Morddrohungen

Abgeordneter wird bedroht: "Kapitulation ist keine Option"

Helge Lindh, SPD-Bundestagsabgeordneter aus Wuppertal, wird massiv bedroht. Er sagt: "Extremismus und ungebremster Hass dürfen in unserem Rechtsstaat keinen Platz haben."

Helge Lindh, SPD-Bundestagsabgeordneter aus Wuppertal, wird massiv bedroht. Er sagt: "Extremismus und ungebremster Hass dürfen in unserem Rechtsstaat keinen Platz haben."

Foto: Jan-Philipp Burmann / Getty Images

Wuppertal  Der Wuppertaler SPD-Bundestagsabgeordnete Helge Lindh erhält Morddrohungen. Beugen will er sich ihnen nicht.

Die ersten Schreiben erreichten ihn im Jahr 2018. Per Mail. Per Post. Auf Plattformen im Internet. Beleidigungen, Beschimpfungen, Steckbriefe mit Kopfgeldprämien, Urinbeutel in Paketen. Dann wurde es immer schlimmer, immer drastischer, immer mehr. Helge Lindh (44), SPD-Bundestagsabgeordneter aus Wuppertal, erhält Morddrohungen. Zuletzt wieder an Weihnachten.

Wie erleben Sie die Drohungen?

 

Helge Lindh: Sie werden härter und konkreter. Zum Beispiel enthalten sie Verweise auf den ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke – „Sie sind Lübcke 2.0!“ - oder Bezüge auf eine spezielle Waffe, mit der ich umgebracht werden soll. Die Schreiber schildern sehr blutrünstig, wie sie mich abschlachten wollen. Es gibt Anspielungen auf den Nationalsozialismus und Heil-Hitler-Grüße. Genannt werden meine Wohn- und Büroadresse in Wuppertal. Bedroht werden aber auch Muslime oder Migranten oder rassistisch Angefeindete, die sich mit mir solidarisch erklären oder mit mir Veranstaltungen machen.

Handelt es sich immer um dieselben Absender?

Das weiß ich nicht. Ich vermute aber eine konzentrierte Aktion. Es scheint mir fast so, dass sich die Täter einer Art Wettbewerb anschließen. Unterschiedliche Schreiben verweisen auf einen regelrechten Tötungswettkampf.

Warum trifft es ausgerechnet Sie?

Ich beziehe laut und deutlich Stellung, und das nicht nur im Bundestag. Insbesondere gegenüber der AfD pflege ich eine klare, unmissverständliche, manchmal auch provokative Sprache. Für die bin ich eine Hassfigur, das spiegelt sich auch in den sozialen Medien. Ich entziehe mich nicht der Konfrontation, streite auch schon mal heftig. Zudem beschäftige ich mich häufig mit Themen der Asyl- und Migrationspolitik und des Rassismus. Schon allein das ruft im rechtspopulistischen Raum scharfen Widerspruch hervor. Ich solidarisiere mich öffentlich mit Opfern, besuche Moscheen und Synagogen. Mein Einsatz für mehr Toleranz, eine humanitär-pragmatische Asylpolitik und gegen antimuslimischen Rassismus wirkt wohl auf einige Menschen wie ein rotes Tuch.

Solche Drohungen steckt man nicht einfach weg. Haben Sie Angst?

Sagen wir so: Ich versuche, die Angst zu beherrschen, damit die Angst nicht mich beherrscht. Selbstverständlich machen mir solche Gewaltphantasien zu schaffen. Wer will denn ausschließen, dass die Täter oder Trittbrettfahrer mir eines Tages leibhaftig gegenüberstehen. Auch die Sicherheit meines Teams und meiner Eltern lässt mich nicht kalt. Aber ich professionalisiere den Umgang mit den Drohungen, sonst würde ich ja irre. Ansonsten könnte ich nicht mehr freier Abgeordneter sein.

Sind Sie schon mal Opfer von körperlicher Gewalt geworden?

Zum Glück nicht. Im April 2020 gab es einen erheblichen Anschlag mit Pflastersteinen und Farbbomben auf mein Büro in Wuppertal. Laut Bekennerschreiben von links. Das war nachts, ich glaube, die wollten niemanden verletzen, aber das Büro massiv beschädigen.

Schon mal daran gedacht, klein beizugeben?

In der Tat gab es einen Moment, da habe ich mich etwas zurückgenommen und überlegt, bestimmte Dinge nicht mehr so offen auszusprechen. Damals habe ich sogar die Teilnahme an einer Fernsehsendung abgesagt. Mittlerweile bereue ich das. Kapitulation ist keine Option.

Warum?

Weil es falsch ist, sich diesen Menschen zu beugen. Ich gönne ihnen den Erfolg ihrer Einschüchterungsversuche nicht. Rassismus, Extremismus und ungebremster Hass dürfen in unserem Rechtsstaat keinen Platz haben. Deshalb gehe ich offensiv mit den Angriffen um. Ich ziehe mich nicht zurück. Im Gegenteil: Ich halte offen dagegen. Es besteht sonst auch die Gefahr, dass sich diese Stimmungsmache bis in die Mitte der Gesellschaft ausbreitet.

Streit gehört zur Demokratie.

Auf jeden Fall. Wir brauchen eine vernünftige Debattenkultur, wir brauchen Räume des harten Streits, auch über Migration. Auch über Corona. Aber alles muss sich im demokratischen Rahmen auf dem Boden des Grundgesetzes bewegen.

Was unternehmen Sie gegen die Drohungen?

Ich arbeite eng mit dem Staatsschutz zusammen. Aber mein Büro soll nicht zu einem Hochsicherheitstrakt werden: Es bleibt für die Bürger zugänglich. Ich möchte auf einer Ebene mit der Bevölkerung im Gespräch bleiben können. Meine Handynummer steht im Internet und auf Plakaten, und das soll so bleiben. Mit den Drohungen gehe ich in der Öffentlichkeit sehr offen um; die Polizei trägt das mit.

Bisher ist noch kein Täter ermittelt worden. Ist der Staat in diesem Bereich ohnmächtig?

Ich denke schon. Wir müssen das Bundeskriminalamt, die Landeskriminalämter und die örtlichen Polizeibehörden besser ausstatten, und zwar sowohl personell als auch materiell und beim Know-how. Bisher hecheln die Sicherheitskräfte hinterher. In dieser Hinsicht bin ich ein vehementer Verfechter des starken Staates. Wir brauchen "Waffengleichheit".

Fühlen Sie sich allein gelassen?

Nein. Ich erfahre sehr viel Unterstützung von Kollegen, auch aus anderen Fraktionen. Sehr viele ganz normale Bürger erklären sich ebenfalls solidarisch, auch viele betroffene Deutschtürken und Muslime. Ganz konkret hilft mir die Organisation Hateaid. Das ist eine Beratungsstelle für Opfer digitaler Gewalt. Dort schauen sich die Mitarbeiter zum Beispiel an, was über mich in sozialen Medien gepostet wird und helfen mir, die Dinge zur Anzeige zu bringen. Das alles hilft mir dabei, meinen Weg gegen Hass und Extremismus weiter zu gehen.

Hintergrund:

Bundestagsabgeordneter seit 2017

Helge Lindh wurde 1976 in Wuppertal geboren. Er studierte zunächst Angewandte Kulturwissenschaften an der Uni Lüneburg, dann Soziologie, Germanistik und Geschichte in Bielefeld und später in Düsseldorf Neuere Deutschen Philologie, Germanistik sowie Geschichte. Im Jahr 2017 wurde er für die SPD in den Bundestag gewählt.

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