Gift im Tierfutter

PCB-belastetes Futter: 41 Geflügelhöfe in NRW gesperrt

Küken stehen in einem Stall.

Küken stehen in einem Stall.

Foto: dpa (Archiv)

Münster//Recklinghausen.   PCB gilt als giftig und krebserregend - nun wurde es in Geflügelfleisch entdeckt. Deshalb ließen die Behörden in NRW jetzt 41 Hühnerhöfe sperren.

Für die Menschen an Rhein und Ruhr hat es etwas von „Alle Jahre wieder“: Irgendein Giftstoff wird ja immer mal gefunden in Fleisch, Fisch, Geflügel und Ei. Und so ergibt sich dann auch Heinrich Bußmann, Sprecher der NRW-Geflügelwirtschaft leise seufzend dem neuen Fall von „Gift im Essen“: „Das verunsichert den Verbraucher natürlich schon“, sagt er. „Aber auch nur für eine gewisse Zeit.“ Und: „Immerhin haben die Kontrollmechanismen sofort gegriffen. Und das ist gut so.“

In der Tat: Denn PCB gilt als hochgiftig und krebserregend. Bei der Frage, wie der Stoff ins Futter gekommen ist, landet man im äußersten Nordosten von NRW, in Minden, dort steht ein Futtermittelwerk der Agravis Raiffeisen, das über etliche Genossenschaften Betriebe in den Kreisen Gütersloh, Paderborn, Soest, Herford, Lippe, Warendorf und Münster beliefert hat.

„Wer belastete Produkte isst, wird davon nicht krank“

Auch, wenn Agravis Raiffeisen so klingt, hat das Unternehmen nur noch wenig mit dem einst von Friedrich-Wilheim Raiffeisen entwickelten Genossenschaftsmodell zu tun, es ist eine AG mit Sitz in Münster und Hannover, Bilanzsumme: 6,4 Milliarden Euro Umsatz, knapp 6700 Mitarbeitern, Baustoffe, Stallbau, alles für Pflanzen und Tiere und ein Futtermittelriese, der bundesweit Betriebe beliefert, vor allem in Norddeutschland und NRW.

Von dem Werk in Minden aus ging das Futter vor allem nach Niedersachsen und NRW – 72 Betriebe haben möglicherweise das giftige Futter bekommen, sind vorläufig gesperrt. In NRW sind vor allem Hähnchenmastbetriebe betroffen, dazu sieben Legehennenbetriebe, einige Putenzüchter, zwei Enten-, bzw. Gänsemastbetriebe.

Diese Lebensmittel sind am schädlichsten fürs Klima

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Die Quelle des Schadstoffs sind, so der Stand der Untersuchungen, „Fertigwarenzellen“. Klingt niedlich, sind aber bis zu 50 Meter hohe Silotürme, in denen das Futter steckt, das jetzt nach und nach herausgeholt und deponiert werden muss. Erst dann können Fachleute in die Siloanlage von 1967 steigen und feststellen, ob es tatsächlich der Anstrich ist, der so nach und nach ins Futter bröselt. Tröstlich für den Futtermittelhersteller und die Betriebe: das Werk hat noch eine zweite Siloanlage, modern und in Edelstahl, so dass die Versorgung der Betriebe weitergehen kann.

Restfutter entsorgt, Bestände kontrolliert,

Für den Verbraucher tröstlich: Nach bisherigem Stand der Ermittlung gab es einen ersten PCB-Fund Ende Oktober, jetzt wurden die Tiere in einem Schlachthof so rechtzeitig entdeckt, dass vermutlich nichts in den Handel gelangte. „Wer belastete Produkte isst, der wird davon nicht krank“, sagte eine Lanuv-Sprecherin.

Das Stoffgemisch sei aber im Körper und in der Natur sehr schwer abbaubar. „Deswegen wollen wir auf keinen Fall, dass die Stoffe in den Nahrungskreislauf gelangen.“ Jetzt werden die Lieferketten nachvollzogen, Restfutter entsorgt, Bestände in den gesperrten Betrieben kontrolliert. Soweit also Entwarnung.

Das tröstet auch Heinrich Bußmann ein wenig. „Die Menschen sind zunächst verunsichert und viele nehmen sich dann auch vor: Ich kaufe nur noch beim Erzeuger um die Ecke, wo ich die Tiere kenne. Aber diese Vertriebswege sind nicht für die großen Massen geeignet, Die können ein paar Kunden mehr bedienen, aber nicht Tausende.“

Immerhin, so der Geflügelverband, greift der Kunde auch beim Discounter vermehrt zu Produkten aus der eigenen Region – und handelt damit in den Augen von Bußmann durchaus vernünftig. „Ich würde mir wünschen, dass alles, was hier an Fleisch und Geflügel importiert wird, genauso gut kontrolliert wird.“

PCB – vom Wundermittel zum Gift

PCB – polychlorierte Biphenyle – waren ein Wunderwerkstoff. Ideal einsetzbare Chlorverbindungen, die Anstriche haltbar machten, als Hydraulikmittel dienten (und jetzt unter Tage schlummern, so dass viele fürchten, dass aufsteigendes PCB-Grubenwasser ins Trinkwasser gelangt). Seit Mai 2001 sind sie weltweit verboten, leider ist das Gift quasi nicht abbaubar.

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