Braunkohle

Bald kommen die Bagger: Die sterbenden Dörfer von Garzweiler

Viele Häuer stehen schon leer. Spätestens 2026 kommen die Braunkohle-Bagger auch nach Kuckum.

Viele Häuer stehen schon leer. Spätestens 2026 kommen die Braunkohle-Bagger auch nach Kuckum.

Foto: Fabian Strauch

Erkelenz.   Noch fünf Ortschaften sollen der Braunkohleförderung weichen. Viele Bewohner sind schon weg. Zu Besuch in den Geisterdörfern von Erkelenz.

Natürlich stirbt die Hoffnung zuletzt. Aber bei Oliver Kanneberg ist sie nun tot. Jahrelang hat er gekämpft. Für sein Haus in diesem Dorf, das Kuckum heißt und ein Ortsteil von Erkelenz ist – und gegen die riesigen Bagger, die nicht weit von hier die Braunkohle aus der Erde holen. Nun aber ist Schluss. „Wir ziehen weg“, sagt Kanneberg.

Kuckum, Keyenberg, Berverath, Ober- und Unterwestrich – fünf alte Dörfer sind es noch, die der Förderung im Braunkohletagebau Garzweiler II weichen sollen. Lange beschlossen war das, doch nicht wenige der Menschen, die dort leben, hatten immer noch gehofft bleiben zu können. Hatten mit dem vorläufigen Rodungsstopp im Hambacher Forst im Hinterkopf darauf gesetzt, dass die Kohlekommission dem Bergbau in Garzweiler ein früheres Ende setzt als ursprünglich geplant. Irgendwann in den frühen 2030ern. „Dann hätte man vielleicht noch einmal mit RWE reden können“, sagt Kanneberg. Hätte protestieren können. So wie im nahegelegenen Wald. So, dass es alle mitkriegen und der Energiekonzern vielleicht Kompromisse gemacht hätte. Empfohlen aber hat die Kommission das Ende des Jahres 2038. „Der Zug ist abgefahren“, sagt der 53-jährige auf der Straße vor seinem Haus. „Das war’s.“

Kanneberg ist nicht der einzige, der geht. Die ersten Bewohner sind schon vor zwei Jahren weggezogen. Unkraut hat die Vorgärten ihrer Häuser erobert, Putz bröckelt von den Wänden, in manchen Fenstern hängt noch Weihnachts-Deko, stehen noch künstliche Blumen. Ein paar Straßen weiter werden die Rollläden nie wieder hochgezogen, sind Tür und Briefschlitz zugeklebt, hat niemand das Laub des Herbstes weggefegt. Still und leise ist es entlang der Hauptstraße und wer zu oft hin und her geht, bei dem bremst der vorbeikommende Polizeiwagen auch schon mal für einen zweiten Blick. Weil oft eingebrochen worden ist in letzter Zeit. Die alten Dörfer sind noch nicht tot, aber sie liegen längst im Sterben.

Manche wollen bleiben, viele ganz schnell weg

Und RWE hat nicht vor, ihnen wieder neues Leben einzuhauchen. „Die Pläne bleiben, wie sie sind“, sagt RWE-Sprecher Guido Steffen. „Die Kohle in diesen Bereichen brauchen wir bereits in den frühen 2020er-Jahren.“ Außerdem laufe die Umsiedlung bereits mit „sehr hoher Dynamik“. Die will man nicht stoppen. Es sei im Interesse der Dorfgemeinschaften und im Sinn der Sozialverträglichkeit, die Umsiedlungen planmäßig und verlässlich weiterzuführen, behauptet der Konzern

„Die Sache ist gelaufen“, ist dann auch Fritz Bremer aus Keyenberg überzeugt. „Die machen hier alles platt.“ Ein paar Jahre zu spät komme der Stopp. „Zu spät“, sind zwei Wörter, die man oft hört rund um Garzweiler II in diesen Tagen. Immer wieder hört man aber auch Menschen, die sagen, dass sie lieber heute als morgen rauswollen aus ihrem Haus. „Ich bin die letzte hier in der Straße“, sagt die 80-Jährige Anneliese Kuhlmann (Name geändert). „Das ist nicht schön. Ich freue mich schon auf meine neue Wohnung.“

Ein paar Kilometer weiter nur wird sie gerade fertiggestellt – in Keyenberg (neu), das mit den anderen vier Dörfern das Neubaugebiet „Erkelenz Nord“ bilden wird. Eine Kirche samt Friedhof werden sie sich künftig dort teilen und auch den Fußballplatz. Letzteres finden viele übrigens schlimmer.

Nicht jeder zieht in die neuen Dörfer

„Die gesamte Infrastruktur ist gebaut, die komplette Ortsrandeingrünung ist fertig“, sagt RWE-Sprecher Guido Steffen. „Sehr schön da“, finden die einen. „Auf Jahre hinaus eine laute und dreckige Baustelle“, fürchten andere. Was vielleicht erklärt, warum längst nicht jeder umzieht in die neuen Dörfer. „Nur 30 Prozent gehen mit“, behauptet Kanneberg, RWE spricht von rund 60 Prozent, findet das aber nicht weiter schlimm. „Jeder kann mit seiner Entschädigung ja machen, was er will“, sagt Steffen. „Natürlich auch woanders hinziehen.“

Uwe Settels, der vor vielen Jahren den kleinen, gut gehenden Friseursalon samt Dreifamilienhaus an der Hauptstraße von Kuckum übernommen hat, wäre am liebsten geblieben. „Viele wären anfangs gerne geblieben“, glaubt er. Vor allem die Landwirte, die oft große Flächen gepachtet haben, die sie an anderer Stelle nicht wiederbekommen können. Settels hat sich mittlerweile arrangiert mit einem Umzug, tut sich aber schwer, im neuen Dorf „was Gleichwertiges“ zu kriegen. „Zumindest für das Geld, das mir RWE als Entschädigung zahlen wollte.“ 400.000 Euro, sagt er, müsse er aufnehmen. „Ich bin 49. Wie soll das gehen?“

„Ich will nicht sehen, wie mein Haus abgerissen wird“

Deshalb will er noch mal mit RWE reden. „Da muss mehr kommen, sonst weiß ich nicht, wie es weitergehen soll.“ Solche Sachen könne man in aller Ruhe klären, sagt Guido Steffen, ohne den konkreten Fall zu kennen. Vor wenigen Tagen erst hat der Konzern erklärt, dass die aktuelle Entwicklung auf dem Immobilienmarkt natürlich berücksichtigt werde. Außerdem gebe es in einigen Fällen auch diverse Zulagen, sagt Steffen. Er stellt aber gleichzeitig klar: „Wir sind hier nicht auf einem Basar.“

Hambacher Forst: So leben die Aktivisten im Wald

Die Rodung des Hambacher Forst wurde im Herbst durch das Oberverwaltungsgericht Münster vorläufig gestoppt. Trotzdem sind noch Aktivisten dort.
Hambacher Forst: So leben die Aktivisten im Wald

Kanneberg will jetzt auch verhandeln. „Im Sommer sind wir weg“, hofft er. In Richtung Wegberg. „Und dann will ich nie wieder zurück nach Kuckum.“ Denn ansehen, wie sein Haus abgerissen wird, wie der Grund und Boden darunter verschwindet, das kann er nicht. „Das wäre grausam“.

Trotz allem hat sich der jahrelange Kampf nach Kannebergs Einschätzung gelohnt. Nicht nur, weil der Hambacher Forst möglicherweise verschont bleibt, sondern weil der Ausstieg aus der Braunkohle wohl um Jahre vorverlegt wird. „Und das“, findet der 52-Jährige, „ist ein Erfolg.“

>>> Hintergrund

In den fünf betroffenen Ortschaften wohnten zum Beginn der Umsiedlung 1541 Menschen in 606 Anwesen und 689 Haushalten.

Mit 90 Prozent aller Anwesen gibt es laut RWE Erwerbsverhandlungen, in knapp 60 Prozent davon sind sie bereits abgeschlossen.

Leserkommentare (70) Kommentar schreiben