Brexit

Was Deutsche in Großbritannien über den Brexit denken

Die Deutsche Judith Schwittek wohnt und arbeitet in London als Lehrerin. Sie ist eine von drei Millionen EU-Bürgern in der UK, die vom Brexit betroffen sein wird. 

Die Deutsche Judith Schwittek wohnt und arbeitet in London als Lehrerin. Sie ist eine von drei Millionen EU-Bürgern in der UK, die vom Brexit betroffen sein wird. 

Foto: Judith Schwittek

Essen.   Brexit – und dann? Drei Deutsche in Großbritannien erzählen, wie sie mit dem Austritt der Wahlheimat aus der EU umgehen - und was sie tun wollen.

Wie genau der Austritt von Großbritannien aus der EU am 29. März vonstatten gehen wird, das kann selbst wenige Wochen vor dem eigentlichen Austrittsdatum - welches nun wohl nach hinten verschoben wird - niemand sagen. Nicht wenige glauben, dass Großbritannien sich ohne einen geregelten Fahrplan aus der Union verabschiedet, nachdem Theresa Mays Austrittsabkommen zum wiederholten Mal vom Parlament abgelehnt wurde.

Was macht diese Ungewissheit mit den etwa drei Millionen EU-Bürgern, die in England, Wales, Schottland und Irland leben? Und wie gehen sie damit um? Wir haben mit drei Deutschen gesprochen, die es aus verschiedenen Gründen auf die Insel gezogen hat. Der gemeinsame Nenner der drei: Niemand weiß genau, wie es weitergehen wird. Die Sorge darüber fällt jedoch unterschiedlich groß aus.

Judith Schwittek

Die gebürtige Bochumerin Judith Schwittek ist im August 2015 nach England gekommen. Ein Internat in der Studentenstadt Brighton im Südosten des Landes hat der damaligen Lehramtsstudentin das Angebot gemacht, ein Schuljahr lang als Deutschlehrerin zu arbeiten. Die Zeit in der Küstenstadt hat der 35-Jährigen so gut gefallen, dass sie im Sommer 2016 beschloss, ihr Lehramtsstudium an der Universität in Brighton zu beenden und weiterhin in England bleiben und arbeiten zu wollen – trotz der im Sommer 2016 zur gleichen Zeit gefällten Entscheidung der Briten, die EU verlassen zu wollen.

„Damals habe ich mir noch nicht wirklich darüber Gedanken gemacht, was der Brexit für mich bedeuten könnte“, sagt Schwittek, die seit vergangenem August in Leyton, einem Stadtteil im Nordosten Londons, lebt und an einer Schule Geographie unterrichtet. Fast drei Jahre später fühlt sich Judith Schwittek wenige Wochen vor dem Stichtag am 29. März 2019 „immer noch recht entspannt“, wie sie sagt.

Über allem steht die Ungewissheit

„Ich habe mich der britischen Mentalität angepasst – erst einmal abwarten und schauen, was passiert.“ Was genau passieren wird, wisse sowieso niemand so recht. Das Innenministerium verschicke zwar E-Mails mit Anleitungen für EU-Bürger, was es zu beachten gilt. Auch die Deutsche Auslandsvertretung im Vereinigten Königreich versucht mit „Informationen für deutsche Staatsbürger nach dem Referendum“ bestmöglich zu informieren.

Die wohl wichtigste Frage kann allerdings nach wie vor nicht konkret beantwortet werden: Welches Aufenthaltsrecht haben EU-Bürger nach dem Brexit? „Derzeit sind noch zahlreiche Detailfragen ungeklärt und werden weiter verhandelt“, heißt es auf der Homepage des Ministeriums. „Es ist diese Ungewissheit, die viele meiner europäischen Freunde in England als auch viele Briten selber mittlerweile nur noch nervt“, sagt Schwittek.

London als Gegenentwurf zum Brexit

Fast drei Jahre nach dem Referendum immer noch keinen konkreten Plan darüber zu haben, wie der Brexit denn nun ablaufen wird, würden viele als „beschämend“ empfinden und der Regierung „Unfähigkeit“ vorwerfen. Die unterschiedlichen Positionen zum Brexit macht die Bochumerin auch daran fest, wo man sich in England befindet: „Ich glaube, dass es eine Zerrissenheit gibt zwischen London, dem Südosten und dem Rest des Landes, wo mehr Menschen schon länger ohne Arbeit sind und nicht so unmittelbar von der Internationalisierung der Gesellschaft profitieren.“

Diese Zerrissenheit spiegele sich auch „ein großes Stück“ im Brexit wieder. Sie selber habe den Konflikt als Deutsche in England jedoch nie erlebt. „Weder auf der Arbeit, noch im Pub, im Fußballstadion oder an anderer Stelle“, sagt Schwittek, die sich einen weiteren Aufenthalt in England durchaus vorstellen kann. Es sei gerade die sichtbare Internationalität, die ihr an ihrer Wahlheimat so gut gefallen und die sie vermissen würde.

