Spitzenforschung im Revier

Stimulation fürs Hirn: Elektroschocks als Therapie

Leila Farnad ist Doktorandin am Dortmunder Leibniz-Institut – und Helmut Hübner ihr Proband bei einem Hirnstimulations-Versuch.

Leila Farnad ist Doktorandin am Dortmunder Leibniz-Institut – und Helmut Hübner ihr Proband bei einem Hirnstimulations-Versuch.

Foto: MATTHIAS GRABEN / FUNKE Foto Services

Dortmund.  Dortmunder Neurowissenschaftler schicken Strom ins Hirn, um Beschwerden zu lindern. Mit der alten Elektroschock-Therapie hat das wenig gemein.

Ein winziges Zucken entzückte 1980 die ganze Welt. Jedenfalls die der Neurowissenschaftler. Im tapferen Selbstversuch erfanden damals die Herren P. A. Merton und H. B. Morton in London die „Transkranielle Elektrische Hirnstimulation“: Sie schickten über eine Hochvolt-Apparats einen elektrischen Impuls gezielt in jenen Teil des Gehirns, der für Motorik zuständig ist – und es bewegte sich tatsächlich ein Finger. Ohne dass sie zuvor dafür den Schädel (lat. cranium) öffnen mussten! Ihre Methode setzte sich nie wirklich durch, unter anderem weil sie sehr schmerzhaft war. Was auf den Bildern des Experiments unschwer zu erkennen sei, erinnert sich Prof. Michael Nitsche: „Man sieht, wie sich Meningitis anfühlt...“. Für den Dortmunder Neurologen war jenes Londoner Experiment dennoch das entscheidende, der Durchbruch für ein Therapie-Verfahren, das er „spooky“ nennt, das aber tatsächlich vielen helfen könnte: Menschen mit chronischen Schmerzen, Ängsten, Schlaganfällen, Depressionen, Schizophrenie, Alzheimer oder Parkinson etwa.

Der 51-Jährige, der Medizin und Psychologie studiert hat, gilt weltweit als einer der führenden Köpfe auf dem Gebiet; er leitet den Forschungsbereich „Psychologie und Neurowissenschaften“ am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo). 2015 kam er ins Revier, 1999 begann er an der Uni Göttingen sich mit dem Thema zu befassen. Einfach erklärt, beruht die Methode der nicht-invasiven Hirnstimulation auf der Tatsache, dass Nervenzellen (Neuronen) elektrisch erregbar sind. Untereinander kommunizieren sie mithilfe von „Synapsen“, chemische Botenstoffe übertragen die Signale von einer Zelle zur nächsten. Innerhalb der Zelle aber funktioniert die Signalverarbeitung über elektrische Prozesse. Und diese, so stellten Forscher fest, lassen sich auch von außen durch Strom-Gabe beeinflussen: bremsen oder verstärken. Die Nervenzelle wird dabei nicht direkt aktiviert, nur ihre Erregungsschwelle verändert – ihre Bereitschaft, aktiv zu werden. Das funktioniert mit Gleich- und Wechselstrom, aber auch über magnetische Impulse, nennt sich im Fachjargon tDCS, tACS oder (r)TMS – und wirkt, wenn man’s richtig anstellt, über den Moment hinaus.

„Man spürt höchstens ein leichtes Kribbeln auf der Kopfhaut“

Sehr vorsichtig, berichtet Michael Nitsche, habe er damals angefangen, menschliche Hirne zu stimulieren: Mit ganz schwacher Intensität und wenigen Sekunden Dauer nur. Heute schickt er seinen Probanden etwa 20 bis 30 Minuten lang ein bis zwei Milliampere ins Hirn, „soviel wie eine Neun-Volt-Batterie hergibt“. Am Kopf des (wachen) Patienten, genau über dem Areal, das verändert werden soll, werden dazu zwei Elektroden angebracht. „Es klackt, es zuckt, es juckt vielleicht. Aber man spürt“, sagt Nitsche, „höchstens ein leichtes Kribbeln auf der Kopfhaut, nicht mehr.“ Die Methode sei völlig ungefährlich.

Das klingt gut. Trotzdem fiel es dem Wissenschaftler anfangs schwer, Freiwillige für seine Studien zu finden. Diese Art von „Therapie“ weckt unschöne Assoziationen an die brutale Elektroschock-Therapie des letzten Jahrhunderts, die zu schweren Gedächtnisverlusten und Persönlichkeitsveränderungen führte; sie erinnert an den Film „Einer flog übers Kuckucksnest“, der in einer Irrenanstalt spielt, und an Ernest Hemingway, der als prominentestes Opfer der Elektrokrampf-Therapie gilt. Der amerikanische Autor und Nobelpreisträger litt unter schweren Depressionen, wurde deswegen in der Mayo Clinic mit Elektroschocks behandelt. Am 2. Juli 1961 erschoss er sich, zwei Tage, nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Bei dem, was er betreibe, handele es sich ein „qualitativ ganz anderes Verfahren“, betont Nitsche gelassen. Gemein sei beiden nur, dass es sich um nicht-invasive Hirnstimulationen handele.

Die Japaner lieben Stresskliniken, um runter zu kommen

Die größte Sorge der Wissenschaftler, die sich heute damit befassen, gelte „Selbstversuchen“ von Laien. Die „Do-it-yourself-Community„ sei „relativ groß“, erklärt Nitsche. Mit etwas technischem Verständnis lasse sich das nötige Gerät leicht zusammen basteln. „Und viele Leute wollen offenbar fürs anstehende Examen eben mal schnell ihre kognitive Leistungsfähigkeit erhöhen.“ Dass die transkranielle Stimulation Lernen erleichtern kann, belegen zahlreiche Studien. Allerdings: sollte man schon wissen, was man tut, sagt Nitsche. Der Schuss könne sonst leicht nach hinten losgehen…

das müssen sie gelesen haben Das müssen Sie gelesen haben Als diagnostisches Verfahren in der Neurologie hat sich die transkranielle Stimulation in Deutschland bewährt. Für die Therapie etwa von Depressionen ist es – anders als in den USA – hier noch nicht offiziell zugelassen, auch wenn es einige wenige niedergelassene Ärzte bereits anbieten. Dabei seien die Erkenntnisse aus den USA „sehr ermutigend“: „Die Effekte sind beeindruckend. Die Patienten bleiben über sechs, sieben Monate stabil“, so Nitsche. In Tokio besuchte der gebürtige Braunschweiger jüngst sogar eine „Stressklinik“: 70 TMS-Geräte stehen darin bereit, nach Feierabend lassen sich zunehmend mehr Japaner gern für eine halbe Stunde anschließen, „um runterzukommen“. „Das ist nicht ganz billig, aber ein echter Trend“, staunt Nitsche. Für eine Stimulations-Sitzung bei einem deutschen Neurologen dagegen zahlten die Patienten „zweistellig, keine Mondpreise“; die Kasse übernehme die Kosten in der Regel trotzdem nicht. Was ihn am meisten stört, weil es der ganzen Methode einen „halbseidenen“ Beigeschmack gebe, den sie nicht verdiene.

Spannendes Projekt: Alte Ängste verlernen lernen

Trotz allem fühlt sich der Neurowissenschaftler mit seiner Forschung im Ruhrgebiet „gut aufgehoben“. Explizit lobt er dessen „Kultur der Kollaboration“, die es „so in Deutschland sonst nirgendwo“ gebe. Im Dortmunder Leibniz-Institut geht es vor allem um Grundlagenforschung im Bereich der neuronalen Plastizität, also um die Fähigkeit des Gehirns, sich selbst zu verändern, sowie um Lern- und Gedächtnisbildung und um die Leistungsfähigkeit verschiedener Chronotypen (Eulen und Lerchen). Irgendwann, so hofft der Fachmann, werde es individualisierte Stimulations-Therapien geben – „für ein breites Anwendungsfeld“. Besonders spannend, findet Nitsche, sei ein Projekt „Extinktionslernen bei Angststörungen“: Mithilfe transkranieller Hirnstimulation sollen beispielsweise Feuerwehrleute traumatische Erlebnisse, schlimme Erfahrungen, die sie nachts aus Furcht vor Flashbacks oder Alpträumen nicht schlafen ließen, „verlernen lernen“. „Da gibt es bis heute wenig, was hilft...“.

>>>>> INFO: Probanden gesucht

Die Neurowissenschaftler des Dortmunder Leibniz-Instituts suchen derzeit noch Probanden für verschiedene Studien. Es geht unter anderem um die Frage, wie sich mit kognitivem Training und Hirnstimulation die Leistungsfähigkeit im Alter verbessern lässt, oder um den Effekt von Nikotin auf die geistige Leistung.

Die Interessenten müssen gesund, Rechtshänder, Nichtraucher und zwischen 50 und 85 Jahre alt sein, Weitere Infos: Nicole Rück (Tel.: 0231 / 1084-335 oder rueck@ifado.de) mehr.

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