Musicals

Warum es kaum noch Musicals im Ruhrgebiet gibt

Das Gebäude des Musical Theater Metronom Theater. Im März 2020 wird der Spielbetrieb dort eingestellt.

Das Gebäude des Musical Theater Metronom Theater. Im März 2020 wird der Spielbetrieb dort eingestellt.

Foto: Gerd Wallhorn / FUNKE Foto Services

Oberhausen/Essen.  Das Metronom-Theater in Oberhausen schließt, das Colosseum in Essen wird verkauft. Warum sich Musicals im Revier kaum noch lohnen

Friedlich liegt das Metronom-Theater am Centro in Oberhausen am Dienstagnachmittag in der Herbstsonne. Doch die Ruhe täuscht. Eine Stunde zuvor haben 88 Mitarbeiter erfahren, dass sie im März ihren Arbeitsplatz verlieren. Von da an wird es in dem Theater keine Musicals mehr zu sehen geben. Jedenfalls keine, die die Firma „Stage Entertainment“ produziert. Gleichzeitig trennt sich das Unternehmen vom Colosseum in Essen. Bis Sommer 2020 soll es verkauft werden.

Nonnen haben gesungen, Phantome gemeuchelt und Fledermäuse sind aus der Hölle gekommen – hier in diesem Theater am Einkaufszentrum in Oberhausen. Um nur mal ein paar Beispiele zu nennen, mit denen die Stage Entertainment die Menschen im Ruhrgebiet in den vergangenen gut 15 Jahren unterhalten wollte. „Wir haben wirklich alles versucht“, sagt Uschi Neuss, Geschäftsführerin des Unternehmens. Es hat nur leider fast alles nichts gebracht. Wohl auch wegen der großen Konkurrenz vor Ort. „Wir konkurrieren im Ruhrgebiet mit einer der dichtesten Kultur- und Theaterlandschaften Deutschlands“, gibt Neuss zu bedenken. Lediglich mit dem ersten Gastspiel von „Tanz der Vampire“ und im ersten Jahr, in dem sich Tarzan durch den Saal geschwungen hat, sei Geld verdient worden mit dem Theater, sagt Neuss und findet, man habe schon einen „langen Atem“ bewiesen.

Tickets billiger als an anderen Spielstätten

Der ist nun am Ende. Am 22. März fällt der letzte Vorhang, dann ist Feierabend, das Ensemble wandert weiter nach Stuttgart, wo die Show danach laufen soll. Zurück bleiben 88 fest angestellte Mitarbeiter des Theaters, die ihren Job verlieren. Einen Sozialplan soll es geben und einigen Leuten werde man ein Angebot machen, an anderen Stage-Standorten wie Hamburg zu arbeiten. Zehn, vielleicht 20 freie Stellen, gebe es derzeit dort. Aber Hamburg ist weit und Neuss weiß, dass „die Menschen im Ruhrgebiet an ihrer Region hängen“. „Bei vielen herrscht ein großer Frust“, beschreibt sie dann auch die Stimmung nach Bekanntgabe der Schließung.

Zumal es ja nicht an ihnen lag, dass die Zahlen nicht stimmten. Zu wenig Leute seien gekommen, heißt es bei Stage. Und die, die kamen, die kamen meisten nicht „zu den Preisen, die wir brauchen“, erklärt Neuss. 20 bis 40 Euro billiger müsse man die Tickets im Ruhrgebiet schon verkaufen, um überhaupt ausreichend Publikum zu locken. In Hamburg dagegen, wo das Unternehmen mit dem „König der Löwen“, Tina und Pretty Woman sowie Paramour derzeit vier Shows zeigt, „boomt“ das Geschäft. Und auch in Stuttgart mache man ordentlich Gewinn. Da fragt niemand nach Sonderpreisen.

Menschen aus dem Revier gehen lieber in Hamburg aus

Sind die Menschen zwischen Rhein und Weser also einfach keine Fans von Singspielen? Neuss schüttelt den Kopf. Ganz im Gegenteil. „40 Prozent der Musicalbesucher in Hamburg kommen aus dem Ruhrgebiet“, hat Stage herausgefunden. Umgekehrt funktioniert das übrigens nicht. „Wir haben es nicht geschafft, den Tourismus im Revier mit unseren Musicals anzuschieben“, gibt Stage-Sprecher Stefan Jaekel zu.

Deshalb wurde im Essener Colosseum – einst auch Ruhrgebiets-Spielstätte für Stage-Musicals – schon vor Jahren der ununterbrochene Betrieb eingestellt. Seit 2010 wurde das Gebäude mit seinen sieben Mitarbeitern für Events und fremde Tourneeproduktionen genutzt. Auch das soll nun bald vorbei sein.

Man habe zwar keinen Käufer gesucht, nun aber vor kurzem zwei Kaufangebote für das historische Ensemble bekommen, das einst als „8. Mechanische Werkstatt“ der Friedrich Krupp AG errichtet wurde. „Und einer der beiden Interessenten wird es am Ende auch kriegen“, ist Neuss überzeugt. Dabei gehe es weniger um das höchste Gebot, sondern um das beste Nutzungskonzept. Wie das aussehen könnte, will die Geschäftsführerin nicht verraten. Live-Unterhaltung aber, lässt sich durchblicken werde es ab Sommer 2020 dort nicht mehr geben.

Was aus dem Metronom-Theater nun wird, Neuss weiß es nicht. „Die Entscheidung zu schließen ist ja noch ganz frisch“, sagt sie. Deshalb könne es ja noch keine Angebote geben. Und wenn ein Käufer kommt? Dann verkaufe man, falls der Preis stimme. „Und dann“, sagt sie, „wünschen wir dem Verkäufer viel Glück.“ Selbst wenn er dort Musicals zeigen will.

Gerade dann.

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