Flüchtlinge

Altena nimmt freiwillig mehr Flüchtlinge auf als zugewiesen

Die frühere Lehrerin France Broens gibt Flüchtlingen Deutsch-Unterricht.

Die frühere Lehrerin France Broens gibt Flüchtlingen Deutsch-Unterricht.

Foto: Funke Foto Services

Altena.   Die Kommune im Märkischen Kreis nimmt freiwillig 100 Asylbewerber zusätzlich zum zugewiesenen Kontingent auf. Das Vorgehen ist in NRW beispiellos.

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Die Nachricht überrascht. Sie hat Seltenheitswert, bemerkenswert in dieser Zeit. Altena schwimmt gegen den Strom. In den Rathäusern stöhnen sie über den Ansturm der Flüchtlinge und die Probleme bei der Unterbringung, Versorgung und Betreuung. Nur die Kommune im Märkischen Kreis nicht. Die Stadt nimmt 100 Flüchtlinge mehr auf, als sie muss. Warum? Versuch einer Erklärung.

Die Ausgangslage

Keine Stadt in Nordrhein-Westfalen ist in den vergangenen Jahrzehnten so geschrumpft wie Altena. Zählte die Stadt an der Lenne im Jahr 1970 noch 32 006 Einwohner, sind es heute 17 301. Nach Erkenntnissen einer Studie der Bertelsmann-Stiftung sinkt ihre Zahl in den nächsten 15 Jahren um weitere 16 bis 23 Prozent. Die Arbeitslosenquote liegt bei 6,8 Prozent. Der Leerstand bei Wohnungen beträgt 11 bis 12 Prozent. Gegenwärtig leben 250 regulär zugewiesene Flüchtlinge in der Stadt. 100 Frauen, Kinder und Männer aus Syrien, Irak und Afghanistan sind zusätzlich aufgenommen worden.

Das Motiv

„Wir versuchen, eine Win-win-Situation zu kreieren“, sagt Bürgermeister Andreas Hollstein (CDU). „Platz für neue Bürger ist genug da. Jetzt muss es uns gelingen, sie zu integrieren. Das ist unser Antrieb. Wir müssen versuchen, sie so schnell wie möglich in Arbeit zu bringen, wenn sie die Aufenthaltserlaubnis haben.“

Voraussetzung für die Mehraufnahme von Asylbewerbern sei es in Absprache mit der Bezirksregierung Arnsberg gewesen, Kriegsflüchtlinge, vornehmlich Familien, aus Syrien, dem Irak und Afghanistan zu bekommen. Das sei ein humanitäres und christliches Gebot. „Armutsflüchtlinge“, so der 52-Jährige, „haben wir genug. Sie haben in der Regel keinen Anspruch auf Asyl und sollten möglichst bald abgeschoben werden.“

Die Organisation

Bei der Betreuung der Neuankömmlinge kann Altena neben vielen ehrenamtlichen Helfern auf DRK, THW und Freiwillige Feuerwehr setzen. Untergebracht werden die Familien in Wohnungen, die im Stadtgebiet verteilt sind. „Wir haben mehr als 40 Paten, die ständig Kontakt mit den Flüchtlingen halten“, sagt Hollstein, „die sie bei Behördengängen begleiten oder bei gesundheitlichen Problemen helfen.“ Zum Willkommenspaket gehören neben Hausrat und Spielsachen für die Kinder auch Sprachkurse, die wenige Tage nach der Ankunft von ehemaligen Lehrern und Lehrerinnen angeboten werden. „Jeder Brocken Deutsch hilft weiter“, weiß der Bürgermeister. Es macht ihn stolz, dass das freiwillige Engagement der Bürger nach dem Brandanschlag auf eine Notunterkunft für Syrer in Altena Anfang Oktober einen zusätzlichen Schub bekommen hat. „Die Menschen wollen deutlich zeigen: Das sind wir nicht.“

Die Diskussion

Wenig hält Hollstein von den Äußerungen vieler Entscheiungsträger, das Land sei nicht mehr in der Lage, den Zustrom der Flüchtlinge zu bewältigen. Auch sei die parteipolitisch gefärbte Diskussion der Sache wenig dienlich. „Wenn der Bund, die Länder und die Kommunen sagen, wir kriegen das nicht auf die Kette, treibt das die Leute in die Arme der Rattenfänger.“ Deutschland habe nach dem Zweiten Weltkrieg ganz andere Dimensionen bewältigt. „Heute sieht das Verhältnis doch so aus: Wenn 80 Leute in der Kneipe sind, kommt ein Syrer dazu. Das überfremdet uns nicht. Und das ist nicht zu schaffen?“

Die Finanzen

Über Geld will der Bürgermeister nicht reden. „Natürlich buttern wir drauf, aber das ist nicht vorrangig. Wir müssen die Menschen als Menschen begreifen.“ Das Land zahle ab 2016 pro Flüchtling pro Jahr 10 000 Euro. „Das reicht nicht. Es wird unsererseits Nachforderungen geben.“ Eine ganze andere Zahl lässt ihn strahlen: „Es sind 46 Kinder gekommen, davon gehen 16 in die Grundschule, acht auf das Burggymnasium. Jetzt suchen wir noch 23 Kita-Plätze. Da wird sich eine Lösung finden.“

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