Gesichtserkennung

Strafverfolgung: Wie die Amazon-App Gesichter erkennt

Mit der Rekognition-App von Amazon lassen sich Gesichter und Stimmungen analysieren. 

Mit der Rekognition-App von Amazon lassen sich Gesichter und Stimmungen analysieren. 

Foto: Amazon

Essen.   Das Gesicht aus tausenden Bildern ausmachen? Amazon bietet das Strafverfolgern an, zu Kleckerbeträgen. Ein Ausblick mit Experten aus der Region.

Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist dein Gesicht. Maschinen, die Menschen an ihrem Aussehen erkennen und ihre Stimmungen analysieren, das klingt nach einem Zukunftsszenario – doch die Technologie kommt längst vielerorts zum Einsatz.

Denn künstliche Intelligenz wird immer besser darin, biometrische Merkmale zu identifizieren. Ein Gesicht unter Millionen wiedererkennen – damit wirbt zum Beispiel auch das Unternehmen Amazon für seine Software Rekognition, die sich jeder als App herunterladen kann.

Die Vorteile der Technologie liegen auf der Hand. Sie identifiziert Menschen schnell und zuverlässig, zumindest wenn die Qualität der Vorlage stimmt. Und so entstehen immer mehr Einsatzszenarien - sei es für die Polizeiarbeit oder für kommerzielle Zwecke. Die Möglichkeit einer Strafverfolgung zum Schnäppchenpreis.

Manche US-Behörden, wie in Orlando oder Florida, nutzen die Gesichtserkennungssoftware bereits, um in Bild- und Videoaufnahmen nach Verdächtigen zu suchen. Das Prinzip der Verhaltens- und Mustererkennung kam auch schon bei großflächigen Pilotversuchen am Berliner Südkreuz Bahnhof oder in Mannheim zum Einsatz. Ziel des Projektes: Das Verhalten von Menschen per Videoüberwachung zu analysieren.

Die digitale Schablone

“Mittlerweile gibt es gewisse Bereiche, in denen uns Maschinen in der Bildverarbeitung überlegen sind”, erklärt der IT-Sicherheitsexperte Professor Thorsten Holz. An der Ruhr-Universität in Bochum beschäftigt er sich mit der digitalen Vernetzung und den daraus entstehenden Chancen und Risiken.

Technisch läuft es so: Auf jeder Aufnahme markiert die Software markante Kennzeichen – etwa an den Augen- und Mundwinkeln, der Nasenspitze, dem Kinn, der Pupille, den Leberflecken oder Falten. Die Punkte werden verbunden, wodurch ein einzigartiges Muster entsteht. Stimmt es mit der Schablone überein, kann die Maschine die Person zuordnen.

Das neuronale Netz einer Software erstellt aus den Bildern, die ein Nutzer in sein Profil hochgeladen hat, eine digitale Schablone. Sie hilft bei der Identifikation: Lädt ein Nutzer ein neues Foto über die App hoch, gleicht die Software es mit der Schablone ab. Dabei analysiert sie unter anderem den Abstand von Augen und Nase, die Kopfform oder auch die Ohren.

Diskriminierende Software

Während der Trainingsphase lernt die Software, welche Gesichtsmerkmale vorhanden sind und wie sie diese zuordnen kann. Das eher aufwendige Training kann der Nutzer mit der Datenbank der Rekognition- App einfach umgehen. Er kann die App einkaufen und von den bereits bestehenden Daten von Amazon profitieren. Der Service hat jedoch auch seine Tücken: “Die Daten, die über die App hochgeladen werden, landen erst mal auf dem Server von Amazon oder Google. Dort hat man keine Garantien dafür, was mit den Daten passiert”, unterstreicht der IT-Experte.

Jedem müsse bewusst sein: Wo Daten anfallen, können sie auch missbraucht werden. Ebenso sei eine “Diskriminierung” innerhalb der Software laut Thorsten Holz nicht auszuschließen. “Wenn man während des Trainings der Software zum Beispiel keine asiatischen Gesichter zeigt, hat das neuronale Netz auch noch nie diese Gesichter gesehen und weiß später nicht, wie es damit umgehen soll. Das führt dann zu einer Fehlinterpretation.”

Spannungsfeld zwischen Datenschutz und Technologie

Dass Biometrie geeignet ist, um die Bevölkerung zu überwachen, zeigt sich in China oder Amerika: Die Regierungen nutzen hier eine Gesichtserkennungssoftware, um bereits aufgefallene Straftäter zu identifizieren. Aber ist eine derartige Software auch dazu geeignet, die Kriminalität an hiesigen Plätzen im Ruhrgebiet einzudämmen?

Das Landeskriminalamt in NRW (LKA) betrachtet die Verwendung von derartigen Technologien noch zaghaft. Vor allem seien hier die rechtlichen Voraussetzungen zur Produktion von Videoaufnahmen im öffentlichen Raum eine große Herausforderung. Ein weiterer Grund bestehe in der Beurteilung von abgelichteten Personen, die von speziell ausgebildetem Personal durchgeführt werden muss. „Eine Software mit dem Ziel der Gesichtserkennung kann nur ein Hilfsmittel für den Spezialisten vor dem Bildschirm sein“, erklärt Pressevertreter Frank Scheulen.

Deutschland sei davon noch weit entfernt, betont der IT-Dozent: “Das wäre so gut wie undenkbar. Wir haben hier in Europa Standards, die sich deutlich von denen in Amerika und China unterscheiden.” Der Test am Berliner Südkreuz zeige, dass Polizeibehörden zwar mit intelligenten Videosystemen experimentieren, aber europäische Datenschutzvereinbarungen eine Massenüberwachung verhindere.

Beispiele, wie die automatische Grenzkontrolle an Flughäfen verraten jedoch, dass offizielle Stellen Gefallen an dem Prinzip der Gesichtsanalyse finden. “Wo große Datenmengen zusammenkommen, entsteht immer ein Spannungsfeld zwischen Datenschutz und Technologie. Dabei ist die Bildverarbeitung in autonomen Forschungsbereichen besonders wichtig. So kann der Algorithmus auch Vorteile mit sich bringen und Sehgeschädigten dabei behilflich sein, ein Bild zu erkennen.“

Anonymität des Einzelnen

Dass mit der Rekognition-App die Gesichtserkennung Einzug in den Alltag hält, betrachtet Christine Steffen von der Verbraucherzentrale NRW verhalten: „Es hat eine ganz andere Qualität, wenn jeder mit der eigenen Software durch die Straßen zieht und Menschen identifizieren kann. Wenn auf diese Weise massenhaft biometrische Daten beim Unternehmen landen, ist das sehr bedenklich. ”

Durch die flächendeckende Nutzung einer derartigen Technologie sähe sie auch zunehmend die Anonymität des Einzelnen schwinden. Sie warnt davor, dass der Verbraucher sich darüber im Klaren sein muss, dass durch die Verfügbarkeit seiner Daten auch immer das Risiko eines Missbrauchs steigt.

“Bevor man sich dazu entschließt, solch eine App zu nutzen, sollte man sich genau darüber informieren, was das Unternehmen mit den biometrischen Daten macht”, erklärt die Datenschutz-Expertin. Es könne immer dazu kommen, dass auch Dritte die Daten abgreifen. “Im Unterschied zum Passwort, kann ich das später nicht mehr ändern. Das Gesicht bleibt einzigartig.”

>>> Datenschutz-Tipps von der Verbraucherzentrale

■ Recht auf Auskunft und eine Kopie der Daten: Auf Verlangen müssen Unternehmen in präziser und verständlicher Form die Auskunft der personenbezogenen Daten ermöglichen.

■ Recht auf Löschung: Die Daten müssen auf Ihren Wunsch hin gelöscht werden, wenn sie unrechtmäßig verbreitet werden oder Sie Widerspruch gegen die Datenverarbeitung einlegen.

■ Recht auf Berichtigung: Sollten Daten falsch oder unvollständig sein, muss das jeweilige Unternehmen unverzüglich Korrekturen vornehmen.

■ Mehr Informationen über Datenschutz und Rechte unter: https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/digitale-welt/datenschutz/ihre-daten-ihre-rechte-die-datenschutzgrundverordnung-dsgvo-25152

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