Corona-Krise

Corona-Hilferuf: Niederländische Patienten kommen nach NRW

Deutschland hat noch Intensivbetten frei, hier in Recklinghausen. Bei den Nachbarn in den Niederlanden wird es bereits wieder eng.

Deutschland hat noch Intensivbetten frei, hier in Recklinghausen. Bei den Nachbarn in den Niederlanden wird es bereits wieder eng.

Foto: Jonas Güttler / dpa

Münster/Düsseldorf.  10.000 neue Corona-Infektionen am Freitag überfordern die niederländischen Krankenhäuser: Erste Intensivpatienten kamen am Freitag nach NRW.

In den Niederlanden können die ersten Krankenhäuser die massiv steigenden Zahlen an Covid-19-Patienten schon jetzt nicht mehr stemmen: Am Freitag wurden die ersten Patienten auf Intensivstationen in NRW verlegt. Hubschrauber brachten zunächst zwei schwer Erkrankte aus Almere in die Uniklinik Münster.

Der erste gelbe Helikopter setzte am Mittag auf dem Landeplatz der Münsteraner Klinik auf – um Stunden verspätet, weil dichter Nebel einen Start in der Provinz Almere unmöglich gemacht hatte. Für das Wochenende werden weitere Patiententransporte erwartet.

Mehr als 2000 Niederländer liegen derzeit nach Ansteckungen mit dem Corona-Virus im Krankenhaus – und es werden täglich mehr. Am Freitag meldete das Reichsinstitut für Volksgesundheit und Umwelt (RIVM) erstmals knapp 10.000 neue positiv getestete Bürger (genau: 9996) innerhalb von 24 Stunden, 725 mehr als am Vortag. Damit sind innerhalb einer Woche 60.463 Menschen an Covid-19 erkrankt. Das Nachbarland gehört zu den von der zweiten Welle der Pandemie am stärksten betroffenen Länder Europas.

Erste Patienten kommen mit dem Hubschrauber aus Almere

Laut niederländischem Koordinationszentrum für Patientenverteilung in Rotterdam (LCPS) haben die ersten Krankenhäuser in dieser Woche die Belastungsgrenze erreicht. Mehr als 200 Patienten mussten schon innerhalb des Landes umverteilt werden, zeitweise wurden Notaufnahmen geschlossen. Am Freitag lagen 472 Patienten auf Intensivstationen, damit ist fast jedes zweite Intensivbett mit einem an Covid-19 erkrankten Patienten belegt. Die Krankenhäuser in der Region Nordwesten, zu der auch Almere gehört, könnten den Zustrom neuer Patienten kaum bewältigen, teilte das Koordinationszentrum am Freitag mit. „Das Wasser steht ihnen bis zum Hals.“

NRW bietet 85 Betten für niederländische Patienten an

Bereits vor zwei Wochen hatte das Nachbarland Nordrhein-Westfalen um Hilfe gerufen: Das Gesundheitsministerium in Den Haag fragte – da noch vorsorglich – an, ob Krankenhäuser, wie schon während der Krise im Frühjahr, Intensivpatienten aus den Niederlanden aufnehmen könnten. Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hatte daraufhin die NRW-Krankenhäuser gebeten, eine mögliche Versorgung niederländischer Intensivpatienten zu prüfen.

87 Betten haben die Kliniken inzwischen angeboten, die meisten stellen ein bis zwei Betten zur Verfügung. Darunter ist auch eine lange Liste aus dem Ruhrgebiet, aus Dortmund, Duisburg, Bochum, Gelsenkirchen und Essen, aber auch aus kleineren, selbst schwer von Corona betroffenen Städten wie Herne oder Witten. Die Universitätsklinik Münster koordiniert wie im April das Angebot, richtete dafür ein eigenes Webportal ein – und nimmt nun selbst die ersten Patienten auf.

Transport soll rechtzeitig erfolgen

Die Niederländer selbst verfügen lediglich über sieben Intensivbetten pro 100.000 Einwohner, in Deutschland sind es 34. Allein Nordrhein-Westfalen hat rund fünfmal so viele Intensivbetten wie die gesamten Niederlande, die zur Zeit 1150 Betten auf Intensivstationen haben. Allerdings verfügen . Auch wenn diese noch nicht einmal zur Hälfte belegt sind, will man nicht warten, bis die Kapazitäten erschöpft sind. „Wir denken vor allem an die Patienten“, sagte Prof. Dr. Ernst Kuipers, Leiter des Netzwerkes Akute medizinische Versorgung, schon vor einer Woche: „Ein Transport mit Krankenwagen, mobilen Intensivstationen oder mit dem Hubschrauber ist zum jetzigen Zeitpunkt deutlich weniger gefährlich, als wenn ein Patient bereits drei Wochen schwer krank auf der Intensivstation gelegen hat.“

In den Niederlanden starben bislang dreieinhalbmal so viele Menschen wie in NRW

Als Anfang Oktober der erste Hilferuf aus Den Haag kam, lag die Zahl der mit Corona infizierten Menschen, die im Krankenhaus versorgt werden mussten, noch bei etwa der Hälfte der heutigen. Auch die Zahl der Sterbefälle stieg seither weiter an: 45 meldete das RIVM am Freitag. Damit sind insgesamt bereits 6.964 Niederländer mit Corona gestorben. Zum Vergleich: In NRW, das nur wenige Hundertausend mehr Einwohner hat, starben bislang 1980 Menschen.

Im April versorgte NRW bereits 50 niederländische Patienten

Schon während der ersten Corona-Welle im Frühjahr waren die Intensivstationen in den Niederlanden überfüllt. Deutschland, das viel mehr Intensivbetten zur Verfügung hat, kam zur Hilfe: Allein in Nordrhein-Westfalen stellten Krankenhäuser bis Anfang April mehr als 100 Betten für niederländische Corona-Patienten zur Verfügung, 58 wurden tatsächlich belegt.

Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) bot damals auch anderen EU-Staaten, die unter hohen Infektionszahlen litten, medizinische Unterstützung an. Unter anderen wurden acht Patienten aus Frankreich und zehn aus dem besonders betroffenen Italien (etwa in der Bochumer Uni-Klinik) betreut. Weitere Krankenhäuser vereinbarten eigenständig die Aufnahme von Patienten aus dem EU-Ausland. Die Niederländer bedankten sich im Juni in Münster mit 4000 Matjesheringen.

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