Corona-Krise

Alleinerziehende: Nachts arbeiten, am Tag für die Kinder da

"Wenn ich nicht mehr kann, mache ich einfach weiter": Die Hagenerin Joana Almeida ist seit drei Jahren alleinerziehend. Um die Kinder Emilia und Enrico in der Corona-Krise tagsüber betreuen zu können, geht sie nachts arbeiten. 

"Wenn ich nicht mehr kann, mache ich einfach weiter": Die Hagenerin Joana Almeida ist seit drei Jahren alleinerziehend. Um die Kinder Emilia und Enrico in der Corona-Krise tagsüber betreuen zu können, geht sie nachts arbeiten. 

Foto: Privat / WP

Hagen  Der Alltag der Hagenerin Joana Almeida: Vollzeitberuf nachts, Kinderbetreuung tagsüber. "Wenn ich nicht mehr kann, mache ich einfach weiter."

Was passiert, wenn die Kraft nicht mehr reicht? Joana Almeida weiß nicht, wo die Frage hinführen soll. „Wenn ich nicht mehr kann“, sagt die 32-Jährige, „dann mache ich einfach weiter.“ Einfach weiter. Als wenn das immer so leicht wäre. Aber so kennt sie das. „Es kommt ja dann keiner, der sagt: Ok, stopp, wir halten die Welt an, Joana ist müde.“ Seit drei Jahren ist die Hagenerin allein mit ihren beiden Kindern Emilia und Enrico, acht und vier Jahre alt. An Grenzen zu stoßen ist Alltag, jetzt da das Coronavirus die bekannten Strukturen aufgelöst hat, gilt das noch mehr. Sie arbeitet nachts und schläft kaum.

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Allein verantwortlich zu sein sei auch außerhalb von Pandemie-Zeiten schwer genug. „Man trifft jede Entscheidung allein, ohne Rückendeckung. Und man trägt die Konsequenzen auch allein“, sagt die junge Frau mit der Brille. „Aber man wächst in die Situation hinein.“ So ist das wohl auch jetzt. Die Kindertagesstätte des Kleinen ist geschlossen, die Grundschule der Großen auch.

Familienminister Stamp: "Alleinerziehende haben besondere Herausforderungen zu meistern"

Beide Einrichtungen bieten eine Notbetreuung an. Seit vergangenen Montag steht dies jedem, der alleinerziehend ist, laut neuer Rechtsverordnung der NRW-Landesregierung zu. Diese soll laut Familienminister Joachim Stamp (FDP) "die erwerbstätigen Alleinerziehenden, die in der aktuellen Situation besondere Herausforderungen zu meistern haben, unterstützen und entlasten“.

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Aber Joana Almeida schickt ihre Kinder nicht in die Betreuung. Jetzt nicht und vorher auch nicht, obwohl sie einen systemrelevanten Job hat: Sie arbeitet als Pflegekraft in einer Einrichtung, in der chronisch kranke Menschen leben, die ständig beatmet werden müssen, sich aber nicht in einem Krankenhaus aufhalten müssen. „Ich soll meine Kinder in die Betreuung schicken, wo sie andere Kinder treffen und sich das Risiko erhöht, dass sie sich infizieren?“ Sie verfolgt den Gedanken weiter: Wenn sie das Virus haben, dann hat auch sie es irgendwann, was wiederum ihre Patienten ernstlich gefährden würde. „Wo ist denn da die Logik?“ Eine Frage, auf die sie keine Antwort erwartet, weil sie weiß, dass es sie derzeit nicht gibt.

Nachts arbeiten und manchmal nur zwei Stunden Schlaf am Tag

Auf 73 Quadratmetern lebt Joana Almeida mit ihren Kindern, die beiden teilen sich ein Kinderzimmer. Als das mit Corona noch gar nicht angefangen hatte, da wollte sie umziehen, um einen Raum mehr zu haben. Aber die potenziellen Vermieter hätten am liebsten Wohnberechtigungsscheine sehen wollen: sicheres Geld von der Stadt, Sie verstehen? Tut mir leid, Frau Almeida, trotzdem viel Glück. „Vielen Dank auch“, sagt die Frau. Es seien so viele Kleinigkeiten, die es für Alleinerziehende jeden Tag so schwer machten.

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Aber wer weiß, wofür die Sache mit der Wohnung gut war. Schließlich wohnt sie deswegen noch im gleichen Haus wie ihre Eltern. Nur deshalb kann sie ihren ungewöhnlichen Tagesablauf aufrecht erhalten. Die 32-Jährige geht nicht mehr am Tag arbeiten, sondern macht ausschließlich Nachtdienste. Gegen 18 Uhr verlässt sie das Haus, nach einer 12-Stunden-Schicht ist sie gegen 8 Uhr wieder daheim. Die Kinder schlafen bei den Großeltern, die ihrerseits ebenfalls berufstätig sind. Manchmal hilft die Schwester aus. Gegen 9 Uhr wird die Tochter wach, gegen 10 der Sohn. Die Zeit davor ist die, in der Joana Almeida ein wenig Haushalt macht. „Das sind die ein, zwei Stunden, in denen es mal aufgeräumt ist“, lacht sie.

Feierabend, Haushalt, Homeschooling, Essen kochen, einkaufen

Es gibt Frühstück. Danach macht die Drittklässlerin Hausaufgaben im Schlafzimmer, der Bruder spielt – wenn es gut läuft - mit Lego, damit er seine Schwester nicht stört. In der Zeit kocht die Mama. 13 Uhr: Mittagessen. Danach: spielen, spazieren, vielleicht mal einkaufen. Oder das Projekt fortführen: Die Kinder durften sich eine Sache aussuchen, die sie in der Wohnung verändern wollen. Die beiden wollten ein Sofa auf dem Balkon. Sie bauten es zusammen aus Euro-Paletten, bemalten es. Ein Kissen mit einem Regenbogen, dem Zeichen des friedlichen Widerstands gegen das Virus, ist darauf liebevoll drapiert.

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Um 16 Uhr, wenn die Kinder Fernsehzeit haben, legt sich die Mama hin, für eine oder anderthalb Stunden. Dann geht es wieder von vorn los. 35 Stunden arbeitet sie in der Woche. „Es gibt immer mal Momente, in denen man am Ende ist, aber dann rafft man sich schnell wieder auf“, sagt sie. „Wenn ich nach Hause komme, funktioniere ich sofort.“

Mama, die Maschine?

Eigentlich wären die Drei gerade zurück von einer Mutter-Kind-Kur. Auf Amrum hätte es auch mal um Joana Almeida gehen sollen, um ein bisschen Entspannung, um Ruhe. Eine Woche vor der Abfahrt wurde die Reise abgesagt. „Das Phänomen bei eigentlich allen Alleinerziehenden ist, dass wir gar keine Zeit haben uns die Frage zu stellen, ob wir nicht mehr können, ob wir eine Auszeit brauchen. Denn wir müssen können.“

Erhöhte Kosten durch das Coronavirus

Das Virus beschere Joana Almeida erhöhte Ausgaben, sagt sie. Der Einkauf fürs Kochen koste mehr als die gewohnte Versorgung der Kinder in Schule und Kita. Vor vier Wochen, sagt sie, habe sie bei der Familienkasse in Dortmund den Kinderzuschlag beantragt. Familien mit geringem Einkommen können dadurch 185 Euro pro Monat pro Kind erhalten. Die Unterlagen seien gerade zurück gekommen. Grund: Sie seien unvollständig, dies fehle, das fehle. Möglich, dass sie etwas vergessen hat. Wie unbürokratische Hilfe kommt ihr das trotzdem nicht vor. „Manchmal könnte man das Gefühl haben, dass es die Behörden darauf anlegen, dass sie so viele Dokumente einfordern, damit die Leute schon vorher sagen: Das tu‘ ich mir nicht an.“ Sie will noch einen Versuch starten. Ihre Kraft reicht aus, jeden Tag.

Alt, sagt sie, sei der Status, den sie beim Nachrichtendienst WhatsApp für sich eingegeben hat. Geändert hat sie ihn seither aber nicht: „Wer mir Steine in den Weg legt, sollte sich nicht wundern, sie an den Kopf geworfen zu kriegen.“

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