ADHS

ADHS-Experte: Medikamente stellen Kinder nicht ruhig

Experten empfehlen Ritalin auch bei mittelschweren Fällen von ADHS.

Experten empfehlen Ritalin auch bei mittelschweren Fällen von ADHS.

Foto: Julian Stratenschulte

Herdecke.   ADHS: In mittelschweren Fällen können Kinder Ritalin bekommen, empfiehlt eine Leitlinie. Das birgt Zündstoff – ist aber richtig, so ein Experte.

Pillen für Zappelphilippe sorgen seit Jahren schon für erhebliche Nebenwirkungen – zumindest in Diskussionen. „Ruhig gestellt“ würden die Kinder, so der Vorwurf, den sich Eltern häufig anhören müssen. Eine Debatte, die nun erneut befeuert werden könnte durch Meldungen, dass Kinder künftig leichter und schneller solche Medikamente bekommen sollen. Denn die Leitlinien sind reformiert worden, wie ADHS, also eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung zu behandeln ist: Auch bei mittelschweren Erkrankungen soll es möglich sein, Ritalin und Co. zu verabreichen.

Dass aber nun mehr Pillen verordnet werden, dass glaubt Oliver Fricke nicht. Er ist ADHS-Experte, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke und Lehrstuhlinhaber an der Universität Witten/Herdecke. „Diese Leitlinie ist ein Riesenfortschritt“, sagt hingegen Professor Oliver Fricke. „Sie bringt mehr Klarheit.“

Risiko des Drogenmissbrauchs

Klarheit darüber, wann es „ganz klar sinnvoll“ ist, die Störung mit Medikamenten zu behandeln, nämlich in schwerwiegenden Fällen. Die Kinder sind unruhig, können nicht still sitzen, ihre Gefühle kaum kontrollieren und sich nicht konzentrieren. Meist bekommen sie, obwohl intelligent, schwere Schulprobleme. Die Arznei ermögliche es den Kindern, mit der Grundstörung im Alltag klarzukommen – und somit in ihrer Entwicklung keinen Schaden zu nehmen, sagt Oliver Fricke. Damit sinke das Risiko schulischer Probleme, psychiatrischer Folgeerkrankungen – und der Drogenabhängigkeit, erklärt Oliver Fricke.

„Die Medikamente stellen nicht ruhig“, betont er ausdrücklich. „Diese Vorstellung in der Öffentlichkeit ist falsch. Die Medikamente erlauben den Patienten Dinge zu nutzen, die sie sonst nicht abrufen können: Aufmerksamkeit und die Kontrolle von Impulsen.“ Innerhalb von 60 Minuten nach der Einnahme zeige sich bereits die Wirkung – und es gehe es ihnen besser.

Allerdings: Bei 15 bis 20 Prozent aller Patienten wirken die Mittel nicht, fügt er hinzu. Und manche Patienten würden falsch diagnostiziert, hätten vielleicht gar kein ADHS. Wenn kein ausgewiesener Experte die Behandlung begleite, dann bestehe die Gefahr der Überdosierung. „Dann gibt es Patienten, die phlegmatisch werden und von der Außenwelt abgeschirmt.“

Das mit den Fachleuten allerdings ist so eine Sache: In Ballungsgebieten sei man in NRW gut aufgestellt mit spezialisierten Kinderärzten und -psychiatern. Aber im ländlichen Raum werde es schwieriger.

In mittelschweren Fällen ist die Medikamentengabe der neuen Leitlinie zufolge jetzt auch möglich, in leichten sollte sie aber möglichst nicht erfolgen und nicht für Kinder im Vorschulalter. Auch das werde nun klargestellt. Damit sei man in Deutschland deutlich konservativer als in angelsächsischen Ländern, ist oliver Fricke zufrieden, denn dort würden Medikamente in jedem Fall empfohlen.

Zudem aber mache die Leitlinie Oliver Fricke deutlich: Mit Medikamenten allein ist es nicht getan. Verhaltenstherapien, Bewegung, Ernährung seien wichtige Bausteine. Und zwar individuell abgestimmt auf die Patienten. Es gebe zum Beispiel keine generelle Diät, die allen Betroffenen gleichermaßen helfe, betont er. Man müsse die Therapie künftig viel stärker auf den Patienten und seine Vorstellung abstimmen, ist er überzeugt, und auch das gebe die Leitlinie vor.

Welcher Sport ist der richtige?

Oliver Fricke erforscht zudem einen neuen Ansatz: Die Neurofeedback-Methode: Die Gehirnströme der Kinder werden durch ein EEG gemessen. Zugleich sollen sich die Kinder darauf konzentrieren ein Flugzeug, dass sie auf einem Computerbildschirm sehen, in ein Ziel zu steuern. „So lernen betroffene Kinder, wie sie die Hirnströme so beeinflussen können, dass ihre Aufmerksamkeit steigt und die Unruhe nachlässt.“ Außerdem untersucht der Experte, wie Bewegung den Kinder helfen kann. Ob Ausdauer oder auch Krafttraining, wie viel davon wem hilft – das sei bisher kaum erforscht, so der Experte.

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