Alter, was geht?

Ausländische Pflegekräfte: „Die Chemie muss stimmen“

Barbara Kruszewska, links, und Hanni Plettenberg verstehen sich gut. Die Pflegerin aus Polen betreut die alte Dame in ihrem Haus in Werl.

Barbara Kruszewska, links, und Hanni Plettenberg verstehen sich gut. Die Pflegerin aus Polen betreut die alte Dame in ihrem Haus in Werl.

Foto: Ralf Rottmann

Werl.   Eine 84-Jährige wird rund um die Uhr von einer polnischen Haushaltshilfe betreut. Das Modell ermöglicht ihr ein selbstständiges Leben zu Hause.

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Der Tisch im Esszimmer ist mit den Tassen und Tellern vom guten weißen Porzellan-Service gedeckt. Eine Schale mit Plätzchen und eine Kanne Kaffee warten. Die gute Bohne. Schön stark. Johanna Plettenberg mustert den Besuch. Ihre Aufregung kann die 84-Jährige nicht verbergen. Sie ist frisch frisiert, ihre Wangen sind leicht gerötet: „Die Zeitung kommt ja nicht jeden Tag ins Haus.“

Polin lebt seit Dezember im Haus

Die Seniorin freut sich über das Interesse an ihrem Alltag und lebt auf, wenn es um ihren im vergangenen Sommer gestorbenen Ehemann geht. „Er war 85 Jahre alt. Am Ende sehr verwirrt.“

Voll Wärme erinnert sie sich an den Tag in den 1950er Jahren, „als Heinrich plötzlich um die Ecke kam“. Es war Liebe auf den ersten Blick. „Was ich damals alles wollte“, sagt die Witwe heute und führt den Satz nur in Gedanken zu Ende. „Nach der Hochzeit kamen die Kinder. Ich habe zwei Töchter und einen Sohn.“

Barbara Kruszewska schenkt Kaffee nach. Die polnische Haushaltshilfe kennt die Lebensgeschichte der alten Dame. Seit Dezember wohnt die 50-Jährige aus Elk (Ermland-Masuren) mit ihr auf dem Bauernhof in Werl, wäscht, kocht, putzt und betreut sie rund um die Uhr.

Ob sie sich gut verstehen? Ob es mit einer zunächst fremden Frau im Haus so problemlos klappt? Ihre Blicke treffen sich. Sie sind sich einig: „Die Chemie muss stimmen.“ Und? „Sie stimmt.“ Beide Frauen haben sich aneinander gewöhnt. Es läuft nach Plan. „Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier“, fügt die Seniorin hinzu.

Nie mehr allein im Haus

Um 8 Uhr fängt der Tag an. Die Polin hilft ihr aus dem Bett, beim Gang zur Toilette und bereitet das Frühstück vor. Morgens und abends kommt eine Pflegekraft der Caritas-Sozialstation, hilft bei der Körperpflege.

„Ich schaffe das alles seit meiner Operation an der Hüfte nicht mehr.“ Johanna Plettenberg kommt aus eigener Kraft nicht aus dem Rollstuhl oder dem Sessel im Wohnzimmer. Mit dem Rollator kann sie sich im Erdgeschoss, nur hier hält sie sich auf, frei bewegen. Sie ist froh darüber, nicht in einem Heim zu wohnen. „Im hohen Alter in den eigenen vier Wänden bleiben zu können, das ist was wert.“ Mit Grausen denkt sie daran, allein in dem Haus zu sein, alleine am Küchentisch zu sitzen. „Da würde ich mich nicht mehr wohl fühlen.“

Hilfe im Standby-Modus

Mit der polnischen Küche hat sie sich schnell angefreundet. „Ich mag alles.“ Polnische Maultaschen, Piroggen, gefüllt mit Pilzen und Sauerkraut, isst sie besonders gerne. Und mit Barbara Kruszewska hat sie immer jemanden um sich und Hilfe im Standby-Modus. „Wir stricken viel zusammen. Socken aller Art. Für Kinder und Erwachsene.“ Die beiden lachen.

Die polnische Haushaltshilfe wohnt im ersten Stock. Langweilig? Sie zuckt mit den Schultern. „Hier gibt es Internet, und das hilft.“ Über Skype ist sie mit Angehörigen, Freunden und Verwandten immer eng in Kontakt. Ihre Heimat ist 1200 Kilometer von Werl entfernt. Dass das nicht immer leicht fällt, gibt die Polin zu: „Meine Welt ist mein Koffer. Alles ist provisorisch, aber ich kenne das.“ Seit 2011 ist sie in unterschiedlichen Zeitabständen in Deutschland im Einsatz. „Bei Johanna bleibe ich bis Ende Juni.“ Die Werlerin bedauert das, aber sie weiß: „Dann kommt eine andere.“

Ihr Wunsch? „Das ich so gesund bleibe wie bisher und noch ein paar Jahre Zeit habe. Mein Hausarzt macht mir immer Mut, sagt, wie gut ich aussehe.“ Sie strahlt.

Landwirtschaft aufgegeben

Bei der dritten Tasse Kaffee dreht sich das Gespräch noch einmal um den Hof, den ihr Sohn übernehmen sollte. Der landwirtschaftliche Betrieb ist längst aufgegeben, die Tiere sind verkauft und das Land verpachtet. Dass es anders als geplant gekommen ist, darüber schmunzelt sie heute: „Mein Sohn fährt zur Grünen Woche nach Berlin, verliebt sich und landet in einer ganz anderen Ecke.“ Sie weiß, wie es ist: Wo die Liebe hinfällt, gibt es kein Halten mehr. Sie stammt aus dem Münsterland und ist in Werl bei ihrem Heinrich gelandet. Viel im Haus erinnert sie an ihre gemeinsame Zeit. Gedanklich sitzt er mit am Tisch. Ein schönes Gefühl für Johanna Plettenberg.

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