Prozess

Mordfall Schalla vor 26 Jahren: Noch immer kein Urteil

Nur 16 Jahre alt wurde die Dortmunderin Nicole Denise Schaller, die am 16. Oktober 1993 ermordet wurde. Das Urteil gegen ihren mutmaßlichen Mörder lässt auf sich warten

Nur 16 Jahre alt wurde die Dortmunderin Nicole Denise Schaller, die am 16. Oktober 1993 ermordet wurde. Das Urteil gegen ihren mutmaßlichen Mörder lässt auf sich warten

Foto: Foto: Hermann Pruys

Dortmund.  Seit über einem Jahr verhandelt das Dortmunder Schwurgericht im 26 Jahre zurückliegenden Mordfall Schalla. Das Urteil lässt auf sich warten.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Zu verlieren hat er viel. Jahre seines Lebens hat Ralf H. schon im Gefängnis verbracht, er saß als notorischer Gewalttäter bereits in Sicherungsverwahrung. Und jetzt droht dem 54 Jahre alten Mann aus Castrop-Rauxel lebenslange Haft, weil ihm ein 26 Jahre zurückliegender Mord an der Dortmunder Schülerin Nicole-Denise Schalla angelastet wird. Mit immer neuen Anträgen, die er selbst stellt, versucht er, die drohende Haft bis zu seinem Lebensende zu verhindern. Und verlängert so den seit über einem Jahr laufenden Prozess vor dem Dortmunder Schwurgericht.

Er nutzt seine letzten Chancen, doch wieder in Freiheit zu leben. Chancen, die Nicole-Denise Schalla nicht hatte, als sie am Abend des 14. Oktober 1993 an der Haltestelle Jungferntal Grundschule aus dem Linienbus 462 im Dortmunder Stadtteil Huckarde nicht weit entfernt von ihrem Elternhaus stieg. Es war abends, die 16-Jährige kehrte zurück vom Besuch ihres Freundes in Herne.

Die 16-Jährige gab sich nicht kampflos auf

Über einen Walkman hörte sie Musik, vernahm nicht die Schritte des Mannes, der nach ihr aus dem Bus gestiegen war. Laut Anklage ergriff Ralf H. die Schülerin von hinten, wollte sie vergewaltigen. Sie soll sich zur Wehr gesetzt haben, gab sich nicht kampflos auf. Doch der körperlich überlegene Angreifer schloss beide Hände um ihren Hals und erwürgte sie, stellt die Anklage fest. Davor oder danach soll er sich befriedigt haben.

Immer wieder hatten die Ermittlungsbehörden die Suche nach ihrem Mörder intensiviert und neu gestartet. Jahrelang blieb der Erfolg aus, es gab keinen Hinweis auf den Unbekannten. Bis 2018 neue Untersuchungsmethoden an einer am Leichnam der Schülerin gesicherte Hautschuppe einen Treffer ergaben. Was 1993 und Jahre später nicht möglich war, jetzt gelang es. Die DNA der winzigen Spur ließ sich ermitteln und sie fand ihr Gegenstück in der DNA-Straftäterkartei.

Immer wieder Gewalt gegen Frauen

Denn dort war Ralf H. längst registriert. Nur wenige Monate vor dem Mord im Jungferntal hatte er laut seinem Vorstrafenregister eine 16-Jährige in Castrop-Rauxel in ein Gebüsch gezerrt. Vier ähnliche Fälle, immer wieder Gewalt gegen ihm meist unbekannte Frauen, las das Dortmunder Schwurgericht im aktuellen Prozess vor. Eine mögliche Parallele zum Mord an Nicole-Denise Schalla: Seinen Opfern drückte er die Hand auf den Mund, nahm ihnen so die Luft. Todesangst empfanden sie.

Auch wenn Ralf H. in den 13 Monaten seit Prozessbeginn immer wieder beteuert, er sei unschuldig, steigt bislang die Zahl der Indizien gegen ihn. Die Leiche war damals mit einer Folie abgeklebt worden, um Spuren zu sichern. Und so entdeckten Wissenschaftler im unbekleideten Leistenbereich der Schülerin eine weitere DNA-Spur, die sie Ralf H. zuordneten. Und es gibt ein Haar, dessen Blutgruppe zur Blutgruppe B. des Angeklagten passt.

Angeklagter bestreitet den Mord

Ralf H. ist ein oft lautstarker Mann. Den Prozess nennt er schon mal eine „Farce“, wirft den Richtern Parteilichkeit vor und beteuert immer wieder: „Ich bin kein Mörder, ich habe es nicht getan.“

Dann führt er eine Operation an beiden Daumen an, die es ihm unmöglich mache, einen Menschen mit den bloßen Händen zu erwürgen. Das Gericht lässt das durch einen Gutachter überprüfen. Ergebnis: Möglich ist diese Tötungsart auch mit den Händen des Angeklagten.

Haare werden untersucht

Das Schwurgericht jedenfalls hält seine Täterschaft immer noch für wahrscheinlich, sonst hätte es ihn längst aus der U-Haft entlassen. Mehrfach hatte Richter Peter Windgätter in dem ursprünglich auf vier Verhandlungstage angesetzten Fall das Ende der Beweisaufnahme angekündigt: „Wir müssen mal zu Potte kommen.“ Aber es blieb nur ein Wunsch, 27 Tage sind es bislang.

Erst entdeckten die Verteidiger Christian Dreier und Gencer Demir in der Akte Hinweise auf weitere Haarspuren, dann arbeiteten auch die Richter ihre Ermittlungsakte noch einmal richtig durch. Ergebnis: Es gibt noch 18 bislang nicht untersuchte Haare vom Leichnam. Zur Zeit werden sie untersucht. Ob sie den Angeklagten entlasten oder seine Verurteilung noch sicherer machen werden? Auf eine Antwort auf diese Frage warten nicht zuletzt die Eltern des toten Mädchens. Sie folgten der Beweisaufnahme bislang an jedem Verhandlungstag im Saal.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben