Unnötiges E-Roller-Chaos

Städte ignorieren Möglichkeit von Sperrzonen für E-Scooter

Leihroller gehören nun zum Stadtbild: Dieser Fahrer verhält sich allerdings verkehrswidrig, denn die Kölner Domplatte ist Fußgängerzone.

Leihroller gehören nun zum Stadtbild: Dieser Fahrer verhält sich allerdings verkehrswidrig, denn die Kölner Domplatte ist Fußgängerzone.

Foto: dpa/ Christoph Hardt

Essen/Herne/Köln.  Rowdys und Unfälle mit Elektro-Rollern gehören in einigen Städten zum Alltag. Dabei gibt es eine einfache Lösung, Sperrzonen einzurichten.

Es dauerte nur einen Monat, da lernte der elektrischer Roller das Fliegen. Drei Jugendliche warfen in Köln eines der schweren Geräte von der Hohenzollernbrücke, es krachte neben die öffentlichen Toiletten auf einen Kühlwagen. Hätten sie auch ein Fahrrad geworfen? … Vielleicht, doch mit dem Roller kann man’s ja machen, scheinen einige zu glauben. Unfälle mit Betrunkenen oder durch Fahren gegen die Verkehrsrichtung und auf Gehwegen gebe es jedes Wochenende, klagt die Polizei. Erst Ende Juni hatten mehrere Verleihfirmen Köln mit hunderten Mietrollern geflutet – Essen folgt am heutigen Donnerstag, Bochum ist auch in Gesprächen. Ist Köln also die Ausnahme oder die Regel?

Herne zeigt, wie man es besser macht. Als „Modellstadt für Neue Mobilität“ war Herne bundesweite Pilotstadt für E-Scooter. „Wir können ein positives Fazit ziehen“, sagt Pressesprecher Christoph Hüsken. „Eine runde, funktionierende Sache“ nennt er das Verleihsystem des Start-ups Circ. „Ich sehe viele Leute damit fahren, auch ganze Familien. In Paris ist ja ein Gerät in der Seine gelandet, aber bislang ist kein E-Scooter aus dem Rhein-Herne-Kanal oder aus der Emscher gefischt worden.“

Automatische Drosselung ist kein Problem

Nun sind Nachtleben und Verkehrsdichte von Herne nicht vergleichbar mit Köln oder Paris, dennoch gelten hier strengere Regeln: Der Vermieter weiß dank GPS-Ortung ohnehin immer, wo der Roller sich befindet – er kann somit einzelne Straßen sperren oder dort die Geschwindigkeit drosseln. So sei die Fußgängerzone von Herne technisch gesperrt, ebenso wie auf dem Gelände der Cranger Kirmes. „Bis zum Parkplatz durften Nutzer aber fahren“, sagt Hüsken. „Für die letzte Meile war das erwünscht.“

Dennoch spielen solche Zonen bislang nirgendwo sonst eine Rolle. Man spreche mit Städten und Institutionen darüber, so Anbieter Circ. „Wenn die Stadt diese einführen möchte, werden wir unsere Fahrzeuge dort umgehend langsamer fahren lassen“, erklärt eine Sprecherin.

Köln wolle sich den Betrieb zunächst anschauen und im Oktober die Regeln anpassen, erklärt Sprecher Jürgen Müllenberg. Was das wilde Abstellen angeht, hält Köln den Anbietern aber bereits die Instrumente vor: „Das Ordnungsamt würde die Roller gegebenenfalls auch einsammeln.“ Tatsächlich sei das wilde Abstellen aber nicht so dramatisch wie zum Start des Radverleihs vor rund eineinhalb Jahren, so Müllenberg, denn die Roller werden ohnehin jede Nacht eingesammelt, um sie aufzuladen.

Konfliktzonen entstehen, wo es keine geben dürfte

Essen, erklärt Sprecherin Silke Lenz, habe mit den Anbietern Lime und Tier über Drosselungen und Sperr-Zonen gesprochen. „Für uns war es wichtig, in der Essener Innenstadt eingreifen zu können. Aber ob es zum Start schon so funktioniert, kann ich nicht sagen.“ Etwa 1250 Fahrzeuge will Lime in den nächsten Wochen in der Stadt verteilen, weitere Zahlen sollen erst am Donnerstag bekannt gegeben werden. Was das wilde Abstellen angeht, habe die Stadt zur Bedingung gemacht, dass es Ansprechpartner der Anbieter vor Ort gibt, die darauf achten.

Für Düsseldorf scheinen Sperrzonen derzeit kein Thema zu sein. Auf Nachfrage verweist die Stadt darauf, dass Roller grundsätzlich nicht auf Gehwegen oder in Fußgängerzonen fahren dürfen. „Von daher ist die Altstadt, weil Fußgängerzone, für E-Scooter tabu“, so Sprecher Michael Bergmann. Allerdings halten sich einige Fahrer nicht an diese Regel, gerade auf dem zentralen Burgplatz kommt es zu Konflikten. „Die Zahl der Beschwerden hält sich aber in Grenzen“, erklärt Bergmann. „Die negativen Erfahrungen beschränken sich auf rücksichtsloses Verhalten, behindernd abgestellte Tretroller und zu hohe Geschwindigkeiten.“

Wohl eher wegen zu niedriger Geschwindigkeit musste die Polizei am Mittwoch einen 23-Jährigen aus Dubai mit seinem Leih-Roller aus dem Verkehr ziehen. Er war auf der A57 unterwegs in Richtung Kreuz Köln-Nord. Sein Navigationssystem hatte ihm die Autobahn als schnellste Route angezeigt.

>> Seniorenvertreter fordern mehr Kontrollen

Mehr Kontrollen für E-Roller an Verkehrsschwerpunkten fordern die Landesseniorenvertretung und die Senioren-Union der CDU. „Ältere und Mütter mit Kindern reagieren erschrocken, wenn ein Roller- oder Fahrradfahrer eng um sie herumkurvt oder vor ihnen scharf abbremst“, sagt Otto Wulff, Vorsitzender der Senioren-Union. „Wo können Fußgänger noch frei herumlaufen? E-Roller sind eine Gefahr, wo die Verkehrsdichte hoch ist. Und je mehr Roller hinzukommen, desto mehr Gefahren treten auf.“

Dabei gehe es vor allem um die Rollerfahrer, die verbotenerweise auf Gehwegen unterwegs seien. „Ich gönne ja jedem sein Vergnügen“, so der ehemalige Bundestagsabgeordnete aus Schwerte, „aber er darf keinen anderen gefährden. Im Endeffekt geht vieles, wenn die Leute sich vernünftig verhalten. Aber die Gefahr ist da, weil einige es eben nicht tun. Die wenigen verderben den Brei.“ Am besten müssten die E-Roller eigene Bahnen bekommen. Da dies jedoch nicht ohne weiteres möglich sei, müsse die Polizei aktiver werden. „Ohne höhere Kontrolldichte, kann es auch keine weitere Verdichtung des Verkehrs geben.“

Auch Barbara Eifert, Beraterin der Landesseniorenvertretung, sieht vor allem in der unzulässigen Benutzung von Gehwegen ein Problem. „Leider muss man mehr kontrollieren und auch das Abstellen besser regeln.“ Womöglich seien auch mehr Schulungen notwendig. „Wie sehr ein Mensch sich bedroht fühlt“, sagt Eifert, „ist keine Frage des Alters, sondern der Einschränkung. Alles was zur ohnehin immer unübersichtlicheren Lage hinzu kommt, wird natürlich als bedrohlich empfunden.

>> Info: Diese Regeln gelten für Elektroroller

E-Scooter sind erlaubt, wo auch Fahrräder fahren dürfen. Nur wo Radwege, Radfahrstreifen und Fahrradstraßen fehlen, darf auf die Fahrbahn ausgewichen werden. Gehwege und Fußgängerzonen sind für E-Roller verboten. Einbahnstraßen dürfen nur dann entgegen der Fahrtrichtung befahren werden, wenn es das Zusatzzeichen „E-Scooter frei“ erlaubt.

Das Mindestalter für Fahrer liegt bei 14 Jahren, ein Mofa-Führerschein genügt. Helme sind keine Pflicht, aber empfehlenswert. Was Alkohol angeht, gelten die gleichen Promillegrenzen wie für Autofahrer. Grundsätzlich darf man nur alleine auf dem E-Scooter fahren.

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