.

Rheinromantik anno 2019. Der Fluss bei Emmerich.

Foto: Tom Krausz

Am Alpen-, Ober-, Mittel- und Niederrhein.  Elke Heidenreich bereiste den Rhein und schrieb ein Buch darüber. Los ging es an den Alpenquellen, bei Emmerich versöhnte sich mit dem Fluss.

Eine Erkenntnis, die nach 256 Seiten hängen bleibt: Elke Heidenreich trinkt gerne und öfter mal ein Glas Rosé. Dies ist aber nicht die größte Überraschung ihres Rhein-Buches „Alles fließt“, in dem sie den Leser auch mit in den Fluss ihrer Gedanken mit.

Frage: Scott Fitzgerald hatte als doch recht: „Trinken ist das Laster des Schriftstellers.“

Elke Heidenreich: Wussten Sie das nicht? Über der gesamten Weltliteratur liegt ein Alkoholnebel. Es gibt zahllose Untersuchungen über Dichter und Alkohol, viele Literaturnobelpreisträger waren Alkoholiker. Das Schreiben verlangt Mut, Alkohol löst Angstbarrieren.

So viel Werbung für den Rosé im Abo an Bord: Nehmen Ihnen das ihre kölschen Fründe denn gar nicht übel?

Sie glauben nicht wirklich, dass in Köln nur Kölsch getrunken wird, oder?

R(h)eine Fantasie: Was für ein Buch wäre wohl herausgekommen, wenn ein exzellenter Dornfelder aus Rheinhessen ihr Begleiter gewesen wäre?

Dornfelder ist ein Rotwein, ich bin im Sommer am Rhein entlang gereist, und im Sommer trinke ich nie Rotwein, nur im Winter. So gesehen: gar kein Buch.

Mit welchem Argument haben Sie den Verleger überzeugt, das 1.001 Rhein-Buch zu schreiben?

Mein Verleger war ursprünglich Rainer Groothuis vom Corso Verlag, der dann vom Verlagshaus Römerweg übernommen wurde. Und Groothuis hatte ich ein paar Jahre vorher schon davon überzeugt, dass ich mit „Die schöne Stille“ das 100.00ste Venedigbuch schreibe. War also nicht so schwierig…

Was hat das von Ihnen viel gelobte Rhein-Buch von Horst Johannes Tümmers, was ihres nicht hat?

Mehr Wissenschaft, Historie, Fachsimpeleien, wenn auch sehr gute. Ich wollte es literarischer, weniger- sagen wir mal: Volkshochschule.

Wo Sie auch so viel über sich erfahren haben: Wäre ein Buch über die Ruhr nicht doch etwas für Sie?

Nein, zur Ruhr habe ich gar keine Beziehung, ich war als Kind in Essen an der Ruhr, aber das war keine schöne Zeit. Der Rhein war mir immer näher.

Angesichts ihrer geistig engen, gesundheitlich ruinierenden und völlig unromantischen Kindheit und Jugend unter der Dunstglocke im Ruhrgebiet: War der Rhein also für Sie ein Fluchtort?

Ach, nicht direkt ein Fluchtort. Aber eine Ahnung von Weite, Schönheit, Bewegung, Aufbruch aus der Enge.

Und dank Magrit, der Untermieterin im Elternhaus, die Sie zur Erholung vom Husten mit zu sich nach Hause in Emmerich nahm, stecken in Ihnen auch klitzekleine Erinnerungen an den Niederrhein.

Der Niederrhein ist ja fast schon das Meer, ich liebe die weiten Flächen, auf denen Tiere weiden, man ahnt auch schon, dass das Meer nicht mehr weit ist- und das Meer ist mir näher als die Berge, aus denen der Rhein kommt, das war schon in meiner Kindheit so. Ich wurde wegen meiner kranken Lunge abwechselnd in die Berge oder auf die Nordseeinseln verschickt. In den Bergen hatte ich immer Heimweh, am Meer nie.

Aber irgendwie sind Sie ja eigentlich eine Wiesbaderin. Welch eine späte Lebensbeichte! Mit welchen Folgen: eine Ehrenbürgerschaft, ein Rosé-Abo aus dem Rheingau oder...?

Ich bin keine Wiesbadenerin, nur müsste ich Berechnungen zufolge dort gezeugt worden sein, kann sein, im Krieg. Ich arbeite manchmal in Wiesbaden an der Oper und trinke in einer wunderbaren Kneipe in Opern nähe immer Rosè, den ich auch sehr gern selbst zahle, und so soll das bleiben. Keine Extrawürstchen.

Chapeau, Sie beweisen Mut. Und verlegen die Stadt Köln, aus Sicht der Binnenschiffer übrigens völlig korrekt, an den Niederrhein. Sagen Sie das mal einem Kölner!

Ab Köln sagt man Niederrhein, aber das nimmt natürlich kein Kölner ernst.

Hach, der Niederrhein ist Ihnen tatsächlich „mit weitem Abstand die liebste Strecke“? Dies ist nun die Stelle für eine kurze Ausschmückung ihrer ultimativen Lobhudelei.

Die weite, ruhige Niederrheinstrecke ist mir lieber als das kurvige, quirlige romantische Rheintal. Früher war das anders, aber jetzt schätze ich den stillen weiten Blick mehr als das ganze Burgen- und Denkmalsgetümmel.

Aber eines müssen Sie bitte erklären. Seite 237: Warum ist der Rhein „sicher froh, dass ihm wenigstens Kalkar erspart blieb“?

Was gibt es da zu erklären? Ein Kraftwerk weniger.

Abgesehen von Schaffhausen bzw. Neuhausen: Welcher war ihr größter Rheinfall am Rhein?

Die Gegend um Mannheim-Ludwigshafen und Teile vom Ruhrgebiet, wo kein Bürger, kein Anwohner kilometerweit an seinen Fluss, an die Ufer kann, weil alles zugekleistert ist mit Industrie. Deprimierend.

Stichwort: ewige Rheinromantik. Obwohl die schon seit dem 19. Jahrhundert tot ist, behaupten Sie. Trotzdem zieht es die Leute dorthin, auch Sie. Ein Widerspruch.

Wo wäre der Widerspruch? Mich zieht es nicht in die romantischen Ecken, mich interessierte und interessiert der ganze Fluss und seine Geschichte. Aber ich weiß und sehe ja, dass Menschen aus der ganzen Welt wegen der Burgen, Ruinen, Sagen, Märchen an den Rhein kommen, so gesehen zieht die Romantik noch immer, wenn auch zum Tourismus verkommen und von der blauen Blume weit entfernt.

Und wie lösen Sie, ich und wir das Dilemma, als anspruchsvoller Tourist den Rummel doch nicht zu meiden, so wie von Ihnen vorgeschlagen?

Jeder muss für selbst wissen, ob, wann und wie er welche Orte aufsucht. Es gibt auch für Loreley, Drosselgasse und Niederwalddenkmal ruhige Zeiten und es gibt überall am Rhein schöne Ecken, in denen kein Getümmel ist. Die gibt es ja sogar in Venedig. Wenn man will, findet man die, fernab von allem.

Ein Zitat: „Ich bin erstaunt über mich selbst und all die Wehmut, die sich auf dieser Rheinreise einstellt.“ Bei aller Trauer und allem Schmerz, darin steckt auch das Wörtchen „Mut“. Hat Ihnen der Rhein auch Mut gemacht?

Mut wozu? Nein. Mut muss woanders herkommen. Aber ein Fluss gibt ganz sicher Kraft, weitet den Blick, verbindet uns mit tausenden von Jahren der Geschichte, wovon wir auch ein Teil sind- mit Vergangenheit, Gegenwart und Verantwortung für die Zukunft- auch unserer Flüsse.

Bei Heraklit liehen Sie sich den klugen Satz: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“ Also war es das für Sie und den Rhein?

Dann haben Sie den Satz falsch verstanden. Man kann eine Million mal in denselben Fluss steigen oder ihn bereisen. Aber da alles fließt - das Wasser ist nie mehr dasselbe wie noch vor einer Minute, und ich bin auch nicht mehr dieselbe.

Also, warum sollte jeder Anrainer, sprich Anrheiner, einmal im Leben den Rhein von der Quelle bis zur Mündung bereisen?

Das soll um Himmels Willen keiner müssen. Nur, wer Lust hat, kann es tun, es macht Freude. Aber es ist doch kein MUSS!

Info: Zum Hören und Lesen

  • Buch: Elke Heidenreich, Alles fließt: Der Rhein, 256 Seiten, mit 43 Aufnahmen von Tom Krausz, Verlagshaus Römerweg, Wiesbaden, 24,90 Euro, mehr Infos: www.verlagshausroemerweg.de.
  • Tipp: Die Autorin hat eine gekürzte Fassung eingelesen. Wer nicht selber lesen mag, kann den Gedankenfluss als Hörbuch genießen, erschienen bei Randomhouse, im Internet ab 10,19 Euro.
  • Noch ein Tipp: Elke Heidenreich schwärmt mehrmals von einem anderen Rhein-Buch – Horst Johannes Tümmers, Der Rhein: ein europäischer Fluss und seine Geschichte, 479 Seiten, Verlag C.H. Beck, München, 19,90 Euro.
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