Terror-Sperren

Weihnachtsmärkte: Mit „Zuckerstangen“ gegen Terror

Kommen nicht wieder: Bochums Sandsäcke, 2017 in Geschenkpapier verpackt, entsprechen nicht mehr den Richtlinien.

Kommen nicht wieder: Bochums Sandsäcke, 2017 in Geschenkpapier verpackt, entsprechen nicht mehr den Richtlinien.

Foto: Oliver Berg/dpa

Ruhrgebiet.   Um ihre Weihnachtsmärkte bauen die Städte im Ruhrgebiet wieder Poller, Betonblöcke und Wassertanks. So wollen sie Besucher vor Terror schützen.

Als Weihnachtsdeko sind sie allesamt unbrauchbar: die vergitterten Wassertanks, die gestreiften Poller, die grauen Betonblocks. „Nicht besonders hübsch“, sagt ein Stadtsprecher aus dem Revier, und das ist noch ein Kompliment. Aber auf den deutschen Weihnachtsmärkten sind Terror-Sperren ein notwendiges Übel geworden. Nach den Anschlägen von Nizza, Berlin und Barcelona sollen sie Sicherheit geben – oder wenigstens vermitteln.

Zwei Jahre, nachdem Anis Amri mit seinem Lkw am Berliner Breitscheidplatz zwölf Menschen tötete, ist etwas typisch Deutsches passiert: Für die Sperren, die Laster davon abhalten sollen, in Menschenmengen zu rasen, haben die Sicherheitsbehörden Richtlinien erlassen, „Mobile Fahrzeugsperren“ haben jetzt zertifiziert zu sein.

Bochums Geschenke haben ausgedient

Was für Duisburg bedeutet, dass 100 Wassertanks, die die Innenstadt seit 2017 schützen sollten, abgeräumt werden mussten. Was für Bochum heißt, dass seine Sandsäcke vom vorigen Jahr ausgedient haben. Dabei waren die berühmt geworden, weil die Stadt sie hübsch verpackte in Geschenkpapier.

Vorbei. Bochum stellt nun an den Zuwegen zum Weihnachtsmarkt 80 mit Wasser gefüllte Container auf, jeder so schwer, dass er einen Lkw aufhalten kann. Zusätzlich werden drei mobile Barrieren angeschafft, die aber zwölf Stunden täglich bedient werden müssen.

Das kostet – insgesamt 100 000 Euro für die Sicherheit, doppelt so viel wie vor zwei Jahren. Erstmals müssen die Händler sich beteiligen, was Mario Schiefelbein von der städtischen Marketing GmbH ärgert: „Es kann nicht sein, dass sämtliche Mehrkosten dem Veranstalter aufgebürdet werden.“

Meist bezahlen die Kommunendie Terror-Sperren

Tatsächlich sah das ein Gutachter bereits vor Jahresfrist anders. Die Expertise, beauftragt vom Schausteller-Verband, kam zu dem Schluss, dass „die Gefahrenabwehr dem Staat obliegt“ und er sie nicht etwa an Gewerbetreibende delegieren kann. Schausteller seien nur für Gefahren zuständig, die sie selbst verantworten, nicht für den Schutz ihrer Gäste.

Anderswo im Ruhrgebiet zahlt denn auch die Stadt. Duisburg hat 2,5 Millionen Euro veranschlagt, um teils versenkbare Poller aus Stahl zu bauen. Weil sich das aus Statik-Gründen verzögert – und billiger wird –, wurde nun ein Sicherheitssystem angeschafft, „das Fahrzeuge zuverlässig an einem Durchbrechen der Sperren hindert“.

Essen setzt auf Betonklötze

Jeweils drei rot-weiß gestreifte Poller stehen dafür auf einem Sockel, „Zuckerstangen“ sagen die Duisburger, Leuchtturm würde auch passen. Die Stadt brauchte die rund 60 Trios angeblich sowieso: für Veranstaltungen außerhalb der Innenstadt oder für die Absicherung von Deichen bei Hochwasser.

Essen, das sich selbst „nicht zupollern“ will, setzt erneut auf mehrere Dutzend Betonklötze, jeder 2,5 Tonnen schwer. Im vergangenen Jahr wurden 72 dieser sogenannten „Legosteine“ rund um den Weihnachtsmarkt aufgebaut, Kosten: 120 000 Euro. Dortmund nutzt ebenfalls Betonquader, hübscht sie mit gelber Farbe und Tannenbäumen auf. Zudem dürfen Lkw über 3,5 Tonnen ab mittags nicht mehr in den Stadtkern.

Für Düsseldorf sind Poller nur „kurzfristige Lösung“

Allerdings haben Tests schon 2017 gezeigt: Im Ernstfall hält ein „Legostein“ einen fahrenden Laster nicht auf. Schlimmer noch, je nach Aufprallwinkel, ermittelte die Dekra, könnten die Betonklötze selbst zum Geschoss werden. Dortmund legt deshalb eine Art Anti-Rutschmatte unter seine Terror-Sperren. Auch Düsseldorf hält, seit ein Lkw im Frühjahr einen Poller verschob, die Idee nur für eine „kurzfristige Lösung“.

Essen arbeitet bereits an langfristigen Ideen. Künftig sollen „Stadtmöbel“ Attentäter stoppen: Bänke, Litfaßsäulen, Haltestellen, Werbetafeln, Bäume. Die Sicherheit soll so möglichst unsichtbar werden. Denn das wissen die Städte inzwischen: Sicherheit ist nie absolut, sie ist eher ein Gefühl.

Das durch Terror-Sperren nicht befördert wird. In Essen redet man durchaus darüber, dass die ungewohnt mageren Besucherzahlen des Weihnachtsmarkts 2017 vielleicht doch nicht nur am Wetter lagen.

<<INFO: ERSTE MÄRKTE ÖFFNEN HEUTE

Am morgigen Donnerstag, 15. November, beginnen die Weihnachtsmärkte in Duisburg und Herne. Am Freitag, 16., starten Essen und Centro Oberhausen.

Dortmund, Recklinghausen und Bochum folgen am Donnerstag, 22. November.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben