Wandern im Revier

Mammut-Marsch führt Wanderer 55 Kilometer durchs Ruhrgebiet

Im Ruhrgebiet gibt es keine Berge? Von wegen: Hier haben die Wanderer die Halde Beckstraße in Bottrop erklommen, im Hintergrund grüßt der Gasometer.

Im Ruhrgebiet gibt es keine Berge? Von wegen: Hier haben die Wanderer die Halde Beckstraße in Bottrop erklommen, im Hintergrund grüßt der Gasometer.

Foto: Ralf Rottmann

Ruhrgebiet.   Von Duisburg über Oberhausen nach Bottrop: Wanderer laufen am Karsamstag bis zu 55 Kilometer durchs Ruhrgebiet. Mit Blasenpflastern im Rucksack.

Der erste Mammut-Marsch im Ruhrgebiet heißt noch „little“, aber „klein“ ist natürlich auch relativ. Unter den 100-Kilometer-Wanderungen, wie sie im Land gerade modern werden, sind die 30 und 55 Kilometer durch Duisburg, Bottrop, Oberhausen vom Samstag nachgerade Kurzstrecken. Aber so ist das Revier: bescheiden im Vergleich zu Wien und Berlin, es fängt lieber „klein“ an. . .

Sie starten unterm Windenergie-Turm, das könnte vielleicht helfen. Wie der Matetee im Rucksack, bestimmt aber das Frühstück: Bei Nils und Marie aus Duisburg, bei Anne und Marco aus Köln gab es an diesem Morgen Spaghetti Bolognese. Es ist acht Uhr, Landschaftspark Duisburg-Nord, sie sind schon bis zum Start ein ganzes Stück gelaufen, als Nils, 35, sagt: „Ich wandere nicht gern.“

Eigentlich nur ein Training für die große Runde

Das ist jetzt schlecht, er trägt am Arm das blaue Bändchen für 55 Kilometer. Aber „mir geht’s ums Ziel“, zehn, elf Stunden, das sei mehr Denk- als Laufsport, „eine mentale Aufgabe“. Aber geht die ohne körperliche Blessuren? Nein, nicht ohne Blasen, nicht ohne Schmerztabletten, sagt Marie, im Rucksack sind recht viele Pflaster. „Wir wollen Grenzen austesten“, sagt Nils, eigentlich trainieren sie nur „die kleine Runde“ für die nächsten 100, und ehrlich: „Der Körper ist da nicht für ausgelegt.“

Warum tun sie das dann???

„Wir können jedes Ziel erreichen“, steht in den Leitsätzen der Mammut-Märsche, „wir sind immer bereit fürs Abenteuer“. Norbert, 52, aus Wuppertal findet: „Die sind alle verrückt“, er dachte immer, das brauche er nicht, aber jetzt will er doch mit: „Ich muss das haben.“ Angst? Ach was, „schnapp, sind die Kilometer gelaufen“. Was zu beweisen wäre. Rucksack packen, Hund anleinen, Sonnenhut auf; der Start in Duisburg ist auch eine Leistungsschau der Outdoor-Industrie. Wanderhosen, Wanderhemden, Wanderjacken, Wanderrucksäcke, Wanderstöcke, alles so schön bunt hier, aber nun: Auch ausgetretene Latschen und Laufschuhe stehen da ungeduldig herum. „Wir müssen“, sagt einer, „im Ruhrgebiet ja keine Berge hoch.“

Nach dem Tetraeder folgt eine lange Durststrecke

Das hat er sich so gedacht.

Tatsächlich marschieren 2500 Teilnehmer frohgemut zunächst am Kanal entlang, von der Sonne beschienen, vom Staub der Radwege und blühenden Bäume bedeckt: 13 Kilometer die „Kurzstreckler“, noch viele mehr die von der Langstrecke, nur sollen sie dann hinauf zu Bottrops Tetraeder. „Jetzt“, steht im fast 40-seitigen Tourenheft, „gehen wir die steile Treppe auf die Halde hinauf.“ 387 Stufen, „diese Arschlöcher“, stöhnt eine Frau, oben gibt es Cola. Kilometer 22, Verpflegungsstation zwei von drei, es wird jetzt 21.000 weitere Meter nichts mehr kommen. Das nennt man dann wohl „Durststrecke“. Immerhin geht es wieder bergab.

Um halb vier gibt es auf der Zeche Sterkrade Bananen unterm Förderturm, Milchbrötchen und Dixie-Klos. Mancher sitzt im Schatten, reibt sich die Muskeln mit schmerzverzerrtem Gesicht. Andere recken im Stehen die Glieder, knabbern Salzstangen, „wenn ich mich jetzt hinsetze, stehe ich nicht wieder auf“. Einige gehen schon sichtbar unrund, dies ist Kilometer 43 bzw. 22, „ich kann nicht so schnell laufen“, klagt eine junge Frau, und Julian hat sich schon schlafen gelegt. Im Bollerwagen neben dem Vierjährigen lagern Wasser und Iso-Drinks für Papa und Patentante, Mama Melanie verschenkt den blauen Saft auch an andere „Bedürftige“.

