Demografische Welle

Nachwuchssorgen bei der Kriminalpolizei

Foto: WP Kleinrensing

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Hagen. Stell dir vor es geschieht ein Mord und niemand kommt zum Tatort, um die Spuren zu sichern. Wenn man den Prognosen des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) Glauben schenkt, könnte diese Vorstellung einmal Realität werden. Etliche Kripo-Beamte gehen in den nächsten Jahren in Rente. Es fehlt an Nachwuchs.

Stell dir vor es geschieht ein Mord und niemand kommt zum Tatort, um die Spuren zu sichern. Wenn man den Prognosen des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) Glauben schenkt, könnte diese Vorstellung spätestens 2030 Realität werden. Bis dahin werden rund 90 Prozent der Kriminalbeamten in Rente gehen. Und Nachwuchs ist nicht in Sicht.

„Die Beamten im Kriminaldienst sind im Schnitt 50 Jahre alt”, sagt Wilfried Albishausen, NRW-Landesvorsitzender des BDK. „Wenn die erst einmal alle pensioniert werden, gehen viele Erfahrungswerte und viel Wissen verloren.” Momentan sehe es nämlich so aus, dass kaum junge Polizisten zu Kriminalisten gemacht würden. Albishausen schiebt das vor allem auf die Polizei-Ausbildung in NRW.

Zu lange Ausbildungszeit

Die besteht nämlich in unserem Bundesland in einem eher allgemein gehaltenem Bachelor-Studium, dass den angehenden Polizisten Grundlagen in allen Bereichen des Polizeidienstes vermittelt. An die Ausbildung schließt sich ein Jahr im Streifendienst und weitere drei Jahre in der Bereitschafts-Hundertschaft an. „Im Klartext heißt das, dass die jungen Leute, die jetzt eingestellt werden, frühestens in sieben Jahren für den Kriminaldienst spezialisiert werden können”, so Albishausen. „Da haben viele die Inhalte aus dem Studium schon wieder vergessen.” Und die sechsmonatige Fortbildungszeit reiche längst nicht aus, um auf den Arbeitsalltag vorzubereiten.

Kaum Wechsel in den Kriminaldienst

Der BDK-Landesvorsitzende betont auch, dass seit den 90er Jahren kaum neue Leute zur Kriminalpolizei gewechselt sind. „Lange Zeit wurden jährlich nur 500 junge Menschen eingestellt, die wurden dann aber später für den Streifen- und Wachdienst benötigt, so dass wir nichts abgekriegt haben”, beschwert er sich. Den Kriminalisten wäre es wohler, wenn sie wüssten, dass von den bis 2011 jährlich eingestellten Polizisten rund 200 später auch wirklich bei der Kripo landen würden. Wenn man schon nicht die ganze Ausbildung modifizieren kann. „Das wäre natürlich am besten”, sagt Albishausen. „Bis Mitte der 80er Jahre konnte man sich direkt für den Kriminaldienst bewerben und wurde dann drei Jahre spezifisch ausgebildet.” Das wünscht sich der BDK heute zurück.

Gelassenheit beim Innenministerium

Aus Sicht des Innenministeriums und der Gewerkschaft der Polizei (GdP) übertreibt der BDK maßlos. „Das ist doch nur Geklapper”, amüsiert sich Pressesprecher Stephan Hegger. „Die Kriminalisten haben keine höhere Altersstruktur als andere Bereiche der Polizei.” Richtig sei, dass die Polizei insgesamt überaltet ist. „Das ist ein Problem, das aus massiven Einstellungen in den 70er Jahren resultiert”, sagt Hegger. „Jetzt schieben wir sozusagen eine demografische Welle vor uns her.” Und bald stehen dann die Pensionierungen an.

„Deshalb ist es ja auch so wichtig, dass wir seit einem Jahr 1100 Nachwuchspolizisten einstellen, um diese Welle aufzufangen”, sagt Wolfgang Beus, Sprecher des Innenministeriums. „Damit reagieren wir früh genug, die Kriminalisten machen sich zu viele Sorgen.” Die neuen Polizisten würden nach Bedarf auf verschiedene Bereiche verteilt werden. „Der Kriminaldienst kommt dabei nicht zu kurz.”

„Wir schieben eine demografische Welle vor uns her.” Stephan Hegger

Das sieht Albishausen anders. Für ihn sind die Wartezeiten, die Ermittler für die Verfolgung von Internetkriminalität und das Untersuchen von Festplatten angeben müssen, viel zu lang. „Sechs Monate oder gar ein ganzes Jahr ist viel zu lang”, klagt er. „Und wenn sich viele Kriminalisten mit einem Fall wie etwa der Mafia in Duisburg beschäftigen, dann bleibt kein Personal übrig, dass sich mit den alltäglich anfallenden Arbeiten beschäftigt.”

Auch wenn er sich sonst mit einer Einschätzung der Personallage der Kriminalisten zurückhält, in diesem Punkt kann Oberstaatsanwalt Dr. Gerhard Pauli den BDK bekräftigen: „Die Wartezeiten sind lang, oft kommt man nur über Prioritätenlisten voran.” Aber daran haben sich scheinbar alle gewöhnt.

Rund ums Thema:

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (20) Kommentar schreiben