VWS Siegen

Ärger im Siegerland: Wenn die Busse nicht fahren

Busse, die stehen, fahren nicht: Seit Monaten ist auf den Fahrplan in der Region Siegen kein Verlass.

Busse, die stehen, fahren nicht: Seit Monaten ist auf den Fahrplan in der Region Siegen kein Verlass.

Foto: WP Siegen

Siegen.  In Siegen fahren die Busse nicht, wie sie sollten. Die Kunden sind frustriert, das Bus-Unternehmen überfordert, die Gewerkschaft alarmiert.

Der Ärger sitzt tief in Bernd Wendel. Der 62-Jährige steht an Bussteig B des Siegener Busbahnhofs. Er wartet. Wie so oft. Vielleicht vergeblich. Wer weiß das schon? Denn die Busse in Siegen und Umland fahren seit Anfang des Jahres nicht so, wie sie sollten. Regelmäßig fallen mehr als 100 Fahrten aus. „Katastrophe“, sagt Bernd Wendel und schüttelt den Kopf. Er arbeitet im Schichtdienst, manchmal muss er den Bus um 4.40 Uhr nehmen. Aber wenn der nicht kommt? „Ich habe mir wegen der besch...enen Lage jetzt einen Motorroller gekauft“, sagt er. 800 Euro. Ungeplante Ausgaben. Weil die Verkehrsbetriebe Westfalen-Süd (VWS) nicht leisten, was sie leisten sollen und zu leisten versprochen haben.

Warten auf die Ausfallliste

Erstmals Mitte Februar räumten die VWS ein, dass täglich nicht alle Fahrten ausgeführt werden könnten. Grund: Personalmangel wegen hohen Krankenstandes. Grippewelle. „Höhere Gewalt“, klagte das Unternehmen damals. Doch der Zustand hält an. Je nachdem welche Seite man fragt, erhält man andere Antworten über das Warum.

An dem Morgen, an dem Bernd Wendel auf seinen Bus wartet, reißt die Mitarbeiterin im Service-Büro gerade die Liste mit den ausfallenden Fahrten des Vortages ab. Die neue Liste? „Gibt‘s noch nicht. Der Hausmeister war noch nicht da.“ Es ist fast 9 Uhr. Die Liste gibt es sehr wohl, online, seit gestern Nachmittag. 126 ausfallende Fahrten sind es heute. Die R16 nach Hainchen ist betroffen. Auf der Anzeige taucht sie aber auf. Abfahrt in 22 Minuten. Warten auf nichts. Auf einem Schild über dem Infostand steht: „VWS – Wir verbinden unsere Region.“

Gerhard Bettermann ist Betriebsleiter bei VWS, einem Tochterunternehmen der Wern-Group von Chef Klaus-Dieter Wern.

„Jede einzelne Fahrt, die ausfällt, tut weh“, sagt Bettermann. Auch wenn es täglich mehr als 5000 Fahrten gäbe, die Ausfallquote also bei lediglich zwei Prozent liege. Doch noch immer seien viele Fahrer krank, mehr als ein Viertel der Mitarbeiter habe sich abgemeldet. „Wir können nicht gegensteuern“, sagt Bettermann, weil Busfahrer nicht leicht zu finden seien.

Bundesweit fehlten derzeit 2000 Fahrer. Werden nicht schnell Gegenmaßnahmen ergriffen, werden es in drei bis fünf Jahren 10.000 sein, bemüht Bettermann nach eigener Aussage Erkenntnisse des Verbandes deutscher Omnibusunternehmer.

Bedingungen im Verkehrsgewerbe sind belastend

Aber muss man nicht über die Arbeitsbedingungen nachdenken, wenn ein Viertel des Personals langfristig ausfällt? „Die Bedingungen im Verkehrsgewerbe sind belastend, keine Frage“, sagt Bettermann, „aber ich streite ab, dass die Arbeitsbedingungen bei uns schlimmer sind als bei anderen Anbietern.“

Den Vorwurf, dass die Probleme auch hausgemacht sind, erhebt die Gewerkschaft. „Die Frage ist ja, warum so viele Fahrer bei der Wern-Group krank sind“, sagt Bernd Balzer, Gewerkschaftssekretär bei Verdi. „Die Arbeitsbedingungen bei der Wern-Group sind nicht akzeptabel. Ich habe schon mit vielen Arbeitgebern zu tun gehabt, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Die Bezahlung sei zwar branchenüblich, aber der Umgang mit den Mitarbeiterin nicht hinnehmbar, weil geleistete Überstunden nicht abgefeiert werden könnten, weil Dienstpläne kurzfristig geändert würden und es generell an Wertschätzung mangele. Der Unternehmens-Führung wirft Balzer „Dilettantismus“ vor. Rund 30 Fahrer hätten mittlerweile gekündigt und sich anderen Unternehmen angeschlossen. „Die Fahrer, die im Dienst sind“, sagt Balzer, „kriegen den Druck der Fahrgäste ab.“

Denn die Fahrgäste wollen sich auf den Bus verlassen können. Gäste wie Bernd Wendel. Täglich nutzt er den Bus, um vom Ortsteil Achenbach nach Geisweid zur Arbeit zu gelangen. Linie 112 und 113. Linie mit Lücken. Manchmal, wenn er zu spät zur Arbeit zu kommen drohte, hat er sich sogar ein Taxi genommen. Dass die VWS zusichert, die Rechnung (bis 25 Euro) in solch dringenden Fällen zu übernehmen, weiß er nicht. Wissen offenbar viele noch nicht. Die eingereichten Quittungen sind überschaubar, heißt es von den Verkehrsbetrieben Westfalen-Süd.

Wenige Meter weiter an Bussteig F steht Anne Deckbar. Die 29-Jährige studiert Literatur und Medienkultur. „Gerade gestern“, sagt sie, habe sie an der Bushaltestelle gestanden und vergeblich auf Linie 111 gewartet. Angekündigt auf der Anzeige sei die Fahrt sehr wohl gewesen. Dann wurde der Eintrag gelöscht. Der Bus kam nicht. Sie wollte zur Uni. 45 bis 60 Minuten kostete das. „Deshalb bin ich heute eine Stunde früher losgefahren.“ Sie hat heute Abschlussprüfung. „Das mit den Bussen frustriert mich und setzt mich heute noch mehr unter Druck“, sagt sie. Die Bus-Posse in der Region gefährde die Attraktivität des Standorts, argumentiert die Uni schon länger.

Chef am Steuer

Die VWS beteuern, derzeit nichts ändern zu können. Unternehmens-Chef Wern habe sogar selber hinter dem Steuer gesessen und Schichten gefahren. Nun seien ja bald Ferien, sagt Gerhard Bettermann, der Betriebsleiter. Dann könnten einige Fahrten zu den Schulen und zurück eingespart werden. „Ab Montag“, verspricht er, „wird es keine Ausfälle mehr geben.“ Anne Deckbar, Bernd Wendel und all die anderen hoffen es. Oder fahren längst Motorroller.

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