Digitalisierung

Alle müssen sich neu erfinden

Peter Vieregge, Geschäftsführer des Forschungsinstitut für Regional- und Wissensmanagement in seiner neuen Büro-Villa in Plettenberg.

Peter Vieregge, Geschäftsführer des Forschungsinstitut für Regional- und Wissensmanagement in seiner neuen Büro-Villa in Plettenberg.

Foto: Funke Foto Services

Plettenberg/Iserlohn.   Das Plettenberger Forschungsinstitut für Regional- und Wissensmanagement verspricht Unternehmen Orientierungshilfe im neuen Daten-Dschungel.

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Peter Vieregge kennt die Probleme. Auch an sich selbst: „Alle Menschen haben Angst vor Neuem. Routinen bringen Sicherheit, die gibt man nicht gerne auf. Unsere Verhaltensweisen zu ändern, fällt uns extrem schwer.“ Aber es hilft ja nichts: „Heute bin ich als Unternehmen sehr schnell weg, wenn ich bei einem Innovationszyklus nicht dabei bin.“ Und die großen Unruhestifter sind nun einmal die Digitalisierung und das Internet. Sie werden jede Branche, jeden Betrieb verändern. Zumindest die erfolgreich Überlebenden. Vieregges Forschungsinstitut für Regional- und Wissensmanagement unterstützt bereits 50 Industriekunden in dem Thema.

Der Handel: Erlebnis plus Service

Der 49-jährige Wirtschaftswissenschaftler ist Professor an der privaten Hochschule BiTS in Iserlohn und mit seinem An-Institut gerade von Balve nach Plettenberg umgezogen, in eine alte Industriellenvilla. Die Büroräume sind erst teilweise eingerichtet. „Wir stehen ganz am Anfang“, sagt Vieregge. Aber damit meint er jetzt in erster Linie die Digitalisierung. Deshalb findet er es zwar bedenklich, aber noch nicht aussichtslos, wenn er erklärt: „95 Prozent der Industrie-Unternehmen in Südwestfalen sind im Netz nicht richtig sichtbar, aber 85 Prozent der Einkäufer suchen zunächst dort.“ Es ist ja noch Zeit, die Dinge zu ändern.

Beispiel Einzelhandel. Ab Mai ist ein Zukunftslabor mit den drei südwestfälischen Kammern geplant - Laufzeit drei Jahre. Hintergrund: Für kleine und mittlere Städte werden in den nächsten Jahren 30 Prozent Umsatzverlust vorhergesagt - mit entsprechenden Folgen für die Innenstädte. Vieregge fühlt sich an die Zeit erinnert, als die Videotechnik die Kinos bedrohte. Und heute? „Gibt es immer noch Kinos, weniger, aber speziellere, bessere. So wie es in den Buchläden mit Café-Ecke funktioniert. Erlebnis plus Service - das ist nötig.“

Eine Art lokales Google

Dazu müsse der Kunde aber erfahren, was in seiner Stadt existiert: „Wenn ich nicht weiß, dass ein Laden Diesel-Jeans führt, werde ich gar nicht in die City gehen.“ Aber häufig bleibe das ein Geheimnis: „Man kann in der eigenen Stadt nicht surfen. Wir haben das kürzlich in Neuenrade geändert. Da gibt es jetzt eine Art lokales Google, bis hin zu den Biobauern.“

Das sind die Rezepte des Instituts: die Entwicklung von Suchmaschinen und speziellen Recherchewerkzeugen, Unterstützung beim Wissensmanagement in den Unternehmen: „Wir helfen dabei, mit der Datenflut fertig zu werden.“ Oder sie erst zu erschließen. Ein Projekt mit 70 Industriebetrieben arbeitet daran, Besucher auf der Homepage mit Firmennamen zu identifizieren und sie als potenzielle Kunden zu erschließen. Vieregge: „Das ist Profiling wie beim FBI. Oder wie bei der Rasterfahndung. Es kommt darauf an zu erkennen, was der Kunde wohl als nächstes tut oder will.“ Die Zeiten, wo ein Unternehmen abwarten konnte, was an Bestellungen per Fax hereinkam, seien vorbei, nun müsse man kämpfen.

"Für manche Industriebetriebe ein Kulturwechsel"

Die einfache Variante: Der Besucher auf meiner Seite ist Handwerker. Kenne ich den schon? Was kann ich ihm bieten? Die schwierigere: „Die Hersteller werden zu Einzelhändlern. Die erforderliche Kundennähe ist für manche Industriebetriebe ein Kulturwechsel.“ Das beginnt schon bei der Sprache. Was der Holzzaun-Produzent „Koppelzaun“ nennt, ist für den Reiter ein „Weidenzaun“. Wenn die Waschmaschine kaputt geht, sucht man genau diese Stichworte im Netz und keinen Waschautomaten. Wer Metallteile herstellt, muss deutlich machen: Wo kommt das rein? Der Kunde ist vielleicht gar nicht vom Fach, will aber eine Lösung für sein Problem. Ein Malerbetrieb, der über Farben und Pinsel schreibt, ist weniger erfolgreich als einer, der „schöne Wände“ verspricht.

Endkundennahe Unternehmen aus der Gebäudetechnik, vor allem im Bereich Elektro und Kunststoff, die in Südwestfalen stark seien, sind im Vorteil. Prinzipiell. Praktisch hätten sich nur einige wenige hervorgetan, so der Iserlohner Professor: „Bei einem Kunststoffhersteller können Sie ein Bild hochladen und der druckt es auf einen Teller. Eine Firma aus Lüdenscheid verkauft einzelne Schrauben.“

Wie würde ich mich platt machen?

Das Umdenken müsse aber weiter gehen: „Wer Laminat produziert, muss arbeiten wie ein Modeunternehmen, Trends folgen, sich Gedanken über die Wünsche der Verbraucher machen.“ Vieregge sieht großartige Produkte in der Region - individualisiertes Wasser von Grohe, Duschen mit Licht- und Sound-Choreographie von Dornbracht, tageslichtgeführte Leuchten von Durable, Smart Home von Busch-Jaeger.

Deshalb ist er durchaus optimistisch für Südwestfalen. „Wir haben schon andere Umbrüche wie die Elektrifizierung überstanden. Und mittelständische Familienbetriebe denken besonders nachhaltig.“ Aber: „Bislang haben die meisten Unternehmer daran gearbeitet, das Bestehende besser zu machen. Nun müssen sich alle neu erfinden.“ Vieregge empfiehlt dazu ein Denkmodell: „Was würde ich für ein Unternehmen erfinden, wenn ich mein eigenes platt machen wollte? Wenn ich nicht selbst auf die Idee komme, macht es ein anderer.“

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