Studienberatung

Abi - und dann? Studienberatungen so gefragt wie noch nie

Nach dem Abitur stehen viele Schüler vor der Frage, wie es weitergehen soll.

Nach dem Abitur stehen viele Schüler vor der Frage, wie es weitergehen soll.

Foto: dpa Picture-Alliance / Felix Kästle / picture alliance / dpa

Hagen.  Abi geschafft - und dann? Nach dem Abschluss folgen viele offene Fragen. Verschiedene Studien- und Ausbildungsberatungen sollen Klarheit schaffen

Die Abiturprüfungen bestanden, die Abschlussfeier gefeiert, den obligatorischen Belohnungsurlaub auf Mallorca hinter sich gebracht – doch was kommt dann? Na klar, ein Studium, eine Ausbildung – oder beides in einem in Form eines dualen Studiums. Doch so einfach ist es oftmals nicht. Denn neben dem Gefühl der Erleichterung, die Schulzeit erfolgreich geschafft zu haben, dominiert bei vielen Abiturienten eine andere Emotion: Angst.

„Ich habe Angst, dass ich meinen Platz in dieser Welt irgendwie nicht finde“, sagt beispielsweise Marcel Marcon, Abiturient aus Bestwig. Die Verunsicherung, den nächsten Schritt zu machen, wächst dabei ebenso, wie der Bedarf nach professioneller Hilfestellung. Ein Blick zeigt: In Nordrhein-Westfalen hat man die steigende Nachfrage erkannt – und reagiert.

Explosion an Studiengängen

Die Gründe, warum sich viele Schüler nach dem Schulabschluss schwer tun, einen Plan für die Zukunft zu entwerfen, sind vielseitig. „Die Zahl der Studiengänge hat sich vervielfacht, mittlerweile sind es fast 20.000. Die Schüler sind bei der Vielzahl der Studiengänge oft überfordert, selbstständig das für sie passende Studium zu finden“, sagt Ute Klinner-Krebs, Studienberaterin an der Universität Siegen.

Der Druck auf die Schüler habe sich zudem erhöht – auch bedingt durch die G8-Regelung, in nur zwölf Schuljahren das Abitur zu machen – früher eine Entscheidung für den Berufsweg zu treffen. „Zusätzlich fällt der Wehr- und Zivildienst weg, die Leute stehen teilweise zwei Jahre früher vor dieser Entscheidung als noch vor ein paar Jahren“, sagt Matthias Vitte, stellvertretender Leiter der Studienberatung der Fachhochschule Südwestfalen.

„Ich hatte Angst, den für mich falschen Beruf auszuwählen und nachher ein Leben lang unzufrieden im Job zu sein. Das war für mich immer die Horrorvorstellung“, sagt Katharina Köster, Pädagogikstudentin im 2. Semester an der Universität Siegen. Ihrer Meinung nach sei es nicht schlecht, eine große Auswahl an (Studien)-Möglichkeiten zu haben. „Aber wenn man orientierungslos und ohne die nötigen Informationen vor dieser riesigen Auswahl steht, verliert man sich darin sehr schnell“, so die 20-Jährige, die sich an ihrer Schule mehr Informationen gewünscht hätte. Nach einem Beratungsgespräch bei der Agentur für Arbeit hat sich Köster für das Pädagogikstudium entschieden, womit sie „sehr zufrieden“ ist.

Abiturient Marcel Marcon ergeht es ähnlich. Er ist von den „schier unendlichen“ Berufsmöglichkeiten „überwältigt“ – und verunsichert. „Mich interessieren viele Bereiche“, sagt er, „aber bisher habe ich kein einziges Mal gedacht: Krass, das wäre mein absoluter Traumjob, ich könnte mir nichts Besseres vorstellen.“

Anders verhält es sich bei Lucas Wermeier aus Hagen. Der 19-Jährige Abiturient weiß schon genau, was er machen möchte: ein Studium der Philosophie. Nicht eine Beratung hat ihn dazu gebracht, sondern sein Lehrer: „Er hat mein Denken zu vielen Themen geprägt und mir gezeigt, wie gesellschaftlich und politisch relevant Philosophie doch ist.“ Was er genau mit dem Studium vor hat, weiß Lucas noch nicht.

Breit aufgestelltes Angebot an Beratungsformaten

Studienberatungen und Arbeitsagenturen versuchen, den jungen Menschen, die noch auf der Suche nach ihrem (beruflichen) Glück sind, Orientierung zu geben. „Häufigstes Beratungsanliegen ist die Studienberatung“, sagt Mustafa Erkoc von der Agentur für Arbeit in Siegen. Etwa 80 Prozent der Beratung hätten das Studium zum Inhalt und 20 Prozent eine Ausbildungsberatung. „Der Anstieg der Beratung hat sicher auch was damit zu tun, dass immer mehr Schüler eine Hochschulzugangsberechtigung erwerben möchten“, so Erkoc.

In der Tat ist die Zahl der Studienanfänger an den Hochschulen in NRW in einem Zeitraum von zehn Jahren extrem gestiegen. Während 2007 „nur“ 77.176 Neueinschreibungen gezählt wurden, waren es 2017 ganze 121.021 – ein Anstieg um knapp 64 Prozent.

Potenzialanalyse ab der achten Klasse

Eine Maßnahme, der gestiegenen Nachfrage nach Orientierung schon vor dem Schulabschluss gerecht zu werden, ist das vom Land NRW initiierte KAoA-Projekt (Kein Abschluss ohne Anschluss). Seit Beginn des Schuljahres 2016/2017 nehmen alle Schulen in öffentlicher Trägerschaft verbindlich teil. Bereits in der achten Klasse wird eine Potenzialanalyse vorgenommen, wo die jeweiligen Stärken der Schüler liegen. In der Oberstufe geht es weiter mit Workshops, Studienorientierung und Praxiselementen.

Dadurch, dass Schulen verpflichtet sind, eine fundierte Studien- und Berufsorientierung durchzuführen, habe das Angebot „massiv zugenommen“, meint Matthias Vitte. Dazu zählt auch eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Schulen und Hochschulen. „Die Nachfrage der Sprechstunde an den Standorten Hagen und Iserlohn hat sich zwischen 2016 und 2018 vervierfacht“, so Vitte.

Ein Blick in die Zukunft

Im Rahmen des KAoA-Projekts wird im neuen Schuljahr ein weiteres Element verpflichtend eingeführt. Ziel ist es, dass Schüler für fünf Tage effektiv Zeit an Hochschulen und Betrieben verbringen. „Wir stecken mit unseren Fachbereichen derzeit in entsprechenden Vorbereitungen und stehen Schulen gerne als Ansprechpartner zur Verfügung“, so der Studienberater der Fachhochschule Südwestfalen.

Der angehende Philosophiestudent Lucas Wermeier benötigt all dies nicht. Für ihn ist bei seinem Studium nur eins wichtig: „Ich möchte damit glücklich werden.“

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