Mehr Taten als im Vorjahr

Warum die Gewalt unter Schülern so deutlich zunimmt

Szenen, wie diese, sind an Schulen in NRW leider wieder Alltag. Die Zahl der Körperverletzungen nahm im vergangenen Jahr auf 6200 Fälle zu (Symbolbild)

Szenen, wie diese, sind an Schulen in NRW leider wieder Alltag. Die Zahl der Körperverletzungen nahm im vergangenen Jahr auf 6200 Fälle zu (Symbolbild)

Foto: skynesher

Düsseldorf/Ruhrgebiet.   Der Hass bahnt sich seinen Weg in die Schulen. Über 22.000 Gewaltdelikte wurden im vergangenen Jahr registriert. Eine Ursachenforschung:

Der Fall löste Bestürzung weit über Nordrhein-Westfalen hinaus aus: Im Januar 2018 sticht ein 15-jähriger Junge in einer Gesamtschule in Lünen einem 14-Jährigen ein Messer in den Hals. Das Opfer stirbt, der Täter begründet die Gewalttat damit, dass seine Mutter von dem Jungen „provozierend“ angeschaut worden sei. Solche Verbrechen sind sehr selten im schulischen Umfeld, im Jahr 2017 gab es hier in NRW zwei Tötungsdelike. Aber Gewalt insgesamt hat an Schulen wieder deutlich zugenommen. Grund genug für die Landesregierung, am Donnerstag Experten zu einem „Gipfel zu Gewalt an Schulen“ einzuladen.

Andreas Zick, Konfliktforscher an der Universität Bielefeld, ist einer dieser Experten. Der Professor geht den Ursachen der zunehmenden Schul-Gewalt auf den Grund. Die Datenbasis ist dünn, die Unlust mancher Rektoren, ihre Schule als Hort der Gewalt beschrieben zu sehen, groß. Zick hat aber eine Theorie, die etwas von den Schulen wegführt: „In einer aufgeheizten Gesellschaft darf man sich nicht wundern, dass es auch in den Schulen ruppiger zugeht“, sagte er gestern bei einem Pressetermin im Schulministerium.

Mehr Mobbing, mehr Nötigung, mehr Stigmatisierung

Auch ohne Datensatz sei zu spüren, dass in den vergangenen Jahren die Vorurteile gegenüber Migranten und Flüchtlingen zugenommen hätten. Auch in den Schulen. Mehr Mobbing, mehr Nötigung, mehr Stigmatisierung gebe es dort. In der Klasse, auf dem Schulhof, in den sozialen Medien. „Der Hass in der Gesellschaft, vor allem auf Minderheiten, bahnt sich seinen Weg in die Schulen“, warnt der Wissenschaftler.

Während Rechtspopulisten und Rechtsextreme oft direkt in den Schulen Anhänger suchten oder Opfer auswählten, wirkten Islamisten in der Regel eher vor den Schulen oder beschränkten sich darauf, ihre kruden und gefährlichen Botschaften im Internet zu verbreiten. Die Entwicklung ist aus der Sicht von Andreas Zick bedenklich, es gibt aber auch Hoffnung: Schulen, die das Thema Gewaltvorbeugung nicht scheuen, die Zivilcourage fördern, gute Sozialarbeiter beschäftigen und Opfer nicht im Stich lassen, hätten kaum Probleme.

Eigentlich waren die Schulen beim Thema Gewalt zuletzt auf einem guten Weg. Die Zahl der bekannt gewordenen Straftaten sank zwischen 2010 und 2016 immer weiter. Dann aber „knickte die Kurve leider wieder nach oben“, erklärte gestern Schul-Staatssekretär Mathias Richter. Die Gewaltdelikte an Schulen nahmen im vergangenen Jahr um fast 1100 Taten auf 22.900 zu. Die Zahl der Körperverletzungen stieg von 5600 auf 6200, die der Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen von 40 aus 55 Fälle. Auch bei Raubdelikten ist ein Zuwachs zu verzeichnen.

Körperliche Gewalt gegen Lehrer

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in NRW präsentierte das Thema Gewalt gegen Lehrer im Frühjahr 2018 nach einer großen Umfrage unter Schulleitern. Eines der wichtigsten Ergebnisse: Mehr als die Hälfte der Schulleitungen in NRW (55 Prozent) gaben an, dass es an ihrer Schule in den letzten fünf Jahren Fälle von psychischer Gewalt gab, also Fälle, bei denen die Pädagogen beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt wurden. Jede dritte Schulleitung berichtete von körperlicher Gewalt gegen Lehrer.

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