Zukunft in England - oder eben woanders

„Ich gehe hier einkaufen und jede dritte Verkäuferin trägt ein Kopftuch – und niemanden interessiert es.“ Zudem gefalle ihr die britische Art sehr gut. Diese äußere sich in einem „sehr offenen, entspannten und vor allem höflichen Umgang“, die das Zusammenleben in der Millionen-Metropole London um einiges einfacher mache. Über Ostern möchte Judith Schwittek nach Deutschland reisen und ihre Familie besuchen.

Bei ihrer Rückkehr nach England im April wird sich zeigen, nach welchen Kriterien die Bochumerin auch weiterhin in England wohnen bleiben kann – oder eben auch nicht. „Gerade bin ich noch etwas unentschlossen. Durch meinen Beruf bin ich in dem Punkt recht flexibel“, sagt Schwittek, die trotz der Komplikationen der Regierung, sich auf ein Austrittsabkommen zu einigen, optimistisch in die Zukunft blickt: „Bisher waren die Briten immer sehr pragmatisch; deswegen gehe ich davon aus, dass sie auch dieses Mal eine Lösung finden werden.“

Peter Steins

Wie Judith Schwittek ist auch Peter Steins über Umwege nach England gekommen. Nach einem Auslandssemester im nordenglischen Sheffield, wo er Geographie und Tourismus studiert hat, blieb Steins mit seinen britischen Freunden in Kontakt. Die boten ihm nach Studienende 2004 ein WG-Zimmer in London an. „Ich kam mit einer kleinen Tasche und ohne große Pläne, wollte einfach mal schauen, wie es so wird“, sagt Steins.

Der 42-Jährige fand schnell einen Job bei einem Reiseveranstalter, ist in London geblieben, wo er heute mit seiner Familie lebt. Der Brexit mache Peter noch heute „fassungslos“. Dass es im Sommer 2016 überhaupt zur Abstimmung gekommen ist, hatte ihn damals schon „geschockt“, allerdings ging er, wie auch viele seiner Freunde und Bekannten, davon aus, dass entweder ein vernünftiger Austrittsvertrag ausgehandelt oder gleich ein zweites Referendum angestrebt werde.

Brexit gefährdet berufliche Zukunft

„Im letzten Jahr hat sich dann allerdings herauskristallisiert, dass diejenigen, die raus wollen, überhaupt keinen Plan haben und völlig unfähig sind, so einen Deal zu verhandeln“, beklagt Steins. In seinem Freundeskreis macht sich Unsicherheit breit, die Stimmung ist bedrückt. Peter Steins macht sich Sorgen. Weniger um seinen Aufenthaltsstatus, von dem er überzeugt ist, dass dieser nicht gefährdet sein wird.

Viel mehr beunruhigt ihn die ungewisse Zukunft seiner Reiseveranstaltungsfirma, die er erst im vergangenen Jahr gegründet hat. „50 Prozent meiner Kunden kommen aus Deutschland und die andere Hälfte aus Großbritannien – im Grunde brauche ich beide Märkte, um weiterhin Erfolg zu haben“, sagt Steins und fügt an, dass dafür Großbritannien und die EU wieder eine Zollunion bilden müssten – was allerdings entgegen der Vorstellung eines möglichen harten Brexits (ohne Austrittsabkommen) steht.

Verbleib sicher - solange es London ist

„Es ist diese Ungewissheit, die mich sehr belastet“, sagt Steins. „Ich kann ja nicht mal Reisenden Auskunft darüber geben, ob sie ab April mit einem Personalausweis einreisen dürfen oder nicht.“ Nicht in der Lage zu sein, seinen Kunden verbindliche Informationen geben zu können, habe Peter Steins schon in den vergangenen Monaten einige Kunden gekostet. Inwieweit er sein Unternehmen auch nach dem 29. März weiterführen kann, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht genau sagen.

Eine Sicherheit würde es aber dennoch geben: Auch in Zukunft sieht sich Peter Steins in England, genauer gesagt, in London. „Diese unglaubliche Vielfalt auf kleinem Raum, diese Abwechslung“, schwärmt Steins. „Du kannst durch die ganze Welt reisen, wenn du in London bist, dafür brauchst du nur in den Bus steigen.“

Elisabeth Schneider

Von der Metropole in die „Countryside“, die Provinz. Im Bezirk Surrey, in der Nähe der Stadt Guildford, wohnt Elisabeth Schneider. Die Bonnerin ist bereits vor 45 Jahren ins Vereinigte Königreich gezogen. Ihr deutscher Mann hatte damals schon in England gearbeitet, während sie noch in Bonn Englisch und Philosophie studierte. Trotz des fast halben Jahrhunderts Aufenthalt, fürchtet die heute 67-Jährige nun persönliche Veränderungen durch den Brexit, weshalb auch ihr Name auf Wunsch geändert wurde.

„Presse-Artikel aus Deutschland werden oft von der britischen Presse übernommen“, sagt Schneider. „Ich habe keine Lust, meinen Antrag auf Staatsbürgerschaft aufs Spiel zu setzen.“ Wie unterschiedlich die Ängste vor den möglichen Konsequenzen des Brexits sein können, hängt auch davon ab, inwieweit sich jeder Einzelne darüber informiert, sich austauscht und welche Nachrichtenquellen herangezogen werden.

Ein Kreuzchen setzen reicht nicht aus

„Mir wurde persönlich gar nichts gesagt, ich habe keine Post bekommen, nicht vom Innenministerium oder von sonst irgendwem“, sagt Schneider. Dafür würde sie sich unter anderem in „einschlägigen Facebook-Gruppen, wo auch Immigration-Lawyers (Fachanwälte für Einwanderung) integriert sind“, informieren. „Es heißt, dass sich jeder registrieren lassen muss. Dafür muss man beweisen, dass man die ganze Zeit im Land war“, erklärt Schneider.

„Die Tatsache, dass ich seit 40 Jahren im gleichen Haus wohne, was mir gehört, und das gleiche Bankkonto habe, ist laut Homepage des Innenministeriums anscheinend kein Beweis.“ Gemeinsam mit ihrem Mann musste sie nun jegliche Auslandsreisen der letzten fünf Jahre dokumentieren. Um auf Nummer sicher zu gehen hat die Wahl-Engländerin sich nun einen Anwalt genommen, der die Antragstellung betreut.

Brexit – beliebte Plattform der Regenbogenpresse

„Kein Mensch soll mir erzählen, dass es für Menschen, die schon länger hier sind, einfach ist, in England zu bleiben“, sagt Schneider. Die deutschen und britischen Medien würden laut Schneider propagieren, dass „ein Kreuzchen auf einem Formular“ ausreichen würde. „Dem ist aber nicht so“, zeigt sich die Bonnerin verärgert. Neben den formalen Hürden und der Ungewissheit ärgere sie vor allem die Spaltung der Gesellschaft, die schon vor dem Referendum in der Luft lag, aber erst in den vergangenen Jahren sicht- und spürbar zum Vorschein kam.

„Das Referendum gab den jeweiligen Gruppierungen dann eine inhaltliche Plattform, ihre politische Meinung zum Ausdruck zu bringen“, sagt Schneider. Die Engländer, die schon immer was gegen Ausländer gehabt hätten, es aber nie öffentlich ausgedrückt haben, seien nun „aus dem Schrank gekommen“. Die Verantwortung dafür sieht Elisabeth Schneider auch in der teilweise „hetzerischen Berichterstattung“ der Regenbogenpresse, allen voran Zeitungen wie die „Daily Mail“ oder die „Sun“.

Land-Stadt-Gefälle spiegelt sich im Brexit wieder

„Mir ist im letzten Jahr auch schon einmal gesagt worden, als ich mich in einem Geschäft beschwert habe, ich solle doch hingehen, wo ich herkomme“, sagt Schneider. „Das hat mich schon so geprägt, dass ich mich jetzt anders verhalte.“ Vorfälle wie diesen mache sie auch am Stadt-Land-Gefälle aus. Während im multikulturellen London ein ausländischer Akzent nicht weiter beachtet werde, sei er in den ländlicheren Gebieten für so Manchen ein rotes Tuch.

„Ich habe französische Freundinnen, die sich in der Öffentlichkeit untereinander trotzdem auf Englisch unterhalten.“ Elisabeth Schneider vermisst die „sehr offene Stimmung“, die vor dem Brexit geherrscht habe. „Engländer waren immer sehr interessiert, aufgeschlossen, mit einer großen Willkommenskultur und wenig Bürokratie – das habe ich seit meiner Ankunft hier in den 1970er Jahren sehr wertgeschätzt.“

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