Radtouren

Mit dem Fahrrad durchs grüne Ruhrgebiet: eine Probefahrt

Wie grün das hier ist! Entlang des Kanals blühen die Bäume.

Wie grün das hier ist! Entlang des Kanals blühen die Bäume.

Foto: Julia Tillmann

Ruhrgebiet.   Das Ruhrgebiet in Klein: 15 neue Radtouren führen autofrei über Bahntrassen. Warum auch das „Probierstück“ schon 30 Kilometer lang ist.

Da ist er wieder, dieser Satz, in dessen banger Erwartung altgediente „Ruhris“ schon den Kopf ein- und die Miene verziehen: „Wie grün das hier ist!“ Jochen Schlutius hat ihn gerade gesagt, gewissermaßen der oberste Radfahrer der Ruhr Tourismus GmbH (RTG). Natürlich weiß auch er das schon lange und sowieso besser, aber er hört den Satz einfach immer wieder von den Reisenden ins Ruhrgebiet. „Es bleibt eine Überraschung, der Ruf des Reviers ist ein anderer.“

Immer noch. Aber sie arbeiten ja daran bei der RTG und nun wieder mit nochmal 15 neuen Radtouren durch dieses ach-wie-grüne Ruhrgebiet. Entlang des „30-Kilometer-Probierstücks“ blühen gerade die Bäume, die Zweige tragen frisches Grün, das muss man einfach schön finden, zumal – fast – kein Auto den Radweg kreuzt. Soll keiner mehr sagen, das Ruhrgebiet sei grau. „Es wird“, sagt Schlutius, „unterschätzt. Auch von den Einheimischen.“ Deshalb rauf auf den Drahtesel:

Revier Routen: Die neuen Radtouren im Selbstversuch
Revier Routen: Die neuen Radtouren im Selbstversuch

.

Bis zu 70 Kilometer durch das ach-wie-grüne Revier

Es ist ja nicht so, als seien die Radwege neu, die gibt es längst. Aber sie zusammenzusetzen in sinniger Folge, das fiel den Zweiradfahrern zuletzt noch schwer. „Wo soll ich fahren?“, fragten sie, die von überall her anreisten, die Touristiker, und die hatten, gesteht Schlutius, „eigentlich keine Antworten.“ Nun haben sie eine, verpackt in einer Box: jede Menge RadRevierRuhr-Karten, regenfest, Rundtouren und Strecken, die längste mehr als 70 Kilometer lang. Wir beginnen mit den 30, für Einsteiger und Anfänger, heißt es, geeignet auch für Familien und den Tag der Anreise. Und natürlich startet die auf Zollverein.

Knotenpunkt 59, das ist die neueste Neuerung: Man muss jetzt nicht mehr wissen, dass die Reise nach Gelsenkirchen-Ückendorf gehen soll, man kann im Revier jetzt fahren nach Zahlen. Jede Kreuzung, jede Abbiegung von Wichtigkeit trägt eine Nummer, erst in dieser Woche ist das Wabensystem, das wie ein Spinnennetz über der Region liegt, fertig geworden. Von Zollverein folgt der Radler also der 60, dann der 49, der 48, dann sogleich der 46... Und sieht: das Revier in Klein.

Kray oder Rotthausen: (fast) dasselbe in Grün!

Vom Doppelbock auf Zollverein zum roten Förderturm des Museums Phänomania, rechts und links hinter den Bäumen ein bisschen Bergbausiedlung, unter den Rädern die „Kray-Wanner-Bahn“. Das ist das Feine an diesen Routen, dass sie fast alle über ehemalige Bahnstrecken des Industriezeitalters führen, nur merkt das keiner mehr, Schienen und Schotter sind ja weg. Weshalb man auch nicht merkt, wo man eigentlich ist. „Sobald Sie das Fahrzeug wechseln, haben Sie gleich einen anderen Blick“, sagt Jochen Schlutius. Und dabei keinen mehr auf das Hinterland (das hier könnte Kray sein, vielleicht aber doch noch Rotthausen, Essen, Gelsenkirchen? Von hier aus dasselbe in Grün.

Ein Abstecher führt zur neuerdings silbern glänzenden Himmelstreppe auf die Halde Rheinelbe; man muss das nicht machen, die Strecke soll eigentlich topfeben sein. Nur ist die Aussicht so schön. Überall Ruhrgebiet, also: grün. Selbst die Innenstädte, nicht alle gleich hübsch von unten besehen, strecken ihre Kirchtürme und ihre Hochhäuser nur zaghaft durch das Meer aus Baumwipfeln. Im Norden die Schalker Arena, im Osten das Bochumer Bergbaumuseum, im Westen Oberhausens Gasometer, im Süden muss irgendwo das Ruhrtal sein. Und, ja, da sind auch rauchende Schlote, die Letzten unter ihnen. Gehören auch dazu und sehen von oben durchaus possierlich aus.

Am Knotenpunkt 44 gibt’s Kaffee und Frikadellen

Unten wartet die Erzbahntrasse mit der bunt bemalten Erzbahnbude, Kaffee und Frikadelle, das gibt Kraft. Zur Not steht unter Bäumen ein Dixie-Klo. Zollverein liegt schon zehn Kilometer im Rücken, die Zoom Erlebniswelt fünf Kilometer voraus, man könnte jetzt auch nach Bochum, Jahrhunderthalle 6,2, aber das ist eine andere Geschichte und eine andere Tour. Wir sind am Knotenpunkt 44, es warten gen Norden die Nummern 63 und 90 sowie der Rhein-Herne-Kanal mit seinen malerischen Brücken, jedenfalls: Sie sehen alle anders aus.

Spätestens am Nordsternpark blickt der Reisende ehrfürchtig hinauf zum Herkules auf dem Dach juchhee – und wünscht sich die Kraft des griechischen Helden. Denn die ganze Wahrheit ist: Auch für das „Probierstück“ braucht der Freizeitradler schon ein bisschen Power in den Beinen. 30 Kilometer sind nicht wenig für Ungeübte, zumal, wenn sie noch die eine oder andere Halde erklimmen wollen. Und der Gegenwind nimmt keine Rücksicht auf niemanden, Radfahrer wissen das: Spätestens auf dem Rückweg kommt er von vorn. Immer. Ungeschriebenes Radtouren-Gesetz.

Revier Routen: Die neuen Radtouren im Selbstversuch
Revier Routen: Die neuen Radtouren im Selbstversuch

>> INFO: DIE NEUEN REVIER-ROUTEN

Passend zum Start in die neue Fahrradsaison sind die 15 neuen Touren der Ruhr Tourismus GmbH (RTG) fertig geworden. Elf Rundkurse und vier Streckentouren zeigen Radreisenden das Ruhrgebiet: etwa die „Kanalpassage“, die „Bahngeschichte“ oder die „Stahlküche“. Die kürzeste Strecke misst 30, die längste 70 Kilometer.

Die Touren richten sich an geübte Radreisende , die das Ruhrgebiet für mehrere Ausflüge besuchen und nicht von einem Hotel zum anderen fahren wollen. Aber auch Einheimische können natürlich ihre Heimatregion als Pedalritter erforschen. Das Tourenheft ist kostenlos, die Box mit Detailkarten im Maßstab 1:35.000 kostet 19,95 Euro im Buchhandel oder unter www.ruhr-tourismus.de.

Just in dieser Woche sind auch letzte Lücken im Knotenpunkt-System geschlossen worden. Das komplette Ruhrgebiet zwischen Dortmund und Wesel, Haltern und Hattingen ist für Radler nun nach Nummern befahrbar.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben