Ausstellung

NDW-Metropole Hagen: Als in der Stadt die Hölle los war

Die Grobschnitt-Familie 1978. In der Bildmitte im Tutu Heike Wahnbaeck als Irmchen von Due. Foto:Privat

Die Grobschnitt-Familie 1978. In der Bildmitte im Tutu Heike Wahnbaeck als Irmchen von Due. Foto:Privat

Hagen.   Eine Ausstellung und ein Buch widmen sich 2018 der deutschen Pop-Metropole von vor 40 Jahren. Heike Wahnbaeck erzählt von ihren Erfahrungen.

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Der Mittelpunkt der Welt? Nicht ganz. Aber es gab eine Zeit, da war Hagen noch bedeutender als heute. Deutschland schaute auf diese Stadt. „In Hagen ist die Hölle los“, titelte Bravo. Und Extrabreit sangen: „Komm nach Hagen, werde Popstar, mach dein Glück“.

Die sogenannte Neue Deutsche Welle, die ab Ende der 1970er Erfolge feierte, kam hier in Schwung. Nena als Gesicht auf der Schaumkrone, Inga und Annette Humpe, die als Herdeckerinnen zur Szene gehörten, dazu die Krautrock-Vorläufer von Grobschnitt.

Ausstellung im Osthausmuseum

Wie es dazu kam und was dabei geschah, ist im Spätsommer 2018 Thema einer Ausstellung im Osthausmuseum und eines Buchprojekts. Für beides verantwortlich ist Heike Wahnbaeck. Sie hat gesammelt, recherchiert und zugeschaut. Sie war mittendrin. Wie das kam, erzählt sie selbst:

  • "Es war Zufall, der mich Zeuge der Hagener Musikszene werden ließ. Mein Elternhaus ist neben der Käthe-Kollwitz Schule. 1973 hatte sich eine Band mit dem Namen Styx dort eingemietet und probte täglich. Ich war 15, und mich interessierte das. Und so lernte ich die Musiker kennen. Wolfgang Jäger, genannt Hunter, spielte den Bass".

Ihn hat sie später geheiratet. Aber erst passierte das:

  • "Nach dem zweiten Auftritt der Band in der alten Kirche Emst wurde Hunter 1974 von Grobschnitt abgeworben. Grobschnitt trat schon vor größerem Publikum auf und hatte zwei LP’s veröffentlicht. Aus Wochenend-Gigs wurden bald Tourneen mit über 100 Konzerten im Jahr. Ich reiste mit, soweit das mein Studium zuließ. Ich hatte in Wuppertal angefangen Grafik-Design zu studieren. An den Wochenenden verkaufte ich selbstgedruckte T-Shirts und Platten nach den Konzerten, war Tourmanager und hatte auf der Bühne einen kleinen Auftritt als Irmchen von Due. 1980 verließ Hunter die Band, die auf dem Bauernhof in Sprockhövel, wo wir lebten, einen Proberaum und ein Studio eingerichtet hatte".

Demostudio Rockranch

In Hagen hatte sich unterdessen Neues getan. Styx-Gitarrist Frank Becking spielte seit 1977 bei The Ramblers. Sänger war Hartwig Masuch, Gitarrist Carlo Karges. Der sollte später in Nena’s Band den Titel „99 Luftballons“ texten.

Mit Hartwig Masuch und Robert Schwarz, einem Techniker aus Styx-Zeiten, gründete Becking das Demostudio Rockranch in Hagen-Vorhalle. Hartwig hatte bei einem Interview mit der Zeitschrift „Musiker“ den Herausgeber Ulli Wiehagen getroffen. Zusammen gründeten sie den Musikverlag Wiehagen und Masuch in Hagen.

  • "Erster Kunde war der Ramblers-Roadie Rainer Kitzmann. Er hatte gerade die Band The Stripes gegründet und suchte eine Sängerin. Gemeinsam mit Ulli Wiehagen ging Rainer in die Diskothek Madison. Dort tanzte Nena, und Rainer sprach sie an. Er vereinbarte ein Treffen im Proberaum. Man einigte sich auf Stücke von den Ramones, Nena fand Geschmack am Singen. 1978 war in Gevelsberg der erste Auftritt".

Nationaler Erfolg

1981 kam der nationale Erfolg: Mit ihrer dritten Single schafften es The Stripes zur ZDF-Disco. Als Bassist Frank Röhler zum Bund musste, stieg Hunter, von Grobschnitt kommend, bei den Stripes ein.

Wiehagen und Masuch hatten die Band unter Vertrag genommen. „Welch ein Land! Was für Männer“ wurde 1981 Extrabreits erster großer Verkaufsschlager.

  • "Jörg Hoppe, der damalige Manager der Band, erwies sich als sehr geschickt in der Vermarktung. Er gründete Anfang der 80er in Hagen das Label Tonträger 58 und gab vielen Gruppen in der Stadt die Möglichkeit, auf einer LP veröffentlicht zu werden".

Erfolgswelle ebbt ab

Ab 1983/1984 ebbte die allgemeine Erfolgswelle ab.

  • "Ich hatte 1982 mein Studium abgeschlossen und ging nach München zum Musikexpress/Sounds und später zur Musikszene nach Zürich. Ab 1984 habe ich 20 Jahre lang in Bochum bei Marabo gearbeitet. Seit 2014 gehöre ich dem Organisationsteam für das Muschelsalat-Festival an. Dabei haben wir 2015 zusammen mit dem schottischen Lichtkünstler John McGeoch einen einstündigen Trickfilm zur Hagener Musikszene angefertigt. Ich habe dazu die vielen Fotos, die während dieser Zeit durch mich oder meinen Mann entstanden sind, eingescannt. Eine von mir angelegte Timeline half ihm, die richtige Musik und Fotos den Bands zuzuordnen. Die große Resonanz, die die Uraufführung erfahren hat – es waren über 4000 Zuschauer begeistert – hat mich weiter an der Ausstellung und einem Buchprojekt arbeiten lassen."

Karriereentscheidung hat sich gelohnt

Was Heike Wahnbaeck dabei besonders interessiert hat: Was aus den Leuten geworden ist? Lichtkünstler, Medienanwalt, Leiter einer Plattenfirma, TV-Manager.

Und viele Berufsfelder entwickelten sich erst: Bühnentechnik, Anlagenverleih. „Bei vielen hat sich die Karriereentscheidung gelohnt“, sagt die Zeitzeugin. Und warum ausgerechnet Hagen?

  • "Grobschnitt hatte eine Basis geschaffen. Wiehagen und Masuch hatten Kontakte in die Industrie. Alle klumpten zusammen. Ständig wurden Bands neu gegründet oder wechselten die Namen. Und die ganz Ehrgeizigen hatten ein Reservoir, aus dem sie sich bedienen konnten".

Es gibt viele spannende Geschichten. Zu viele. Bis zum Erscheinen des Buchs muss Heike Wahnbaeck nun vor allem: streichen und kürzen.

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