Ausbildung

Trotz Beamten-Klischees: Bewerber überrennen Revierstädte

Findet ihren Job alles andere als langweilig: Chantal Völker (22) macht eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellte bei der Stadt Oberhausen.

Findet ihren Job alles andere als langweilig: Chantal Völker (22) macht eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellte bei der Stadt Oberhausen.

Foto: Olaf Fuhrmann

Oberhausen.   Die Ausbildung bei der Stadt boomt: Teilweise gibt es über 300 Bewerbungen auf eine Stelle in der Verwaltung. Warum der Job so beliebt ist.

Die Personalabteilungen der Städte im Ruhrgebiet ertrinken auch in diesem Jahr in einer wahren Flut an Bewerbungen. 20 bis 30 Interessenten bewerben sich über alle angebotenen Ausbildungsberufe hinweg auf einen Platz, manchmal sind es sogar über 300. Besonders beliebt: Die Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten und das duale Studium zum Stadtinspektoranwärter – nach dem Abschluss winkt hier die Verbeamtung. 770 Bewerbungen gingen in diesem Jahr bei der Stadt Bochum auf nur zwei Stellen ein. In Essen waren es 1100 auf 60 Plätze. Dabei ist der Beruf noch immer klischeebehaftet.

„Du sitzt den ganzen Tag in einem Büro und machst nichts“, bekam Chantal Völker oft zu hören. Ein Vorurteil, mit dem die Auszubildende gut leben kann. Denn wenn sie im Sommer ihre Lehre bei der Stadt Oberhausen beendet, erwartet die Verwaltungsfachangestellte eine unbefristete Beschäftigung. Diese Sicherheit war der jungen Frau bei der Jobsuche wichtig. Und sie hat damit eine Perspektive, die sich viele Jugendliche wünschen.

Eine Verbeamtung ist kein Muss

Julia Wogatzke hat im vergangenen Jahr eine der begehrten Stadt-Stellen bekommen. Nachdem sie bereits eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten abgeschlossen hatte, wollte sie sich beruflich umorientieren. „Ich fand es ansprechend, dass das duale Studium bei der Stadt recht abwechslungsreich ist.“ Von Vorurteilen gegenüber Beamten will sie nichts hören. „Die Stadt ist als Arbeitgeber attraktiv, weil man dort viele Vorteile hat“, sagt sie. Einer davon ist die Verbeamtung. Die ist für Julia Wogatzke „reizvoll, aber nicht entscheidend“, erklärt sie.

Obwohl am Ende der Ausbildung in der Verwaltung nicht sofort die Verbeamtung steht, ist der Andrang auf die Stellen groß. 65 Interessenten bewarben sich in Gladbeck pro Platz, immerhin noch 27 in Essen und Oberhausen. Verlockend sind offenbar auch die sehr guten Übernahmechancen nach der Ausbildung: Viele Städte stellen sofort unbefristete Verträge aus, einige garantieren schon bei Ausbildungsbeginn eine anschließende Weiterbeschäftigung. „Wenn man keine goldenen Löffel klaut, bekommt man in der Regel einen unbefristeten Vertrag“, sagt Sophie van Bracht, Azubi bei der Stadt Bochum.

Langeweile gehört nicht zur Jobbeschreibung

Argumente, die das Klischee des langweiligen Schalterjobs ausstechen. „Verwaltung ist krisensicher“, haben Chantal Völkers Eltern ihr gesagt. Sie selbst dachte nämlich zunächst gar nicht daran, sich bei der Stadt zu bewerben. Auch aus Angst, der Job könnte eintönig sein. „Anfangs dachte ich das“, gesteht sie. Schnell habe sie aber gemerkt, dass Tristesse absolut nicht zur Jobbeschreibung gehört. Alle paar Monate wechseln Auszubildende bei der Stadt Oberhausen den Arbeitsplatz, von der Ausländerbehörde bis zur Zulassungsstelle.

Chantal Völkers Arbeitsplatz, ein Büro in der ersten Etage des ehemaligen Zinkweißhauses gegenüber des Rathauses, ist aufgeräumt – und unpersönlich. Neben einem pinken Aktenordner verrät nur das Namensschild, dass die Auszubildende dort sitzt. Zeit, sich einzurichten, hat sie nicht. Vorher muss sie schon wieder den Arbeitsbereich wechseln. Doch das stört die junge Frau nicht: „So kann man sich selbst finden und merkt, wo seine Stärken liegen“, wirbt Chantal Völker für ihren Arbeitgeber. Sie habe so eine ganz neue Seite an sich entdeckt: Wenn im Jobcenter oder Bürgerbüro „richtig was los ist“, läuft die 22-Jährige zu Höchstform auf – auch wenn der Ton dort durchaus mal etwas rauer ist.

Bürgerkontakt liegt auch Sophie van Bracht. Die 22-Jährige absolviert ebenfalls eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten. „Mir war es wichtig, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben“, sagt sie. Dass so viele andere das gleiche Ziel hatten, überraschte sie damals – auch, weil dieser Karriereweg in ihrem Umfeld eher belächelt wurde. „Es war extrem zu hören, wie viele sich beworben haben.“ Ein Trend, der sich fortsetzt: 43 Bewerber kämpfen auch in diesem Jahr um jeden der begehrten Plätze in der Bochumer Stadtverwaltung.

Städten drohen Personalengpässe

„Wir freuen uns über das Interesse“, sagt Wilhelm Weibels aus der Personalentwicklung der Stadt Oberhausen. Er kündigt an, dass Oberhausen in diesem Sommer mehr Azubis als im Vorjahr begrüßen wird. Denn die Stadt will wieder mehr ausbilden. Auch, weil ihr wie vielen anderen Kommunen Personalmangel droht. Altersbedingte Abgänge sind Schuld daran. Neben den begehrten Posten in der Verwaltung sind in diesem Jahr Stellen für angehende Erzieher, Vermessungstechniker und Kaufleute für Büromanagement ausgeschrieben. Andere Städte suchen auch Gärtner, Elektriker und Maler. Am beliebtesten sind aber weiterhin ausgerechnet die Stellen in den klischeebehafteten Sparten.

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