Mord an Leon

Lüner Schüler erstochen – Eltern gründen Verein gegen Gewalt

Leon H. wurde im Januar von einem Mitschüler in Lünen in stochen.

Leon H. wurde im Januar von einem Mitschüler in Lünen in stochen.

Foto: Privat

Lünen/Arnsberg.   „Die Hemmschwelle darf nicht weiter fallen“: Zwei Monate nach der tödlichen Attacke auf einen Schüler in Lünen gründen seine Eltern einen Verein.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Der Grabstein kommt in fünf Wochen. Seine letzte Ruhestätte auf dem Kommunalfriedhof Lünen-Süd ist eingeebnet. Vater Ronny Hoffmann: „Die Friedhofsmitarbeiter haben sich große Mühe gegeben, dass wir beide weinen mussten.“ Er und seine Frau Daniela trauern um ihren Sohn. Am 23. Januar ist der 14-Jährige in der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule von einem 15-Jährigen Mitschüler mit einem Messerstich in den Hals tödlich verletzt worden. In der öffentlichen Facebook-Gruppe „Ein Zeichen für Leon“ sprechen sie über seinen Tod, sein so sinnloses Ende.

Als Motiv nennt der Täter bei der Vernehmung, Leon habe seine Mutter, die mit in der Schule war, mehrfach provozierend angeschaut. Die Ermittler lässt das ratlos zurück. Sie sind entsetzt über diesen Gewaltausbruch.

Ungeahntes Ausmaß der Gewalt

Nicht nur sie. Josefine Groß, „mein Sohn Luiz war Leons bester Freund“, will mit Vater Ronny Hoffmann und Gregor Kanne an diesem Samstag einen Verein gegen Gewalt an Schulen gründen. „Die Hemmschwelle darf nicht noch weiter fallen“, sagt die 31-Jährige, Mutter von drei Kindern. Zuspruch von Eltern, Lehrern und Schülern aus ganz Deutschland bestärken sie in ihrem Vorgehen. „Selbst wenn nur ein Leben geretttet wird, es ist eins. Das zählt.“

Eng mit der Familie des toten Schülers verbunden, leidet sie mit ihr. „Wir sind alle traumatisiert. Nur mein jüngster, Joel, er ist sechs, kann mit dem Tod noch nichts anfangen.“ Gregor Kanne schon. Der 48-Jährige aus Dortmund ist fassungslos über das Verbrechen, will dieser Entwicklung gegensteuern. „In der Öffentlichkeit und in den zuständigen Stellen fehlt das Gespür für dieses Thema. Es ist beängstigend, welches Ausmaß Gewalt und Mobbing in den Schulen angenommen hat. Die Taten finden in immer kürzeren Abständen statt.“

Viele Schüler bewaffneten sich aus Angst. Sei es mit Reizgas, Teleskopschläger oder Schlagring. „Wie schnell ist bei kleinen Streitigkeiten das Messer gezogen. Sie würden sich wundern, wenn man Einlasskontrollen mit Metalldetektoren an Schulen machen würde.“

Eine Aussage, die NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) auch nach dem Tod des Schülers in Lünen nicht unterschreiben würde. Die Ministerin sagte damals vor dem Schulausschuss des Landtags: „Alle Statistiken zeigen, dass Gewaltdelikte an Schulen und auch Tötungsdelikte von Jugendlichen extrem rückläufig sind.“ Dass Gewalt gegen Lehrkräfte hingegen zunimmt, hat der Verband Bildung und Erziehung (VBE) nach einer aktuellen Umfrage bestätigt. Jeder fünfte Lehrer sei schon gemobbt, bespuckt oder geschlagen worden.

Tür offen für Eltern von Tätern

„Wir müssen es in die Köpfe der Kinder kriegen, dass Streit und Konflikte gewaltfrei gelöst werden können“, sagt Kanne. „Und nicht mit Mord und Totschlag geregelt werden, wie es den Jugendlichen Gewalt verherrlichende Videos oder Computerspiele vormachen.“

Dass sich eine Elterninitiative wie jetzt in Lünen für vorbeugende Maßnahmen einsetzt, um Mobbing und Gewalt in Schulen zu vermeiden und gegenseitigen Respekt zu erlernen, stößt bei der Bezirksregierung in Arnsberg nicht auf Kritik. „Es gibt bereits ein breit angelegtes Beratungsangebot“, sagt Sprecher Benjamin Hahn, „aber wenn sich Eltern darüber hinaus engagieren wollen, spricht nichts dagegen.“

In dem neuen Verein sind Eltern willkommen, die wissen, dass ihre Kinder schwierig seien, sagt Kanne. Auch Eltern von Tätern? „Ja“, heißt seine Antwort. Ob es Kontakt mit den Eltern von Leons Mörder gebe? „Nein.“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben