Loveparade

Das Leben nach der Loveparade-Katastrophe von Duisburg

Jörn Teich im Karl-Lehr-Tunnel in Duisburg. Zum Jahrestag wollte er diesmal nicht gehen, hielt es daheim aber doch nicht aus.

Foto: Jakob Studnar

Jörn Teich im Karl-Lehr-Tunnel in Duisburg. Zum Jahrestag wollte er diesmal nicht gehen, hielt es daheim aber doch nicht aus. Foto: Jakob Studnar

Duisburg.   Die Überlebenden der Loveparade wünschen sich Aufklärung von dem im Dezember beginnenden Prozess – und fürchten zugleich die Erinnerung.

In seiner Erinnerung ist alles still. Das kann nicht sein, Jörn Teich weiß das, da war laute Musik auf der Loveparade, und seine kleine Tochter hat es ihm so erzählt: Die Männer haben lauter geschrien als die Frauen. Teich hat auch „nie einen Toten gesehen“, obwohl er von Bildern weiß, er stand direkt neben ihnen. Was soll er also sagen, wenn sie ihn fragen im Prozess, der nun bald beginnt: „Die Wahrheit? Oder das, was ich erlebt habe?“

Es geht vielen so wie ihm, Hunderten wohl. So viele Verletzte, Traumatisierte, die dabei waren, als es am 24. Juli 2010 in Duisburg zum Gedränge kam, als 21 Menschen stürzten und starben in der Massenpanik. 652 zählt die Anklage, und noch immer kommen Menschen hinzu, die sich nach mehr als sieben Jahren erst (zu-)trauen, sich zu erinnern. Die erkennen, dass sie ohne Hilfe nicht weiterleben können. „Ich habe mich gedrückt und verdrängt“, sagt Sarah.

Blaue Flecken überall und die Schuhe waren weg

Die 31-Jährige aus einer Nachbarstadt spricht erst seit einigen Monaten über die Loveparade. Nur ist es eine Geschichte, die einen Anfang hat, einen Schluss, aber nichts in der Mitte. Sarah weiß noch, wie sie hingekommen ist. Aber „ich weiß nicht, wie lange ich da war. Ich weiß nicht, wie ich rausgekommen bin. Ich weiß nicht, was ich gemacht habe.“ Es gibt ein Bild in ihrem Kopf, auf dem ist jemand neben ihr bewusstlos, und ein anderes, da zieht sie ihre Schwester hoch, die gefallen war. Und dann: „Ich hatte Prellungen, blaue Flecken überall, und meine Schuhe waren weg.“ Sarah war zuhause und hat bis heute keine Ahnung, wie sie dorthin gekommen ist.

„Ich will mich erinnern – und doch wieder nicht“

Man kann das faszinierend finden: wie Kopf und Körper helfen wollen, indem sie vergessen. Aber ist das gnädig: nicht mehr zu wissen, was geschehen ist? „Ich will mich erinnern – und doch wieder nicht“, sagt Sarah. In ihrer Therapie arbeitet sie daran, aber dann passiert es plötzlich: Als Jörn Teich sein Telefon zückt; es gibt da ein Lied, auf das er reagiert, obwohl er sich nicht erinnern kann, es in Duisburg gehört zu haben. „Sky And Sand“ von den Kalkbrenners, es läuft oft im Radio, zu erkennen an den ersten Tönen – und Sarah, noch weißer als blass, beginnt am ganzen Leib zu zittern.

Teich, inzwischen 43, erinnert sich in „Flashbacks“, die Ärzte reden von Posttraumatischen Belastungsstörungen. Dieses Lied, manche Gerüche, und dann: Hände. Da waren nämlich Hände, überall Hände, die nach ihm griffen und nach dem Kind auf seinen Schultern. Nach ihm, der hier gar nicht hinwollte, der durch einen Notausgang auf das Gelände gekommen war, aber nicht wieder hinaus. Den ein Polizist mitten ins Gedränge geschickt hatte mit dem kleinen Mädchen. Und oben, wo die Ahnungslosen feierten und tanzten, da rief ein DJ, was er auf Partys eben ruft: „Ich will eure Hände sehen!“

Jörn und Sarah, sie haben überlebt, aber nicht als die, die sie einmal waren. Lange hat Sarah geglaubt, was ihre Familie ihr gesagt hat: „Ich muss wieder so werden wie früher.“ Lange hat es gedauert, bis sie begriff: „Das geht überhaupt nicht.“ Abends, wenn ihr Kind schlief, schaute sie Videos an aus Duisburg, immer wieder dieselben. „Ich habe mich so richtig schön runtergezogen.“ Und Jörns Vater, der ihn zurückkehren sah mit zerrissener Hose und gebrochenen Rippen, sagt bis heute: „Meinen Sohn habe ich nie wiedergesehen.“

Jörn Teich, der einmal selbstständig war, arbeitet nicht mehr, er wird es nie mehr können. Er hatte einen schweren Herzinfarkt, vier Jahre danach, eine Operation, er wünscht sich „nichts mehr als Ruhe“. Aber er kann nicht aufhören mit der Loveparade. Hat sich von Anfang an engagiert, hat organisiert, sich gestritten; es gibt viele, die sich an ihn wenden, wenn sie nicht mehr weiterwissen.

Der Mann aus Sprockhövel ist ihr „Kümmerer“. Sie rufen ihn an, erzählen ihm, wenn sie nicht schlafen können, wenn der Alkohol zu viel wird, wenn Angst und Wahnvorstellungen ihr Leben zu überwältigen drohen. Sie weinen und manchmal beschimpfen sie ihn auch. Er muss sich dann zurückziehen, „mich sortieren“, nennt er das.

Sarah sagt, es sei „beängstigend“, er ist dann so still. Dabei kennt sie das selbst: „Ich bin dann ganz in mir.“ Aber auch sie hat ja Fragen, die sie ihm stellt: „Ich brauche jemanden, der mir das Warum erklärt.“ Warum die anderen weitergefeiert haben. Warum sie überlebt hat. Das wollen viele wissen, manche hat es gebrochen, sie hadern mit sich, dem Schicksal und ihrem Selbstwertgefühl. Sarah sagt: „Ich kann mich selbst nicht leiden.“

„Wie schön wird Düsseldorf, wie schwer zu ertragen“

Jörn Teich hat auch keine Antworten, er hofft auf den Prozess, dass er klärt, „was an diesem Ort passiert ist“. Er wünscht sich irgendeinen Ausgleich und glaubt zugleich nicht daran. „Das bringt nichts“, sagt er dann, „es ist reine Show“, ihm fehlen Verantwortliche auf der Anklagebank. Aber natürlich weiß er: „Die Angehörigen brauchen das.“ Der 43-Jährige fürchtet, dass die Verhandlung alles wieder aufwühlt, dass sie Hinterbliebene wie Überlebende „re-traumatisiert“. „Oh, wie schön wird Düsseldorf“, notierte er auf Facebook, „und wie schwer zu ertragen.“ Und wenn dann alles zu nichts führt oder kein Urteil fällt vor dem Tag der Verjährung: „Was ist dann?“

INFO: Prozess gegen zehn Angeklagte beginnt im Dezember

Mehr als sieben Jahre nach der Loveparade in Duisburg mit 21 Toten und mehr als 650 Verletzten beginnt am 8. Dezember in Düsseldorf der Prozess.

Sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier des Veranstalters Lopavent sind wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung angeklagt.

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