Corona-Krise

Alleinerziehende empört: Kinderbonus muss geteilt werden

Viele Alleinerziehende hatten im Frühjahr in der akuten Corona-Krise den Stress mit der 24-Stunden-Kinderbetreuung. Der als Entschädigung vorgesehene Kinderbonus muss aber mit dem anderen Elternteil geteilt werden.

Viele Alleinerziehende hatten im Frühjahr in der akuten Corona-Krise den Stress mit der 24-Stunden-Kinderbetreuung. Der als Entschädigung vorgesehene Kinderbonus muss aber mit dem anderen Elternteil geteilt werden.

Foto: Julia Tillmann / FUNKE Foto Services

Hochsauerlandkreis.  Eine Sauerländerin klagt an, dass der Kinderbonus nicht bei ihren Kindern ankomme, sondern auch bei den Kindsvätern, die sich kaum kümmern.

Wenn Martina Meier (43) derzeit auf ihre Kontoauszüge schaut, dann wird aus Freude schnell beträchtliche Wut. Die erste Rate vom Kinderbonus , den sich die Bundesregierung im Rahmen des Corona-Konjunkturpakets ausgedacht hat, um Familien mit Kindern für die Mühen des Corona-Frühlings zu entschädigen, hat die Frau aus einem kleinen Städtchen im Hochsauerlandkreis ausgezahlt bekommen. Doch die gelernte Erzieherin muss – obwohl alleinerziehend – die Sonderzahlung mit den Vätern ihrer Kinder teilen, obwohl diese keine oder kaum Zeit mit den Kindern verbrächten, sagt sie. Sie zögen die Hälfte des Betrages vom Unterhalt ab. Schwarz auf Weiß zu sehen auf ihrem Konto. „Das ist zum Schreien“, sagt sie und ballt die Faust in der Tasche.

Kinderbonus vom Unterhalt abgezogen

Die Sauerländerin, die im wahren Leben nicht Martina Meier, heißt, hat insgesamt neun Kinder: 23, 20, 17, 14, 13, 11, 9, 7, und 4 Jahre alt. Und wenn sie das erzählt, dann hat sie sogleich das Gefühl, dem Eindruck entgegentreten zu müssen, dass da irgendwas nicht in geordneten Verhältnissen sei bei ihr. Die ersten sieben haben den gleichen Papa, die jüngsten beiden sind von zwei unterschiedlichen Vätern. Und dass sich die beiden nun nicht als Partner für die Zukunft herausstellten, das habe sie so auch nicht kommen sehen. Beide aber hätten die Hälfte des gezahlten Bonus’ vom Unterhalt für die Kinder abgezogen. Niemand müsse sich Sorgen machen um sie und ihre Kinder. „Aber jeder kann sich vorstellen, dass wir nicht auf Rosen gebettet sind.“ 300 Euro haben oder nicht haben sind da keine Lappalie.

Aber eigentlich geht es auch weniger um das Geld, sondern um die tief empfundene Ungerechtigkeit. „Das, was viele Alleinerziehende in diesem Jahr mit ihren Kindern vollbracht haben, ist schlichtweg nicht zu vergüten. Natürlich ist es toll, dass es dieses Geld für uns gibt, aber ich möchte auch, dass die da oben wissen, was das für Alleinerziehende für ein Bockmist ist.“

„Geld kommt unmittelbar bei den Kindern an“, sagt das Ministerium

Die da oben – das ist die Bundesregierung, die den Kinderbonus im Juni mit heißer Nadel gestrickt hat. Natürlich ist an den Fall gedacht worden, was passiert, wenn die Eltern der Kinder getrennt leben. „Der alleinerziehende Elternteil, der das Kindergeld bekommt, bekommt auch den Kinderbonus ausgezahlt. Der Kinderbonus kommt also unmittelbar bei den Kindern an“, heißt es beim Bundesfamilienministerium zufrieden. „Wenn bei getrennt lebenden Eltern der andere Elternteil den Mindestunterhalt oder mehr zahlt oder wenn sich die Eltern die Betreuung ungefähr zur Hälfte teilen (...), dann darf der andere Elternteil die Hälfte des Kinderbonus von seiner Unterhaltszahlung in den beiden Auszahlungsmonaten abziehen.“

Martina Meier versteht das nicht. „Ich dachte, das Geld soll bei den Kindern ankommen“, sagt sie. Sie hat im Frühjahr da gesessen und mit ihren Kindern, die nicht in die Kita gingen und nicht in die Schule, die nicht zu Freunden durften und auch nicht zum Sport. Sie hat mit ihnen Hausaufgaben gemacht, sie hat sich um alle Fragen und Belange der Kinder gekümmert, sie war Lehrerin, Köchin, Erzieherin, Psychologin, Managerin, war eben nicht nur Mama, sondern Mama und Papa gleichzeitig. Die viele Zeit zusammen sei auch schön gewesen, sagt sie. „Aber das war eben auch eine nervenaufreibende 24-Stunden-Rundumbetreuung .“ Sie hat sich beim Jugendamt der Hochsauerlandkreises in Meschede beschwert darüber, dass da nun Männer Geld bekommen, das diese nicht zusätzlich ausgegeben hätten. „Dort hagelt es Kritik und Anrufe“, sagt sie.

Dem Jugendamt sind die Hände gebunden

So ganz mag das der Hochsauerlandkreis nicht stehen lassen. Die Behörde lässt Verständnis für die Alleinerziehenden durchblicken, wenn er mitteilt: „Das ist eine Regelung, die der Gesetzgeber vorgibt und die wir hier umsetzen.“ Es gäbe Beschwerden, ja, aber es seien nicht allzu viele.

Anderes hat der Verband für alleinerziehende Mütter und Väter in NRW (VAMV NRW) festgestellt. Zahlreiche Alleinerziehende hätten sich gemeldet, und zwar „hochgradig emotional“, wie Vorstand Nicola Stroop auf Nachfrage mitteilt. „Der Kinderbonus wird zurecht nicht angerechnet auf staatliche Leistungen wie zum Beispiel Hartz IV. Ihn auch vom Unterhalt abzukoppeln, hätte einen Nebensatz in diesem Gesetz bedeutet, aber der politische Wille dafür fehlte“, sagt sie. Das Ministerium sei frühzeitig auf diesen Umstand hingewiesen worden. Ohne Ergebnis. „Der Kinderbonus hat seinen Namen nicht verdient. Er wird dort gebraucht, wo das Kind seinen Lebensmittelpunkt hat, da hier die Kosten für das Kind entstanden sind.“ Tatsache sei, dass fast 60 Prozent aller Trennungskinder keinen oder nur seltenen Kontakt zum Vater haben. So wie die beiden Kinder von Martina Meier.

<<< Hintergrund >>>

Der von der Bundesregierung beschlossene Kinderbonus wird für alle Kinder, für die im September 2020 Anspruch auf Kindergeld besteht, in zwei Raten ausgezahlt. Die Auszahlung erfolgt im September 2020 in Höhe von 200 Euro und im Oktober 2020 in Höhe von 100 Euro. Alleinerziehende, die besonders viel Pech hatten, konnten den Abzug beim Unterhalt am Anfang des Monats begutachten, während der Kinderbonus zusammen mit dem Kindergeld am Monatsende ausgezahlt wurde. „Die Betroffenen hatten dann 100 Euro weniger als sonst im Monat zur Verfügung“, sagt VAMV-Vorstand Nicola Stroop.

Der Kinderbonus wird in zwei Raten ausgezahlt, um damit einen starken, konzentrierten Konjunkturimpuls zu setzen, der von den Familien direkt genutzt wird, heißt es vom Bundesfamilienministerium. Mit der Zahlung in zwei Raten werden nachteilige Folgen im Zusammenspiel von Kindesunterhalt und Unterhaltsvorschuss vermieden.

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