„Man erwartet Autobahnen und Häuserschluchten“

Einer, der dankbar zugreift, schleppt schon Vliespulli, Regenjacke und ein zweites Paar lederner Wanderschuhe auf dem Rücken, es sind inzwischen 27 Grad, aber „dann ist der Rucksack wenigstens voll“. Alexander aus dem Allgäu füllt lieber seine Wasserflaschen, sie haben einen Schlauch liegen an der Von-Trotha-Straße in Oberhausen. „Vegan, laktosefrei, kalorienreduziert!“, lockt lautstark Helfer Sebastian aus Dortmund, „mit ein bisschen Fantasie schmeckt es nach Bier.“ Der Bayer Alexander ist eigens angereist für die Herausforderung, „so oft kommt man nicht ins Ruhrgebiet“. Und nun? „Man erwartet ja Autobahnen und Häuserschluchten. Aber hier ist erstaunlich viel Natur.“

Er sagt das, bevor das Feld im akustischen Schatten von A3 und A42 dem Finale zuhumpelt, aber es ist ja auch wahr: Die meiste Zeit geht es über alte Bahntrassen, Radwege, längs von Industriekultur, auch Olaf und Simone haben es bemerkt: „Selbst für jemanden aus Bochum ist das der Wahnsinn, nur Grün!“ Sie hocken mit einer Freundin aus Nürnberg in der Gosse, Schuhe aus, die Socken qualmen, ein Handy kräht: „Aktivität wurde automatisch pausiert.“ Richtung HOAG-Trasse überholen Miriam und Sabira aus Oberhausen, schlenkernde Arme, voller Körpereinsatz, „zehn Stunden? So lange wollen wir nicht“.

Noch sieben Kilometer, und er läuft „schon scheiße“

„Respekt dafür“ haben Sven aus Ratingen und Andreas aus Velbert, die laufen sonst auch 20 Kilometer beim Geo-Caching, „aber da haben wir mehr Pausen“. Auch heute haben sie ein paar Schätze gefunden am Wegesrand, eine Metalldose, den Rohling einer Plastikflasche, für einen Cache in Duisburg hätten sie indes eine Kletterausrüstung gebraucht. Die beiden genießen das Grün und reden gerade darüber, dass das nur im Ruhrgebiet geht: Natur, aber trotzdem immer jemand zu erreichen – da stinkt es gewaltig: die Emscher! „Das ist auch bald vorbei“, Sven verkündet das extra-laut, während vor ihm die Stimmung sinkt, aber das liegt nicht am Fluss: „Du läufst jetzt schon scheiße“, sagt einer zum anderen und nimmt eher unlustig den Abzweig hinterm Baumarkt links. Noch sieben.

Da waren die Schornsteine in Duisburg wie rettende Leuchttürme doch schon zu sehen, nun liegen sie wieder im Rücken. Aber immerhin, die Sportler sprechen noch, und wenn sie bloß schimpfen über die auf trockenen Pfaden verblassten Pfeile oder schmerzende Hüften oder die Teilnehmerbändchen, die nach Stunden der Anstrengung in die geschwollenen Handgelenke schneiden. Nach gut vier Stunden soll der Erste das Ziel erreicht haben, um 18.12 Uhr erkundigt sich jemand vorsichtig: „Sind wir die letzten?“ Aber nein, da kommen noch viele, stolpernd, schief, manche joggend, sie reden japsend vom „Glücksgefühl“, aber sonst nicht mehr viel. Nur Katharina, von ihren Freundinnen mit Blumen empfangen, macht schon wieder Pläne: Diesmal 30, nächstes Mal 55, „irgendwann die 100 Kilometer“. Dieses „Mammut“, pah, das war ja bloß klein.

2500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wandern bei Sonnenschein

>>INFO: DIE NÄCHSTEN MAMMUTMÄRSCHE

Mammutmarsch.de schickt Wanderer in NRW das nächste Mal am 14. September auf die Langstrecke: 100 Kilometer, diesmal ab Wuppertal. Die Teilnahme kostet ab 55 Euro, dafür gibt es ein T-Shirt, eine Medaille und eine Urkunde. Weitere Läufe: Wien, Berlin, Hamburg, Rhein-Main.

Im Ruhrgebiet steht bereits im Juli die erste 100-Kilometer-Wanderung an: Der Veranstalter Megamarsch.de hat für die Veranstaltung am 27. Juli ab 16 Uhr 24 Stunden veranschlagt. Los geht es am Sportpark Am Hallo in Essen.

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