Musik

Record Store Day: ein Festtag für Schallplatten-Freunde

Zum Record Store Day strömen Musikliebhaber seit 2007 jährlich in die Plattenläden - auch der "Haldern Pop Shop" in Rees-Haldern ist am 22. April wieder mit von der Partie.

Foto: Heinz Kunkel - FUNKE Foto-Services

Zum Record Store Day strömen Musikliebhaber seit 2007 jährlich in die Plattenläden - auch der "Haldern Pop Shop" in Rees-Haldern ist am 22. April wieder mit von der Partie. Foto: Heinz Kunkel - FUNKE Foto-Services

Essen.  Über 100 Händler in Deutschland nehmen am 22. April am Record Store Day teil und verkaufen seltene Vinylscheiben. Doch der Schwarzmarkt boomt.

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Die tiefste Talsohle ist längst durchschritten. 2006 wurden Schallplatten mit nur knapp 300.000 abgesetzten Einheiten in Deutschland so selten verkauft wie nie zuvor. Seitdem erfreut sich der meist schwarze Tonträger allerdings immer größerer Beliebtheit, mittlerweile werden jährlich wieder über zwei Millionen Vinylscheiben abgesetzt. An einem Tag im Jahr rennen Musikliebhaber dem kleinen, sympathischen Plattenladen von „um die Ecke“ so richtig die Türen ein. Am Samstag, 22. April, findet weltweit der insgesamt zehnte „Record Store Day“ statt.

Ein besonderes Event für Schallplatten-Freunde, den der Amerikaner Michael Kurtz in Zusammenarbeit mit einigen Enthusiasten im April 2007 ins Leben rief. Exklusive, in ihrer Stückzahl strikt limitierte Veröffentlichungen sollten es sein, die in knallig bunten Farben, besonders schicken Hüllen oder nicht üblichen Formen nur an diesem einen Tag an den Käufer gebracht werden. Die Taktik ging auf, der Record Store Day etablierte sich schnell auf dem ganzen Erdball als Feiertag für Musikhörer, welche sich von MP3-Downloads oder lieblos auf den Markt geworfenen CDs nicht befriedigt fühlen.

Weltweit verehrte Prominenz wie David Bowie, James Brown, Elvis Presley oder Prince lassen sich in der insgesamt 536 Platten umfassenden Veröffentlichungsliste für 2017 genauso finden wie spannende Newcomer und Szene-Legenden.

90er-Hymne „Barbie Girl“ wird zum Sammlerobjekt

Auch für das Kuriositätenkabinett wird wieder einiges geboten: So veröffentlicht die skandinavische Eurodance-Gruppe Aqua ihren 1997er-Überhit „Barbie Girl“ tatsächlich auf knallig pinkem Vinyl. Eine LP in Hexagon-Form erhalten Käufer des Soundtracks zum Film „Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All“. Wer schon immer mal sehen wollte, wie eine Schallplatte mitsamt ihrer Hülle im Dunkeln leuchtet, sollte Ausschau nach dem „Death Song“ von „The Black Angels“ halten. Die wohl spektakulärste Platte im Angebot kommt derweil von der britischen Synthie-Pop-Gruppe „The Art Of Noise“. Speziell geschnitten, bildet das 10“-Vinyl zur Single "Moments In Love" eine Hasenmaske ab, stilecht mit Karotte im Mund.

Ob der Käufer überhaupt eine Chance hat, seine Wunschveröffentlichung beim Händler des Vertrauens zu bekommen, steht erst bei Ladenöffnung fest. Oder, wie es Jan Köpke vom Record Store Day Germany-Team aus Hamburg formuliert: „Die Händler erfahren mit der Auslieferung, was sie verkaufen können. Dies hat auch damit zu tun, dass die Lieferketten teilweise weltweit verlaufen, was genaue Prognosen erschwert.“ Zudem werden einige wenige Platten für den internationalen Markt gar nicht verfügbar gemacht und erscheinen aufgrund von speziellen Handelsbestimmungen nur in den USA.

Läden machen 20 Mal mehr Umsatz als sonst

Horst Reinartz, Chef des Geschäfts „Die Rille“ in Menden, machte in 2016 diesbezüglich gute Erfahrungen: „Letztes Jahr nahmen wir zum ersten Mal am Record Store Day teil und hatten direkt eine Trefferquote von 90 Prozent.“ Frank Mönikes vom „Archiv“ in Dortmund hadert hingegen damit, dass „ein Viertel unserer Bestellungen nicht gekommen ist.“ Beide sind sich aber einig: Vom regen Treiben am Record Store Day profitieren letztlich alle teilnehmenden Händler. „Wir machen an diesem Tag deutlich mehr Umsatz als sonst, der Faktor 20 ist nicht untertrieben“, stellt Mönikes klar.

Starke Zahlen für eine Branche, die noch vor einem Jahrzehnt nahezu komplett brach lag. Köpke spricht von einer „Erfolgsstory, die jedes Jahr ein bisschen größer wird. Die Resonanz aus Presse und Branche ist eindeutig.“

Die Renaissance des „schwarzen Goldes“ hat seine Gründe: „Es ist eine Art Gegentrend zur digitalen Welt. Parallel zum immer populärer werdenden Streaming wollen die Leute etwas Handfestes haben, einen hochwertigen Tonträger, der haptisch attraktiv ist“, erläutert Köpke.

Eine Folge dieser Entwicklung: Immer mehr Läden inklusive der Branchenriesen „Media Markt“ und „Saturn“ entdecken das Geschäft mit Vinyl für sich. Ingo Empting vom erst zu Monatsbeginn eröffneten Tonträger- und HiFi-Store „Music & More“ in Moers hofft auf viel Zulauf seitens der Kundschaft und den Record Store Day als Werbeträger: „Wir wollten zu unserer Geschäftseröffnung zunächst gucken, neues Vinyl einzukaufen. Da kommt uns dieser Tag natürlich sehr gelegen, das Angebot ist riesig.“

Liebhaber ärgern sich über Schwarzmarkt-Verkäufe

Im Zuge der zunehmenden Popularität mehren sich aber auch kritische Stimmen. Der ursprüngliche Independent-Gedanke gerate zugunsten der großen Major-Plattenfirmen immer mehr in den Hintergrund, heißt es. „Es ist der Tag der unabhängigen Plattenläden, nicht der Tag der Indie-Labels. Diese haben bei der Veröffentlichungsliste weiterhin Oberwasser. Zudem verhalten sich die Majors sehr kollegial und wählen wohlbedacht aus, was sie für den Record Store Day aufbereiten“, entgegnet Köpke.

Ein anderes Problem lässt sich derweil nicht so leicht wegdiskutieren. Der Schwarzmarkt brummt. Zahlreiche Platten tauchten in den letzten Jahren bereits wenige Stunden nach dem Kauf für horrende Summen im Internet auf. Köpke betont: „Die eigentliche Idee schließt das aus. Es ist eine sehr kleine Anzahl von böswilligen Leuten, die unterwegs sind. Unsere Partner sind ohnehin dazu angehalten, pro Kunde nur je eine Platte zu verkaufen.“

Horst Reinartz kann dies bestätigen: „Uns wird schon nahegelegt, nicht mehr als ein Exemplar pro Kunde zu verkaufen. Aber der Schwarzmarkt ist ähnlich wie bei Eintrittskarten nicht zu verhindern. Es ist ja kein Wunder, dass eine seltene Pink-Floyd-Scheibe beim Weiterverkauf ein Schweinegeld bringt.“ Im Dortmunder „Archiv“ wird grundsätzlich jede verfügbare Platte nur einmal ins Sortiment gestellt. „Wenn mich nach vier Exemplaren von ein und derselben Scheibe fragt, dann bekommt er ein klares 'Nö' zu hören“, sagt Frank Mönickes.

Wohl die beste Methode, den Record Store Day für alle Beteiligten so angenehm zu gestalten wie nur möglich. Denn rein rechtlich sind Verkäufern und Veranstaltern ohnehin die Hände gebunden.

--> INFO: Alle teilnehmenden Händler sowie alle 536 Veröffentlichungen in der Übersicht finden Sie hier.

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