Prozess

Mutter ließ Kinder im Feuer zurück: Mordversuch angeklagt

Zum Prozessauftakt bedeckt die Angeklagte Deborah W. ihr Gesicht mit einem Aktendeckel.

Zum Prozessauftakt bedeckt die Angeklagte Deborah W. ihr Gesicht mit einem Aktendeckel.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Dortmund  Aus Verärgerung zündete die 27-Jährige ihre Wohnung an, ließ ihre Kinder zurück. Jetzt steht sie wegen Mordversuchs vor dem Landgericht Dortmund.

Sie erzählt viel, doch den Vorwurf, das Leben ihrer Kinder gefährdet zu haben, weist sie eher knapp und emotionslos zurück. Vor dem Dortmunder Schwurgericht schildert die 27-Jährige aus Holzwickede das Ausmaß des von ihr in der Wohnung entfachten Feuers als Unfall. Zehnfachen Mordversuch wirft ihr die Staatsanwaltschaft vor, weil sie nicht nur ihre beiden kleinen Söhne hinter verschlossener Tür zurück gelassen hatte, sondern auch das Leben von acht Nachbarn in dem Mehrfamilienhaus gefährdet hatte.

Ein und fünf Jahre alt waren die beiden Söhne am 18. Mai, als ihre Mutter zum Streichholz griff. Einer schwebte nachher sogar in akuter Lebensgefahr, so heftig war seine Rauchvergiftung. Feuerwehrmänner retteten die beiden, nachdem ein beherzter Nachbar zuvor zweimal vor Feuer und Rauch in der Wohnung weichen musste.

Über den Lebensgefährten geärgert

Verärgerung über ihren Lebensgefährten, der auch der Vater der beiden Söhne ist, ist das Motiv der Tat. Das räumt Deborah W. am Dienstag vor Gericht ein. Sie habe ihren Freund aber nur erschrecken wollen, damit dieser schnell nach Hause komme.

Es war der letzte Spieltag der Fußballbundesliga. Getrennt hatte das Paar das Spiel von Borussia Dortmund in unterschiedlichen Kneipen geguckt. Sie mit Oma und Tante, er mit Cousins. Die Kinder hatten sie bei ihrer Mutter untergebracht.

50 Euro für Getränke bezahlt

Alkohol floss reichlich. Die Angeklagte erinnert sich auf Frage von Richter Peter Windgätter nicht mehr an die genaue Trinkmenge. Aber zwei Ouzo habe sie getrunken "und nachher 50 Euro bezahlt".

Mittlerweile hatte sie die Kinder zurück, wollte ihren Mann für die gemeinsame Heimkehr treffen. Aber sie habe den Zug verpasst. Bevor sie eine Stunde warten musste, nahm sie eine Taxe von Dortmund nach Holzwickede, erzählt die Hartz-IV-Empfängerin. Geld dafür hatte sie nicht, gab deshalb das Tablet des älteren Sohnes als Pfand. "Wofür braucht ein Fünfjähriger ein Tablet?", fragt Windgätter, bekommt aber keine erschöpfende Antwort.

Der Lebensgefährte kommt nicht nach Hause

Zu Hause telefoniert sie mit ihrem Lebensgefährten. Doch der 29-Jährige will nicht kommen, "weil sie mal wieder eine Verabredung verpasst hatte". Er legt auf. Sie ruft immer wieder an, schließlich blockiert er das Handy für ihre Anrufe.

Sie sei wütend geworden, erzählt die Angeklagte. Deshalb habe sie ihre Mutter angerufen, dann seine. Sie sollten auf den Freund einwirken. Doch das änderte nichts. Dann rief sie per Videoverbindung seinen Cousin an. "Zuerst haben wir uns gegenseitig heftig beleidigt", sagt sie.

Wäschestapel im Wohnzimmer angezündet

Sie vermutet, dass ihr Freund bei dem Cousin in der Wohnung ist und sich verborgen hält. Deshalb, so betont sie, habe sie den Wäschestapel auf dem Sofa mit dem Streichholz angezündet: "Ich habe das Feuer angemacht in der Hoffnung, dass er es sieht und kommt."

Doch alles sei viel schlimmer gekommen. Sie habe einen Eimer Wasser über die Wäsche geschüttet, da habe schon das Sofa in Flammen gestanden. Dass sie ihre Kinder im Stich ließ? "Ich bin raus, um Hilfe zu holen." Sie habe auch gewusst, dass die Nachbarn schnell da seien. Weil zwischen Wohn- und Kinderzimmer zwei geschlossene Türen lagen, habe sie auch keine Gefahr für die Söhne gesehen.

Alkoholentzug in Tagesklinik

Die Angeklagte hat offenbar ein Alkoholproblem. Bis Ende vergangenen Jahres hielt sie sich zur Behandlung in einer Tagesklinik auf. Als die Therapie endete, erlitt sie im Januar einen Rückfall. Jetzt sitzt sie in U-Haft. Die Kinder leben beim Vater, der das alleinige Sorgerecht hat.

Vieles klingt trotzig wie bei einem kleinen Kind, wenn sie auf die Fragen des Richters antwortet. Windgätter hält ihr einen Vermerk der Polizei vor. Danach habe sie in der ersten Zeit gar nicht nach dem Schicksal ihrer Kinder gefragt. Da sei sie in einem Schockzustand gewesen, beharrt sie. Und ärgert sich über die Polizisten: "Die haben mich gefragt, warum ich überhaupt Kinder in die Welt gesetzt habe."

Vier Prozesstage hat das Schwurgericht insgesamt angesetzt, um die Vorwürfe der Anklage zu klären. Eine direkte Tötungsabsicht wirft die Staatsanwaltschaft ihr nicht vor. Sie habe bei ihrer heimtückischen Tat den Tod ihrer Kinder und der Nachbarn aber "billigend in Kauf genommen", heißt es in der Anklage.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben