Cranger Kirmes

Von Pferden und Hechten: Ein Bummel über die Cranger Kirmes

Crange, die 535.: Kirmes-Guide Hans-Jürgen Baranowski (links) hat Zweifel an der Geschichtsschreibung.

Crange, die 535.: Kirmes-Guide Hans-Jürgen Baranowski (links) hat Zweifel an der Geschichtsschreibung.

Foto: André Hirtz / Funke Foto Services

Herne.  „So geht Kirmes“: Ein besonderer Bummel erklärt, wieso die Cranger Kirmes viel älter ist – und noch mehr, was sogar Herner nicht wissen.

Bevor es richtig losgeht, erzählt Hans-Jürgen Baranowski erst mal einen vom Pferd. Was nur konsequent ist für einen Reiseführer über diesen Rummel: Crange wurde ja erst Kirmes, nachdem sie lange Pferdemarkt gewesen war. Da weiß der Crange-Guide alles von. Und noch mehr.

Es fing ja an, berichtet Baranowski den Gästen seiner „Kompaktführung“, da war er selbst erst vier. Das erste Pferd, von dem er erzählt, kaufte damals sein Opa, um dann mit dem Enkel in die Kneipe zu gehen. „Und als wir wieder rauskamen, war das Pferd weg.“ Seitdem ist der heute 68-Jährige jedes Jahr auf Crange gewesen und wahrscheinlich jeden Tag, und so geht es den Leuten, die heute mit ihm gehen, auch.

Der Rummel verbraucht zwölf Millionen Liter Wasser

Einer hat sogar am Cranger Tor gewohnt, das Baranowski gerade in jedem Detail erklärt, einer fährt zu jeder Kirmes im Jahr, aber am liebsten nach Crange, eine war sogar extra beim Friseur. Hier haben sich nicht die Auswärtigen versammelt, wie Hernes Stadtmarketing gerade noch extra betont hat; zu dieser Führung sind die erschienen, die hier alles kennen, aber noch nicht alles wissen.

Dirk Scherzek zum Beispiel wüsste gern, wie viele Kilometer Kabel für Crange verlegt werden, und natürlich hat Hans-Jürgen Baranowski das in seiner schwarzen Mappe stehen, die wichtigsten Zahlen gelb unterlegt. „20 Kilometer“, es werden 15 mobile Trafos aufgebaut und 800.000 Kilowattstunden verbraucht. „Das ist so viel wie der Jahresverbrauch von 250 Familien.“

Und wo wir gerade dabei sind, das Wasser: zwölf Millionen Liter an zehn Kirmestagen! Und der Müll: bis zu 300 Tonnen! Und das, sagt Baranowski, obwohl die Würstchen schon seit einer gefühlten Ewigkeit im Brötchen über die Theken gehen statt auf der Pappschale mit dem Ende zum Abreißen

Ist die Kirmes schon über 2000 Jahre alt?

Aber, um aufs Pferd zurückzukommen: Dieser Guide ist nicht ganz einverstanden mit dem kürzlich neu ausgezählten Datum des ersten Pferdemarkts. Die 535. Kirmes erst? Stundenlang könnte er mit Jahreszahlen jonglieren, er bringt das Jahr 1435 ins Spiel, dann die Sintflut und einen Pferdeschädel-Fund von 4000 vor Christus. Emscherpferde, Wildpferde, „hässliche Pferde“, „mindestens“, sagt Baranowski, „liegt der Beginn schon 2010 Jahre zurück“. Die ersten Zuhörer haben ein wenig den Anschluss verloren, dabei stehen sie noch immer unterm Cranger Tor. Aber immerhin, „535 ist auch schon ‘ne Zahl, alle Achtung“!

Ahnungslos klatscht das Kirmesmaskottchen mit seinem Pferdekopf die Teilnehmer ab, ein Händler trägt Plastikgewehre zu seiner Bude, ein anderer deckt seine Gewürzgurken ab. Dahinter steht das Cranger Kirchlein, auch dazu hat Baranowski eine Geschichte. Und zum Cranger Tor, das schon mehrfach von Schausteller-Lkws geschrottet wurde. Zum Umzug, „sehenswerter als der Düsseldorfer Karnevalszug“, zur Emscher, aus der man auf den Rummel einst Hechte aß. Und zum neuen „Aeronauten“: „Der ist so schnell, kaum haben Sie von oben etwas entdeckt, sind sie schon wieder unten.“ Jede Story beginnt mit einem verheißungsvollen „So!“ – oder mit „Und jetzt geht’s los“.

Preisvergleich beim Bier: „Sie erleben hier die dollsten Sachen!“

Hans-Jürgen Baranowski hat auch praktische Tipps für seine Gäste: dass sie ins Riesenrad sollen, wenn sie was sehen wollen von Herne. Dass sie in der Achterbahn - deren Bauweise, Ingenieure und Jahreszahlen er auch allesamt kennt - Körperspannung halten sollen. Und dass sie Preise vergleichen sollen, weil die halbe Maß mal vier und mal 5,50 Euro kostet, „Sie erleben hier die dollsten Sachen“!

Mehr zur Cranger Kirmes:

Eine und eine halbe Stunde soll die Führung dauern, Baranowski hat es noch nie geschafft. Es gibt aber auch so viel zu erzählen! Dabei fängt er extra an, wenn die Kirmes noch nicht angefangen hat, „dann kann ich erzählen, ohne gegen den Lärm anzuschreien“.

Als es aber rundgeht, redet er nicht mehr, dann verschenkt er Chips für den Autoscooter oder für den „Sailor“, nur ist das natürlich eigentlich eine Überraschung. „Aber wenn ich jetzt noch mehr erzählen wollte“, sagt Hans-Jürgen Baranowski (und will das sichtlich gern), „dann werden wir gar nicht mehr fertig.“

>>INFO: CRANGER ERLEBNISSE SO GUT WIE AUSGEBUCHT

Alljährlich zwei Monate vor dem Kirmesstart sind die „Cranger Erlebnisse“ buchbar: Gruppenführungen, Picknicks, historische Rundgänge oder die „Hammer-Tour“ für die ganz Hartgesottenen in Achterbahn und Karussell. Alle wollen mehr sein als ein „Bummel über den Rummel“.

Für die gerade laufende Cranger Kirmes Nr. 535 sind die meisten Touren bereits ausgebucht. Für kommenden Freitag, 9. August, ist noch eine Extra-Tour „So geht Kirmes“ eingeplant, sie geht los um 12.30 Uhr. Plätze gibt es zudem noch für Picknick und Kaffeeklatsch im Riesenrad am Samstag, 10. August, und das Spirituosen-Seminar am Donnerstag, 8. August, um 17.30 Uhr in der Alten Drogerie Meinken.