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Urlaub zu Hause: Fünf Tipps für Kurz-Trips mit Industriekultur

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67 Tonnen wiegt die „Bramme für das Ruhrgebiet“ von Richard Serra. Sie bildet die Landmarke der Schurenbachhalde im Essener Norden.

67 Tonnen wiegt die „Bramme für das Ruhrgebiet“ von Richard Serra. Sie bildet die Landmarke der Schurenbachhalde im Essener Norden.

Foto: KERSTIN_KOKOSKA / FUNKE Foto Services

Ruhrgebiet.  Die Route der Industriekultur ist gewaltig – und unübersichtlich. Fünf Vorschläge für einen spannenden Ausflug zu Halden, Zechen und Kunstwerken.

Wie ein aus dem All gefallener Monolith steckt die „Bramme“ in der Essener Schurenbachhalde: Ein Block Stahl in einer Mondöde aus Abraum, Graffiti wachsen empor, doch die angerostete Krone überragt ewig kantig den Ansturm urbaner Glyphen. Praktische Gemüter fragen: Ist das Kunst? Wenigstens gibt es Schatten. Doch wer sich umschaut, sieht noch Schlote qualmen in einer arbeitenden Landschaft. Und diese Bramme, das Rohmaterial der Industrialisierung, ist der Fokus aller angehäuften Mühen rundum. Die Kohle wurde zu Stahl. Und Stahl wird nun zu Kultur.

Ein Spaziergang oder eine Radtour über die Schurenbachhalde verschafft ungewöhnliche Aus- wie Einblicke. Und das Ruhrgebiet bietet Dutzende solcher Gelegenheiten: 26 Ankerpunkte wie der Landschaftspark Duisburg-Nord oder Zeche Zollern in Dortmund bilden zusammen mit 17 Aussichtspunkten und 13 Siedlungen die Route der Industriekultur, verbunden durch eine 400 Kilometer lange Ferienstraße und 700 Kilometer Radwege. 31 Routen zu Städten und Bier, Schifffahrt und Unternehmervillen sollen das üppige Angebot gliedern, sind aber ihrerseits überfrachtet mit teils über 40 Punkten.

Als Infozentrum fungiert das Essener Welterbe Zollverein mit dem Ruhrmuseum. Die Broschüre „Entdeckerpass“ ist an allen Ankerpunkten und auf www.route-industriekultur.ruhr zu bekommen. Der Führer „RuhrTour Industriekultur“ (Klartext, 120 S., 13,95 Euro) gibt einen kompakten Überblick. Doch am Ende muss man sich seine Tour selbst basteln. Hier sind fünf Zugänge für einen inspirierenden Tag.

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Vorschlag 1: Zu den Anfängen des Bergbaus

Die Geschichte des Ruhrbergbaus wird im Museum Zeche Nachtigall freigelegt, inklusive Besucherstollen. Doch erst der etwa 9 Kilometer lange „Bergbaurundweg Muttental“ macht die frühen Tage vorstellbar: Stollenmundlöcher, ein Flözaufschluss, frühe Förderanlagen … und die Schlossruine Hardenberg. Es ist auch einfach ein schöner Spaziergang.

Wer danach noch Energie hat, kann an der St.-Antony-Hütte in Oberhausen anschließen. 1758 ging hier der erste Hochofen des Ruhrgebiets in Betrieb. Neben dem überdachte Grabungsfeld erwacht sie mit 3D-Animationen und Schautafeln wieder zum Leben. Nicht weit davon lohnt ein Spaziergang durch die älteste Arbeitersiedlung des Reviers „Eisenheim“ (1846).

Vorschlag 2: Über die höchsten Berge

Einen ungewöhnlichen Zugang zur gewaltigen Halde Hoheward bieten die Segway-Touren, man gleitet über die künstlichen Berge. Noch sind sie nicht wieder erlaubt, doch das könnte sich bald ändern. (Besucher-Info: 02366/1811-60). Wer lieber mit dem Rad losfährt oder 18 Kilometer wandern mag, kann eine Runde durch die Haard anschließen, mit Erzählstationen zur Bergbaugeschichte und Stim- und Farnberg, den höchsten natürlichen Erhöhungen.

Diese Tour ist eine von zwölf im Revier, die auf halden-huegel-hopping.de und der App „Halden-Hügel-Navi“ empfohlen werden. Den besten Überblick über die Haldenlandschaft liefert aber Wolfgang Berke in seinem Führer „Über alle Berge“ (Klartext, 160 S., 13,95 Euro).

Vorschlag 3: Auf „rauen Routen“

Wandern mal anders: durch die Stadt, aber immer wieder mit Frischluft und gelegentlichen Höhenflügen. „12 raue Routen“ schlägt Thomas Machoczek in seinem Führer „Weites Revier“ (Klartext, 144 S., 13,95 Euro) vor. „Himmelstreppe und Götterberg“ führt uns durch das Städtedreieck Essen, Bochum, Gelsenkirchen. An der Zeche Holland geht es los, hinauf auf die Halde Rheinelbe mit ihrer mythischen Himmelstreppe aus Zechentrümmern. Nach Nordwesten hinab zur ehemaligen Schaltzentrale der Zeche und hinüber zum Wissenschaftspark Rheinelbe, dann zum Mechtenberg, der einst den „Mächtigen“, speziell dem Göttervater Wodan gewidmet gewesen sein soll. Und auf südlichen Schleichpfaden zurück.

Vorschlag 4: Der Abenteuerspielplatz der Region

In normalen Zeiten ist der der größte Abenteuerspielplatz der Region. Zurzeit ist zwar noch der Zugang zum Ausguck auf Hochofen 5 geschlossen, ebenso der Tauchgasometer und die durchwucherten Bunker mit ihren Kletterwänden und verwinkelten Wegen. Und doch ist ein Spaziergang über das wilde Gelände mit den gigantischen Maschinen beeindruckend. Grillen ist untersagt, aber packen Sie sich doch ein Brötchen oder Sushi ein.

Und wenn Sie schon mal in der Gegend sind: Laufen oder radeln Sie mal auf dem Damm vorbei am Binnenhafen und zur reinorangenen Skulptur „Rheinorange“ an der Ruhrmündung. Die Kulisse macht’s. Danach ausklingen lassen in einer Kneipe des Innenhafens.

Vorschlag 5: Zechen der Gegensätze

Es gibt so viele Tourenideen: Die Villa Hügel ist seit dem 11. März wieder geöffnet (wie alle Museen mit Zugangsbeschränkungen), die malerische Siedlung Margarethenhöhe, die Schurenbachhalde und natürlich Zeche und Kokerei Zollverein lassen sich gut kombinieren.

Oder Sie schauen mal in Dortmund vorbei: Die Zeche Zoller mit ihren Jugendstilelementen ist so ziemlich das Gegenteil des Bauhausensembles Zollverein. In den Ausstellungen stehen die Lebensverhältnisse der Arbeiter im Mittelpunkt. Das ist auch in der Dasa (Deutsche Arbeitsschutzausstellung) der Fall, nur eben auf der Höhe der Zeit, was auch für die Präsentation gilt. Der Phoenix-See oder das Schiffshebewerk Henrichenburg bieten sich für Spaziergänge an.

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