Schädlingsbefall

Eichenprozessionsspinner: Städte ziehen Bilanz der Saison

Immer noch die herkömmlichste Methode: Nach dem Befall eines Baumes werden die Nester des Eichenprozessionsspinners mit Spezialgerät abgesaugt und anschließend entsorgt.

Immer noch die herkömmlichste Methode: Nach dem Befall eines Baumes werden die Nester des Eichenprozessionsspinners mit Spezialgerät abgesaugt und anschließend entsorgt.

Foto: Thomas Warnack / dpa (Archiv)

Essen.  Teils mit Bioziden und durch Absaugen bekämpften die Großstädte an Rhein und Ruhr die Nester des Schädlings. Eine Prognose für 2020 fällt schwer.

Welche dramatischen Folgen der Kontakt mit den Härchen dieses Tieres haben kann, zeigte sich im Juni in Mülheim: Neun Kinder der Realschule an der Mellinghofer Straße klagten bei ihrem Sportfest an der Anlage Wenderfeld über Atemwegsprobleme und Hautreizungen, drei von ihnen mussten später sogar in eine Kinderklinik gebracht werden. Für die Feuerwehr Mülheim war es ein Großeinsatz, auch wenn es keine ernsthaft Verletzten gegeben hat.

Verantwortlich für die gesundheitlichen Probleme der Kinder waren die Raupen des Eichenprozessionsspinners, der seine Eier in Nester auf der Anlage gelegt hatte. Spielplätze und Sportanlagen wurden seinetwegen in diesem Jahr im gesamten Ruhrgebiet gesperrt, Kitas oder Grundschulen kurzfristig geschlossen, Parks abgeriegelt, weil der Schädling dank des Klimawandels immer präsenter wird.

„Mit einem solch starken Aufkommen konnte die Stadt nicht rechnen“

Während die diesjährige Saison in den letzten Zügen ist, weil die Raupen zu Schmetterlingen geworden sind und den Behörden nur noch selten neue Befallspunkte an Eichen gemeldet werden, können die Großstädte an Rhein und Ruhr nun Bilanz ziehen und sich für die nächste präparieren. Besonders schlimm hat es in diesem Jahr Dortmund getroffen. „Mit einem solch starken Aufkommen der Eichenprozessionsspinnerraupe konnte die Stadt in 2019 nicht rechnen“, sagt Sprecher Christian Schön. Hatte es im Vorjahr in Dortmund lediglich in einem Park einen kleineren Befall gegeben, mussten in diesem Jahr im Sommer etliche Grünanlagen gesperrt und Nester von betroffenen Bäumen abgesaugt werden.

Das Personal aus Fremdfirmen und eigenen Mitarbeitern, das die Stadt für die Bekämpfung in Anspruch nimmt, wurde schließlich verdoppelt. „Die Stadt bereitet sich darauf vor, dass das Problem EPS in 2020 wiederkehren wird“, sagt Schön, „auch mit Absperrungen als schnellste und günstigste Schutzmaßnahme ist erneut zu rechnen.“ Die doppelte Personalstärke soll im kommenden Jahr schon von Anfang an zu Verfügung stehen. In diesem Jahr hatte die Stadt Dortmund Nester an 900 Bäumen entfernen müssen.

In Gelsenkirchen war vor allem der Norden betroffen

Regional war die Ausbreitung des Eichenprozessionsspinners im Ruhrgebiet sehr unterschiedlich. So traf es in Gelsenkirchen vor allem den Norden und den ganz massiv: Ende Juni zählte die Stadt „mindestens 1.345 Eichen“, die befallen waren, im Süden waren es gerade mal 56. 2018 war der Befall nach Jahren steter Zunahme erstmals „sprunghaft“ angestiegen, auf da noch 1100 Bäume. Im Stadtsüden lag die Zahl zu diesem Zeitpunkt bei 56 Eichen.

„Wir leben auf einer Insel der Glückseligen“ - so fällt trotz des eingangs geschilderten Vorfalls die Bilanz des Mülheimer Stadtsprechers Volker Wiebels aus. Der Befall an der Stadt am Fluss war 2019 auf dem gleichen Niveau wie in 2018. 110 Bäume waren betroffen. In Herne haben sich die Kosten für die Bekämpfung des Schädlings, die in anderen Städten wie Bochum oder Oberhausen pro Jahr bei bis zu 100.000 Euro oder mehr liegen, auf gerade rund 25.000 Euro sogar so gut wie halbiert.

Entspannt stellt sich die Lage in Essen dar

In Hagen musste der Wirtschaftsbetrieb ganze vier Nester beseitigen. Zu vier Einsätzen musste die Feuerwehr wegen des Eichenprozessionsspinners ausrücken. 2018 gab es gar nicht einen einzigen Vorfall. Eher entspannt stellte sich auch die Lage in Essen dar. An 73 Standorten gab es nach Angaben der Stadt Einsätze wegen der Nester.

Während Städte wie Herne oder auch Dortmund es ablehnen, mit Bioziden zu arbeiten, lassen Duisburg, Oberhausen oder Düsseldorf prophylaktisch sprühen. Nicht immer ist das von Erfolg gekrönt: So wurden in Oberhausen rund 80 Eichen befallen, obwohl sie eigens im April mit dem Mittel Neem-Protect behandelt worden waren. Insgesamt hatte die Stadt 1100 Bäume vorsorglich besprühen lassen, im Stadtgebiet konnte der Befall im Vergleich zum Vorjahr nach Angaben von Sprecher Martin Berger mit dem Biozid eingedämmt werden, nach 600 betroffenen Bäumen 2018 waren es 2019 440.

Duisburg setzt auf Foray ES, Oberhausen auf Neem-Protect

Duisburg setzt Foray ES ein, „ein umweltfreundliches Biozid“, sagt Stadtsprecherin Susanne Stölting. Dort wurden von den 4590 Eichen im Stadtgebiet 1637 und deren Umfeld besprüht, weil es dort bereits im Vorjahr einen Befall gegeben hatte. Nicht nur örtlich ist das Auftreten des Eichenprozessionsspinners allerdings schwer vorherzusagen, sagt Stölting: „Die Population schwankt sehr stark. 2015 wurden die betroffenen Bereiche gespritzt. Nachdem die Population 2016 und 2017 stark zurückgegangen war, wurde in diesen Jahren nicht gespritzt.“ Seit 2018 habe der Bestand dann wieder zugenommen.

Welche Lehren die Städte aus dieser Saison ziehen und welche alternativen Maßnahmen für das kommende Jahr ergriffen werden könnten, das ist derzeit in allen Kommunen Gegenstand von internen Gesprächen und Diskussionen in den Verwaltungen, Wirtschaftsbetrieben und Feuerwehren. Landauf, landab fällt inzwischen immer wieder der Name Groesbeek. Das niederländische Städtchen hatte im April Nistkästen an Eichenbäumen aufgehängt. In Groesbeek, zwischen Kleve und Nijmegen gelegen, sollten Rotkehlchen, Blau- und Kohlmeisen einziehen und die Raupen des Eichenprozessionsspinners fressen.

Mit Nistkästen gegen den Eichenprozessionsspinner

Parteiübergreifend gibt es nun Forderungen, das auch in den Städten an Rhein und Ruhr zu probieren: „Kann das Beispiel aus den Niederlanden, Vögel zur Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners anzulocken, auch in Düsseldorf sinnvoll sein?“ Das wollen die Grünen in der Landeshauptstadt von der Verwaltung wissen. Nebeneffekt: Das Besprühen der Bäume, laut Parteiangaben immerhin an rund einem Zehntel des gesamten Eichenbestands in diesem Frühjahr gemacht, könnte damit entfallen. Ähnliche Forderungen gibt es auch von der FDP in Gelsenkirchen oder der SPD in Hünxe. Auch die Grünen in Mülheim setzen Hoffnung in die gefiederte Hilfe. Bis es soweit ist, wird aber wohl erstmal weiter gesprüht und vor allem gesaugt werden.

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